Dr. Christiane Norra bemerkt in der LWL-Klinik aufgrund der Corona-Pandemie eine Zunahme psychischer Belastungen
„Ängste sind gerade jetzt absolut normal“

Paderborn -

Seit März leben wir aufgrund der Covid19-Pandemie in einer Ausnahmesituation. Die damit einhergehende Belastung empfindet jeder unterschiedlich. Generell stellt die LWL-Klinik in Paderborn aber eine Zunahme psychischer Belastungen fest.

Sonntag, 13.12.2020, 17:20 Uhr aktualisiert: 13.12.2020, 17:42 Uhr
Dr. Christine Norra ist Ärztliche Direktorin der LWL-Klinik für psychisch kranke Menschen in Paderborn. Nicht jeder, der sich derzeit deutlich mehr Sorgen macht, müsse allerdings eine daraus resultierende psychische Erkrankung befürchten, sagt sie. Foto: Oliver Schwabe

Im Gespräch mit Redakteurin Maike Stahl stellt die Ärzt­liche Direktorin, Privatdozentin Dr. Christine Norra, auch Strategien vor, um Ängste und Sorgen zu bewältigen.

Wir leben seit mehr als einem halben Jahr unter dem Eindruck der Corona-Pandemie. Was macht die anhaltende Ausnahmesituation psychisch mit uns?

Christine Norra: Wir wissen zwar immer mehr über das Virus, aber es ist eben noch nicht klar, wie die Pandemie-Entwicklung weitergeht, und was dies mit allen Auswirkungen im persönlichen, beruflichen und sozialen Umfeld bedeuten mag. Deshalb ist es mir als Psychiaterin und Psychotherapeutin ganz wichtig zu betonen, dass es absolut normal ist, in dieser Situation Ängste zu haben, sich zu sorgen, bedrückt oder gar traurig zu sein. Das sollte man auch für sich akzeptieren. Es ist auch absolut nachvollziehbar, dass die andauernde Corona-Situation mit den entsprechenden einschränkenden Maßnahmen zu einer erhöhten psychischen Belastung, zu Anspannung und Stresserleben führt. Das sind normal-psychologische Mechanismen in einer Bedrohungssituation und erst einmal kein Grund zur Besorgnis, psychisch zu erkranken.

Haben Angst und Sorge in so einer Situation auch eine gewisse Funktion, indem sie beispielsweise motivieren, sich und andere zu schützen?

Norra : Genau. Wo Angst ist, muss man hingucken und schauen, wie man möglichst positiv damit umgehen kann, beispielsweise indem man sich an die empfohlenen Hygienemaßnahmen hält, um das Ansteckungsrisiko für sich und andere zu reduzieren. Es ist sehr hilfreich, diese schwierigen Gefühle anzuerkennen und zu akzeptieren. Angst ist okay. Eigene Angst zu vermeiden, indem man die auslösende Situation vermeidet, leugnet oder eine komplette Gegenposition einnimmt, wie wir es bei den Anti-Corona-Demonstranten und Verschwörungstheoretikern erleben, hilft natürlich nicht, weil diese schwierigen Gefühle sich dann lediglich weiter aufstauen können.

Sind Menschen, denen es wichtig ist, Kontrolle zu haben, stärker gefährdet, weil man der Pandemie, selbst, wenn man sich an empfohlenen Maßnahmen hält, ein Stück weit ausgeliefert ist?

Norra: Es gibt sicherlich solche, die das als Kontrollverlust erleben, gerade auch, weil der Rechtsstaat jetzt auf eine sehr restriktive Art und Weise auftritt, womit oft eine hohe Belastung und Unzufriedenheit einhergehen. Umgekehrt gibt es aber auch Mitmenschen, die selbst ein hohes Kontrollbedürfnis haben und sich durch die strengen Vorgaben eher bestätigt und sicherer fühlen. Grundsätzlich ist es aber durchaus sinnvoll, Kontrolle zurückzugewinnen, etwa durch sicherndes Verhalten oder neue Alltagsroutinen, um so Ängste zu reduzieren.

Auf der anderen Seite, gibt es diejenigen, die die Kontrolle verlieren. Der Verkauf von Alkohol hat seit dem Frühjahr zugenommen. Beobachten Sie mehr Suchterkrankungen?

Norra: Der erhöhte Gebrauch von Genussmitteln ist besorgniserregend. Insbesondere für die bevorstehenden Feiertage gilt, dass man gemeinsam darauf aufpasst, dass der Konsum nicht ausartet. Wir wissen auch, dass sich viele Patienten mit Suchterkrankungen eher zurückziehen und vermehrt konsumieren. Das betrifft Alkoholiker genauso wie Drogen- und Medikamentenabhängige, aber auch diejenigen, die ihren Medienkonsum nicht mehr im Griff haben.

