War die Angeklagte (47) aussagefähig oder nicht? Kaum Fortschritte im Borchener Mordprozess
Paderborner Schwurgericht tappt weiter im Dunkeln

Paderborn/Borchen -

Der Prozess um den Mord an einer 76-jährigen Witwe aus Borchen kommt nur schleppend voran. Neue Erkenntnisse sind oft wenig aussagekräftig. Am Freitag wurde der Düsseldorfer Toxikologe Prof. Dr. Thomas Daldrup als Sachverständiger befragt, um offene Punkte zur Aussage­fähigkeit der angeklagten Tochter zu klären.

Freitag, 27.11.2020, 18:29 Uhr aktualisiert: 28.11.2020, 08:46 Uhr
Symbolbild. Foto: dpa

Seit mehreren Sitzungen ist die körperliche und geistige Verfassung der Beschuldigten das dominierende Thema des Prozesses. Die Verteidigung bezweifelt aufgrund des Einflusses von Medikamenten und möglichen Nebenwirkungen die Aussagefähigkeit ihrer Mandantin zum Zeitpunkt der ersten Vernehmung im Nürnberger Krankenhaus. Dort wurde die 47-Jährige nach einem tödlichen Autounfall auf der A3, bei dem ein 76-Jähriger starb, und ihrem anschließenden mutmaßlichen Suizidversuch be­handelt.

In der ersten Vernehmung durch zwei Polizeibeamte in Nürnberg, die auf Tonband aufgenommen und anschließend verschriftlicht wurde, gebe es laut Prof. Dr. Daldrup Auffälligkeiten. So habe er den Eindruck gehabt, dass die ersten zwei Stunden des insgesamt vierstündigen Gesprächs deutlich „mühsamer und stockender“ gewesen seien als die letzten beiden. „Nach der Pause sind meiner Einschätzung nach die Formulierungen länger und flüssiger gewesen. Deshalb frage ich mich, ob sich der Zustand der Angeklagten deutlich verändert hat“, gab Prof. Dr. Daldrup zu bedenken.

Als Zeuge sagte auch der Polizist aus, der die Vernehmung im September 2019 in Nürnberg durchgeführt hatte. Ihm zufolge habe sich der Zustand der 47-Jährigen nicht verändert. Es habe immer wieder Phasen gegeben, in denen die Angeklagte kürzere oder längere Antworten gegeben habe. Dieser Einschätzung folgte auch Richter Eric Schülke.

Nach Ansicht von Daldrup war die Beschuldigte zum Zeitpunkt der Vernehmung im Nürnberger Krankenhaus nicht überdosiert. „Die Verträglichkeit und mögliche Nebenwirkungen sind je nach Patient individuell“, sagt der Toxikologe. Die Dosierung erfolge unter anderem je nach Alter, Geschlecht, Gewicht und dem physischen wie psychischen Zustand des Patienten und sei deshalb häufig gut abgestimmt. Inwiefern die Angeklagte unter möglichen Nebenwirkungen wie Gedächtnisverlust oder Konzentrationsmangel gelitten haben könnte, vermochte der Sachverständige nicht zu beurteilen.

„Es ist durchaus möglich. Von solchen Wirkungen kann man grundsätzlich ausgehen. Aber ist es auch so eingetroffen?“, konnte auch der Toxikologe keine Fakten sprechen lassen. Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt.

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