Paderborner Studentin entwirft nachhaltige Mode und wirbt für bewussten Konsum
Taschen aus Schläuchen

Paderborn -

Alte Reifen sind für Veronika Muschol kein Abfall. Aus Motorrad- und Truckschläuchen macht die 23-Jährige „BeltBags“: Taschen für umweltbewusste Menschen.

Donnerstag, 26.11.2020, 07:56 Uhr
Studentin Veronika Muschol stellt außergewöhnliche Taschen her vor. Ein Praktikum in Kambodscha inspirierte sie. Foto: Oliver Schwabe

In Klamotten-Discountern, in denen T-Shirts verramscht werden, würde die junge Frau niemals einkaufen: „Fast Fashion spiegelt die Wegwerfgesellschaft wider, da werden T-Shirts für zwei Euro gekauft, gar nicht angezogen und schnell wieder entsorgt.“ Das sei respektlos den Herstellern gegenüber.

Unter Fast Fashion, also der schnellen Mode, versteht man die rasche Abfolge von Kollektionen, verbunden mit dem Zwang der ständigen Aktualität. Möglichst viele Kleidungsstücke zu verkaufen, steckt als Ziel dahinter. Im Gegenzug bekommen die Näherinnen und Näher in Ländern wie Indien oder Bangladesch für ihre Arbeit nur Hungerlöhne. Dagegen setzt die sogenannte Slow Fashion, die langsame Mode, auf Nachhaltigkeit, Qualität und Langlebigkeit. Soziale Standards wie faire Bezahlung und ökologische Richtlinien wie der Verzicht auf gesundheitsgefährdende Materialien und Herstellungsverfahren werden hier eingehalten. Zudem plädiert Slow Fashion für weniger, aber dafür bewussten Konsum.

Genau diesen Weg beschreitet Veronika Muschol mit ihrem Upcycling von Motorrad- und Truckreifen. Ihre besonderen Taschen hat die Studentin der Fächer Kunstvermittlung und Modetextil-Design in Paderborn bei einem Auslandspraktikum in Kambodscha entworfen und hergestellt. In einem Vorort der bei Touristen beliebten Stadt Siemreap besuchte sie im Winter 2019/2020 das Modelabel Off Track Accessoires, das nachhaltig produzierte Taschen und Rucksäcke anbietet. Abgesehen von der Produktion der Taschen und Rucksäcke finanziert das Modelabel eine Schule, in der Kinder zum Beispiel Englisch lernen können. „Für meine Taschen habe ich alte Truck- und Motorradschläuche als Grundmaterial ausgewählt. Ich habe sie aufbereitet, geputzt, geglättet und dann mit einer alten Nähmaschine aus der Polsterindustrie vernäht“, erzählt Veronika Muschol. In eines ihrer Taschendesigns arbeitete sie Lotusseide ein, die sie von einer lokalen, nachhaltigen Lotusfarm bekam. Ihre Taschen beschreibt sie als schlicht, robust, wasserabweisend und alltagstauglich. Schwarz lasse sich mit anderen Farben gut kombinieren. Gleichzeitig seien die Taschen durch ihre Herkunft exotisch und deshalb einzigartig, weil „jeder Reifen von der Struktur her anders aussieht“.

Veronika Muschol spricht selbst von einer veganen Alternative zum Leder. Sie selbst kauft viel in Secondhand-Läden ein und trägt die alten Wollpullis ihres Vaters auf. Veronika Muschol betont: „Ich möchte mit meinen „BeltBags“ kein Moralapostel sein, aber ein Bewusstsein dafür schaffen, dass ein Umdenken erforderlich ist. Die Verantwortung liegt letztlich bei jedem selbst.“ Das Bedürfnis, mit neuen Klamotten auf Partys immer wieder die Blicke auf sich zu ziehen, ist ihr fremd.

Sie liebe das einfache Leben, und einfach war das Leben in Kambodscha in jedem Fall. „Ich habe mit dem Sohn der Chefin in einer WG gelebt, es war alles sehr familiär“, erzählt die 23-Jährige. Im Dschungel lief ihr ein Hund zu. Das Einzige, was sie nicht vermisst, sind die schwüle Luft und Temperaturen von bis zu 38 Grad bereits im Februar. Weil das Coronavirus auch Kambodscha nicht ausspart, musste Veronika Muschol vorzeitig abreisen. Weil jetzt die Touristen fehlten, gehe es den Menschen und dem Modelabel mit vier Näherinnen schlecht, bedauert die junge Frau. Ihre „BeltBags“, die man sich umhängen oder um die Hüfte tragen kann, zeigt sie noch bis zum 15. Dezember in der KleppArt (Räume für Textiles und Kultur) an der Kleppergasse in Paderborn. Sie werden dort unter dem Motto „Augen auf Zerfall“ ausgestellt. Muschol macht eben aus alten, zerfallenden Produkten neue.

„Ich würde die Taschen verkaufen und den Erlös an das Label in Kambodscha weitergeben“, macht die Studentin im fünften Semester deutlich, wie sehr ihr die Menschen dort ans Herz gewachsen sind. Erreichbar ist sie über die E-Mail-Adresse beltbags@gmx.de und im Internet über die Klepp­Art (www.kleppart.de).

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