Was sind sinnvolle Strategien, um Ängste und Sorgen über eine längere Zeit gut zu bewältigen und nicht krank zu werden?

Norra: Aus der Not eine Tugend zu machen, kann sehr helfen. Je positiver und konstruktiver man rangeht, desto mehr können Angst und Stress reduziert werden. Dabei hilft es, das was erforderlich ist, zu verstehen und für sich selbst zu etablieren. Maske tragen beispielsweise ist blöd, hilft aber letztendlich. Insofern sollte die Maske als wirksamer Schutz verstanden und angenommen werden, eher wie ein guter Freund, mit dem man die Krise meistern kann. Entscheidend ist, sich der eigenen Kraft und der Ressourcen bewusst zu sein. Das beeindruckt mich ganz besonders bei betagten Mitmenschen, wenn sie, so sehr gerade sie unter der sozialen Isolation leiden, teilweise robuster sind, weil sie sagen: Wir haben schon ganz andere Zeiten überstanden. Beim ersten Lockdown beispielsweise haben sich viele Nähzirkel zusammengetan und gemeinsam bunte Stoffmasken gefertigt. Etwas zu tun, einer herausfordernden Situation konstruktiv zu begegnen, das heißt, ihr etwas Gutes abzugewinnen, hilft und stärkt. Um auch, wenn der Lockdown anhält, ist es wichtig, gut für sich zu sorgen, eine feste Tagesstruktur mit regelmäßigen Zeiten beizubehalten, die alle Aktivitäten von Essen und Trinken über berufliche Anforderungen bis hin zu sozialen Kontakten – und sei es virtuell – einbezieht. Das gilt vor allem auch für den Nachrichtenkonsum, der auf feste Zeiten und ausgesuchte, souveräne Berichterstatter begrenzt bleiben sollte. Auch körperliche Bewegung, am besten an der frischen Luft, ist grundsätzlich positiv, ebenso wie ein regelmäßiger Tag-Nacht-Rhythmus mit festen Schlafzeiten. Dazu gehört auch morgens aufzustehen, selbst wenn kein Termin ansteht. Gerade wenn sich das Leben und möglicherweise Homeoffice in einem ganz engen Umfeld abspielen, ist es wichtig, sehr auf sich zu achten. Dann sollten die einzelnen Lebens- und Arbeitsbereiche noch mehr voneinander abgegrenzt werden. Das ist nicht einfach, aber machbar, gerade auch, wenn man sich selbst durch kleine Tricks unterstützt, wie fest verabredete telefonische oder Online-Kontakte mit Freunden, Bekannten und Familienangehörigen.

Woran merkt man, wenn man selbst oder andere dennoch drohen, in eine Depression zu rutschen?

Norra: Maßgeblich ist, dass es uns weiterhin gelingt, das Ausmaß an Ängsten und Sorgen begrenzen zu können. Dafür sollte man sich selbst einen gewissen Raum geben, auch zeitlich begrenzt, um sich danach wieder Positivem zuzuwenden. Wenn das nicht mehr möglich ist, sondern Grübeln oder Angsterleben das gesamte Denken und Handeln beherrschen, Panikgefühle entstehen oder eine traurige, freudlose oder gereizte Stimmung länger anhält, sollte man sich darüber austauschen und gegenseitig stabilisieren – primär mit Menschen im eigenen Umfeld. Über Sorgen und Nöte sprechen, hilft. Oder sich mal davon ablenken und Auszeiten nehmen. Wenn aber dieser Zustand über viele Tage und Wochen anhält, es keine Möglichkeit mehr gibt, sich von Ängsten zu entfernen, indem man etwas Positives erlebt, sollte man professionelle Unterstützung anfragen.

Wie und wo bekommt man die angesichts der langen Wartezeiten für psychotherapeutische Hilfe?

Norra: Es gibt schnelle Unterstützung beispielsweise bei der Telefonseelsorge oder anderen Hilfetelefonen, wie dem Bürgertelefon der Landesregierung zum Thema Corona und der Corona-Hotline des Berufsverbandes der deutschen Psychologen, aber auch online bei Selbsthilfegruppen (Kontakte: Infobox). Wenn es darum geht, ärztliche Hilfe zu suchen, ist der Hausarzt der erste Ansprechpartner oder in Notfällen der ärztliche Bereitschaftsdienst. Bei einem stärkeren Leidensdruck sollten Psychiater und Psychologen hinzugezogen werden. Anzeichen dafür können sein: Gedankenkreisen, anhaltende Panik, depressive Verstimmung, Schlafstörungen, Appetit- und Gewichtsverlust oder die Unmöglichkeit, seinen gewohnten Interessen oder Verpflichtungen noch nachzukommen. Bei sehr akuten Beschwerden und im Notfall steht der Notdienst der Kliniken, auch bei uns, zur Verfügung.

