Frauen aus dem Erzbistum Paderborn fordern mehr Transparenz bei der Aufarbeitung von Missbrauch im Erzbistum Köln
„Sehr geehrter Herr Erzbischof Becker...“

Paderborn (WB) -

6 Frauen aus dem Erzbistum Paderborn haben in der vergangenen Woche einen offenen Brief an Erzbischof Hans-Josef Becker (72) geschrieben. Die Katholikinnen bitten ihn, sich in der Bischofskonferenz dafür einzusetzen, dass der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki (64) das unter Verschluss gehaltene Gutachten zu Missbrauch und Verschleierung im Erzbistum Köln endlich öffentlich macht.

Mittwoch, 02.12.2020, 07:34 Uhr aktualisiert: 02.12.2020, 08:36 Uhr
Vier Katholikinnen und weitere Frauen fordern Erzbischof Hans-Josef Becker (Foto) in einem Brief auf, sich für Transparenz bei der Missbrauchsaufklärung einzusetzen. Foto: Generalvikariat

Initiatorin des Schreibens ist Claudia Siegel (48) aus Paderborn. Ihre beiden pubertierenden Töchter, erzählt die Krankenschwester, hätten im Moment „keinen Bock auf Kirche“. Dabei erlebten sie doch, dass ihre Mutter sich seit Jahren in St. Julian im Schatten des Paderborner Doms engagiere.

 „Aber sie erleben eben auch, dass ich ihre Fragen nicht immer beantworten kann.“ Der Umgang der Kirche mit geschiedenen Katholiken, mit Ho­mosexuellen, mit sexuellem Missbrauch durch Amtsträger – da sei vieles doch sehr unbefriedigend. „Und dazu wollen wir nicht einfach schweigen. Wir möchten etwas verändern.“

Wir – das sind Frauen, die sich in der Initiative Maria 2.0 engagieren. Einer Initiative, die sich 2019 von der Heilig-Kreuz-Gemeinde in Münster über ganz Deutschland verbreitet hat. Eine Initiative, die für eine transparente Aufklärung der Sexualverbrechen eintritt. Und die die Gleichberechtigung von Frauen in kirchlichen Ämtern und die Abschaffung des Pflichtzölibats fordert. Dabei soll der Name für eine neue Maria stehen – für eine Frau, die nicht mehr nur Dienerin ist, für einen Neuanfang.

Auch Barbara Erdmeier (68), pensionierte Schulleiterin aus Bielefeld, hat den Brief an Erzbischof Becker unterschrieben. „Der Ausschluss der Frauen etwa vom Priesteramt und das Vertuschen von Missbrauchstaten hängen zusammen“, sagt sie. Das jahrzehntelange Beschützen der Täter sei letztlich nur in dem abgeschotteten Männerbund möglich gewesen, der die Kirche noch immer sei. Vor etwa 45 Jahren, sagt die Katholikin, habe sie mit dem Paderborner Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt gesprochen. „Ich fragte ihn: Was wollen wir denn gegen den Priestermangel tun? Und er antwortete: Junge Frau, beten Sie!“ An dieser Einstellung habe sich, so fürchte sie, bis heute nicht viel geändert.

Elisabeth Niehaus (64), die als Medizinische Fachangestellte gearbeitet hat, engagiert sich seit Jahrzehnten in der Bielefelder St.-Johannes-Baptist-Gemeinde. Sie ist Kommunionhelferin und hat unter anderem eine Fortbildung zur Wort-Gottes-Leiterin absolviert. „Trotzdem habe ich, wenn es etwa um einen Gottesdienst geht, für den wir einen Priester brauchen, kein Bestimmungsrecht. Ich kann nicht auf Augenhöhe arbeiten.“

Dass Frauen in der katholischen Kirche eine untergeordnete Rolle spielten, habe sie immer hingenommen. „Auszutreten war für mich keine Option. Deshalb habe ich das, was mich stört, lange einfach ausgeblendet.“ Als dann 2019 die Initiative Maria 2.0 entstand, sei das so etwas wie ein Ventil gewesen. Und so blieben Elisabeth Niehaus und andere Frauen an einem Sonntag im Mai 2019 einfach vor der Kirche stehen und gingen nicht hinein – eine symbolische Aktion. „Wir wollten zeigen, das die katholische Kirche Frauen außen vor lässt.“

Doch es soll nicht bei symbolischen Akten bleiben. Der Brief an den Erzbischof, den auch die frühere Lehrerin Maria Bonse (66) unterzeichnet hat – er soll etwas Konkretes erreichen. „Natürlich gibt es sexuellen Missbrauch in allen gesellschaftlichen Gruppen“, sagt die Katholikin aus der Christkönig-Gemeinde in Bielefeld. „Aber die katholische Kirche hat ja einen besonderen moralischen Anspruch. Und das passt eben nicht zum Verschleiern und Vertuschen.“ Ja, sie habe schon einmal darüber nachgedacht, der Kirche den Rücken zu kehren, sagt Maria Bonse. „Aber dann sind da Dinge wie das Gemeindeleben, die einen den Ärger über die strukturellen Defizite verdrängen lassen.“

Keine der Unterzeichnerinnen hat persönlichen Kontakt zu einem Missbrauchsopfer. „Aber natürlich wissen wir inzwischen, dass es nicht nur Jungen trifft. Es gibt auch bedrückende Schilderungen erwachsener Frauen“, sagt Barbara Erdmeier. Dass die Kirche für die Täter lange Zeit ein Schutzraum gewesen sei, sei für sie unerträglich, ergänzt Claudia Siegel. Neben dem vielen Verbindendem in der Kirche gebe es eben auch einen „große Wunde“, in die der Finger gelegt werden müsse. „Wer, wenn nicht unser Erzbischof Becker, kann unsere Anliegen in die Bischofskonferenz tragen?“, fragt sie. Die Ereignisse in Köln riefen „Fassungslosigkeit und Entsetzen hervor“, heißt es in dem Brief an Erzbischof Becker. Schweigen sei eine „lautlose Macht“.

Zu ihrer großen Überraschung fand Claudia Siegel bereits am Montag eine Antwort des Erzbischofs im Briefkasten. Hans-Josef Becker bot den Frauen ein Gespräch an, das Anfang des neuen Jahres stattfinden soll. „Das ist schon mal schön“, sagt die 48-Jährige. „Und mehr, als ich erwartet habe.“ Denn nach einen Gesprächswunsch, den man im Frühjahr geäußert habe, habe Becker per E-Mail um Verständnis dafür gebeten, dass ihm ein Treffen mit den Paderborner Maria-2.0-Frauen nicht möglich sei.

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