Citymanager und Werbegemeinschaft sorgen sich um den Handel in der Paderborner Innenstadt
„Positiv nach vorn blicken“

Paderborn -

Corona beflügelt den Online-Handel im gigantischem Ausmaß. Dazu kommt jetzt als Start des Weihnachtsgeschäfts die omnipräsente Werbung des Online-Handels für den „Black Friday“ mit einer Rabattschlacht in fast allen Bereichen.

Donnerstag, 26.11.2020, 10:35 Uhr aktualisiert: 26.11.2020, 10:52 Uhr
Die Besucherfrequenz in der Paderborner Innenstadt ist seit dem neuerlichen Lockdown wieder stark gesunken. Foto: Oliver Schwabe

Über die Entwicklung hat Redakteur Ingo Schmitz mit Paderborns Citymanager Heiko Appelbaum und Werbegemeinschaftsvorsitzenden Uwe Seibel gesprochen. Lesen Sie dazu auch die zwölfseitige Sonderbeilage in unserer Donnerstagsausgabe.

Macht Ihnen der Black Friday mit Blick auf den stationären Einzelhandel Sorgen?

Uwe Seibel: Der Black Friday ist ja nicht neu. Ob online oder stationär. Wir wissen, dass viele Kundinnen und Kunden vor diesem Tag eine Kaufzurückhaltung an den Tag legen. Sie wissen und erwarten, dass es zum Super-Freitag, wie er mitunter auch genannt wird, Sonderangebote gibt. Dadurch beginnt das Weihnachtsgeschäft bereits Ende November. Ein ursprünglich im Internet-Shopping entstandenes Phänomen hat sich auch auf den stationären Handel verlagert.

Heiko Appelbaum: Und das Internet als globale Verkaufsplattform entwickelt sich rasant weiter. Hinter den Angeboten verbergen sich längst technische Prozesse, die Preisverläufe steuern und das Kundenverhalten genau analysieren. Der gläserne Kunde ist längst Realität und es wird Zeit, die Hintergründe genauer zu diskutieren. Den persönlichen Kontakt, das Lächeln und die freundlichen Worte im stationären Handel kann das Internet nicht bieten. Auch das ist sicher ein Ansatzpunkt, den wir als Gesellschaft in den Fokus rücken sollten.

Wie sehen Sie die Rabatte, die der heimische Einzelhandel den Kunden anbietet?

Uwe Seibel: Rabatte sind eine gute Möglichkeit, Kunden anzulocken. Aber mittelfristig machen sie die regulären Preise unglaubwürdig.

Heiko Appelbaum: Überzogene Rabatte locken vor allem die preissensible Kundschaft an und wenn am Ende vom Umsatz kein Gewinn mehr übrig bleibt, ist das Geschäftsmodell zu hinterfragen. Aber wenn maßvoll rabattiert wird, geht das in Ordnung. Wir dürfen nur nicht in die Situation kommen, dass die Kundinnen und Kunden den Einkauf zu regulären Preisen verweigern und eine Rabattierung bei jedem Einkauf voraussetzen.

Welche Bedeutung hat der Super-Freitag für Händler als Umsatzbringer?

Uwe Seibel: Zu normalen Zeiten ist das ganze „Super-Wochenende“ durch markant höhere Umsätze geprägt. Auch der stationäre Handel möchte darauf nicht mehr verzichten. Allerdings handelt es sich dabei um eine zeitliche Verschiebung.

Heiko Appelbaum: Die Menschen kaufen ihre Weihnachtsgeschäfte mittlerweile schon Ende November ein. Das gilt vor allem für Produkte mit einem gut vergleichbaren Preis, die am „Super-Wochenende“ stark reduziert sind. Wenn sich der Enkel ein bestimmtes Klemmbaustein-Set wünscht, das zur unverbindlichen Preisempfehlung um 50 Prozent rabattiert angeboten wird, landet es schnell in der Einkaufstasche oder im Warenkorb.