Bemerken Sie in der LWL-Klinik eine entsprechend erhöhte Nachfrage nach fachlicher Unterstützung?

Norra: Wir erfahren das gegenwärtig in einem leicht steigenden Maß. Anhaltende Isolation und Einsamkeit, materielle und existenzielle Bedrohung führen dazu, dass sich Betroffene an uns wenden, aber etwa auch solche, die in ihrer Arbeit, Ausbildung oder Familiensituation unter völlig veränderten Rahmenbedingungen überfordert sind. Besonders gefordert sind hier naturgemäß Ältere, Alleinerziehende, Alleinstehende und solche, die wenig soziale Netzwerke haben. Wir erleben auch Menschen, die Schwierigkeiten mit den geltenden Hygieneregeln haben oder unter den Quarantänebedingungen leiden, bis hin zu Panikattacken unter permanentem Masketragen. Aber auch Konfliktsituationen, teilweise gewalttätig, spitzen sich zu. Ich hoffe sehr, dass wir nicht einen ganz harten, andauernden Lockdown bekommen, der das noch befördern könnte.

Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht vor diesem Hintergrund die Aufrechterhaltung des Schulbetriebs?

Norra: Für Kinder und Jugendlich sind ihre gewohnten Sozial- und Arbeitsstrukturen genauso bedeutsam wie für Erwachsene. Außerdem ist es unerlässlich, mit ihnen die Situation, die sie ja auch wahrnehmen, zu besprechen, damit sie nachvollziehen können, was gerade passiert. Vom entwicklungspsychologischen und medizinischen Standpunkt her gesehen, sollte meiner Ansicht nach der Schulbetrieb unter Kalkulation des Risikos so weit wie möglich aufrecht erhalten bleiben. Aber die damit verbundenen Gefährdungen und lokalen Quarantäneanweisungen müssen entsprechend ernst genommen werden. Es ist vorstellbar, dass ein kompletter Lockdown zu einem anderen Zeitpunkt unabwendbar erscheint. Aber gerade für die jüngeren Kinder in Kitas und Grundschulen ist es eine massive Einschränkung, wenn sie nur begrenzt oder gar nicht rausgehen dürfen.

Deshalb hoffe ich sehr, dass bei uns in Deutschland Rausgehen mit Abstand und Ausflüge in Grüne auch weiterhin möglich sind. Wenn Familienverbände tagein-tagaus eng aufeinander hocken, birgt das viel Konfliktpotenzial. Erwachsene sind sicher etwas findiger, was Ausweichformate angeht, aber gerade für die jüngeren Kinder sind gute soziale Kontakte wichtig.

Wie kommen Menschen, die bereits psychisch belastet sind, mit der Situation zurecht?

Norra: Für sie stellt die Corona-Krise noch mal eine größere Belastung dar. Wir sehen, dass es da häufiger zu akuten Krisen kommt. Aber auch solche, die an Covid 19 erkrankt sind, haben in der Folge ein erhöhtes Risiko für Stressfolge- und Angsterkrankungen, Depression, Schlafstörungen. Das wird man mittel- und langfristig betrachten müssen. Wir erwarten eine dritte Welle von psychischen Belastungen und Erkrankungen durch die anhaltende körperliche sowie kognitiv-emotionale Belastung. Das zentrale Nervensystem ist mit betroffen, wie es sich zum Beispiel auch in den anhaltenden postinfektiösen Erschöpfungszuständen zeigen lässt. Wir haben es mit einer Multisystem-Erkrankung zu tun, die die Psyche nicht ausspart. Insgesamt denke ich aber positiv, nämlich, dass die große Mehrheit psychisch widerstandsfähiger und robuster ist, diese Krise global, lokal und individuell nutzt und gut aus ihr wieder rauskommt.

Hier gibt es Hilfe

Telefonseelsorge:  rund um die Uhr anonym und vertraulich, 0800/1110111 oder 0800/1110222. Chat- und Mailberatung unter www.telefonseelsorge-paderborn.de.

Bürgertelefon der Landesregierung zum Thema Corona: 0211/9119 1001.

Der Berufsverband der deutschen Psychologen bietet auf seiner Internetseite (www.bdp-verband.de) weitere Hilfetelefone, aber auch Unterstützung bei der Vermittlung von Facharztterminen.

Tipps zur Selbsthilfe in Corona-Zeiten gibt es außerdem auf der Internetseite der Selbsthilfe-Kontaktstelle Paderborn (www.selbsthilfe-paderborn.de).

Wenn die Beschwerden nicht nachlassen, sollte der Hausarzt oder der Ärztliche Bereitschaftsdienst (116117) kontaktiert werden, im Notfall der Notdienst der Kliniken.

 

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