Durch Corona und den Lockdown, der vor allem die Gastronomie trifft, sind die Besucherzahlen in den Innenstädten deutlich reduziert. Wie sehen aktuell die Schwankungen unterhalb der Woche aus und was erwartet der Einzelhandel für den Super-Freitag und Samstag?

Uwe Seibel: Der neuerliche Lockdown hatte zur Folge, dass die Besucherfrequenz in der Fußgängerzone – uns liegen die Daten aus der Westernstraße vor – wieder stark gesunken ist. Für uns ist es ein deutliches Signal dafür, dass Gastronomie und Einzelhandel sich gegenseitig bedingen. Gerade die Innenstadt ist sehr von Textil- und Schuhhandel geprägt; diese Segmente leiden aktuell besonders.

Heiko Appelbaum: Die Schwankungen sind sehr unterschiedlich. Wir haben eine gewisse Grundfrequenz und je nach Witterung kommen mehr oder weniger Menschen in die Fußgängerzone. Für uns wichtiger ist aber, ob in den Geschäften auch Umsätze getätigt werden. Und hier sehen wir im Vergleich zu Vorjahren massiv sinkenden Zahlen. Das sehen wir in Summe auch für das kommende Wochenende.

Warum halten Sie verkaufsoffene Sonntage in dieser Vorweihnachtszeit besonders für geboten und wie sehr schmerzt die Entscheidung des OVG?

Uwe Seibel: Das Argument der Entzerrung vor allem zur Entlastung der Adventssamstage wiegt aus meiner Sicht schwer. Durch das Fehlen des Weihnachtsmarktes ist die Frequenz in der Innenstadt an den Sonntagen ohnehin nicht so hoch. Aus unserer Sicht wären zwei verkaufsoffene Sonntage wichtig gewesen, um die Umsatzeinbußen zumindest ein wenig wettzumachen.

Heiko Appelbaum: Mich stört die augenscheinliche Ungleichbehandlung: Der stationäre Einkauf für einen überschaubaren Zeitraum – wir reden auf den Dezember und Paderborn bezogen über zehn Sonntags-Stunden – wird untersagt, während im Internet rund um die Uhr gekauft werden kann.

Kein Weihnachtsmarkt, keine persönlichen Kontakte: Wie gestalten Sie Ihre Vorweihnachtszeit? Wie kompensieren Sie den Verlust der Kontakte? Und was ist Ihre Empfehlung?

Uwe Seibel: Die Kontakte gibt es nach wie vor – nur weniger persönlich und viel mehr per Telefon oder via Internet. Aber es ist schon anders und mir fehlen die persönlichen Gespräche. Allerdings sind die Werbegemeinschaft und andere Institutionen in den vergangenen Monaten noch enger zusammengewachsen. Dieses verstärkte Netzwerk wird auch für unsere Kommunikation der Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Auch die Familie rückt wieder mehr in den Vordergrund und auch die Spaziergänge mit unserem Hund bieten Entspannung. Meine Empfehlung: Wir müssen positiv nach vorn blicken und uns gegenseitig stützen.

Heiko Appelbaum: Die ganz besondere Atmosphäre des Weihnachtsmarktes, das Genießen mit allen Sinnen: Mir fehlt das sehr. Das ist alles ein bisschen so, wie im Juli, als wir eigentlich Libori feiern wollten. Aktuell genieße ich abendliche Spaziergänge rund um den Dom, der wieder herrlich beleuchtet ist. Und regelmäßige Visiten in der Innenstadt – natürlich unter Einhaltung aller Regeln – gehören nach wie vor zum Alltag. Schon im vergangenen März habe ich mit meiner Familie damit begonnen, die Paderborner Innenstadt außerhalb des Inneren Rings zu Fuß zu erkunden. Das entschleunigt und es eröffnen sich stets neue Blickwinkel. Dank der vorweihnachtlichen Beleuchtung gibt es nahezu in jeder Straße immer wieder schöne Lichtblicke.

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