Projekt „Arche Nova“ in Paderborn zeigt Probleme des Lockdowns
Bist Du noch Du?

Paderborn (WB). „Vermutlich ist es gut, dass alle diesen beachtlichen Freiheitsverlust für den Moment hinnehmen.“ Aber wie lange dauert ein Moment? Ist es ein Wimpernschlag oder eine Ewigkeit?

Montag, 02.11.2020, 20:11 Uhr aktualisiert: 03.11.2020, 10:52 Uhr
Tatjana Poloczek (hinten) und Max Rohland philosophieren in einem Container als Schauplatz über das Thema Isolation. Foto: Rebecca Borde

Die Aussage von Kevin Kader stammt aus einem vieler Briefe, außen auf dem Holzcontainer am Kardinal-Degenhardt-Platz. Dort war im Zeitraum vom 29. bis zum 31. Oktober das Kunstprojekt „Arche Nova” zu sehen, eine experimentelle Inszenierung von „Der Kleine Container“ mit dem Kollektiv „boat people projekt“, die die Isolation während der Corona-Pandemie thematisiert.

Das Projekt lud bis zu acht Zuschauer gleichzeitig ein, ins Innere des Containers zu schauen, in welchem Tatjana Poloczek und Max Rohland für je 15 Minuten über das Leben unter den Bedingungen des Lockdowns philosophierten. Dabei unterhielten sie sich nicht nur, sondern lasen auch Briefe und Gedanken vor. Diese sammelte das Projektteam bereits im Frühjahr. Auch Aufnahmen von Interviews waren zu hören. Viele der Gedanken stammen von Passanten der Paderborner Innenstadt.

Zuschauer als „Gaffer“

Doch das Projekt weist eine weitere Besonderheit auf: Während die beiden Schauspieler im Inneren des Containers in einem Chaos aus herumliegenden Kleidungsstücken, Briefen und Gedanken gefangen waren, befanden sich die Zuschauer außen. Sie starren durch ein ihnen zugeteiltes Fenster in den Raum, wie Gaffer. Für Tatjana Poloczek und Max Rohland ein merkwürdiges Gefühl, denn sie wurden von allen gesehen und waren doch allein. „Mittlerweile ist es hier drin ganz gemütlich geworden. Wir haben uns ganz gut eingerichtet“, berichtet Poloczek, „Aber man hat schon ein starkes Isolationsgefühl.“ Denn es ist wie in Quarantäne.

Ein Schwanken zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit. Die Zeit scheint aus den Fugen geraten zu sein und wird der Raum nicht jeden Tag ein bisschen kleiner? Die Luft zum Atmen fehlt. Und all das wegen eines Virus, etwas so kleinem, dass wir es mit dem bloßen Auge nicht sehen können. Aber seine Auswirkungen sind gigantisch und werfen viele Fragen auf: Werden Menschen egoistischer oder solidarischer? Bist Du eigentlich noch Du? Und wenn Du mehr als das bist, wie viele Dus bist du dann?

Max Rohland konnte keine klare Antwort formulieren und bombardierte seine Zuschauer mit unvollendeten, inhaltslosen Sätzen und bringt die Ratlosigkeit der Menschen zum Ausdruck.

Metamorphose der Knotenameisen

Matthias Boosch, dessen Texte am Äußeren des Containers aushingen, versucht ebenfalls Antworten zu finden. Er vergleicht den Lockdown mit der Metamorphose der Knotenameisen, die sich eine eigene kleine, friedliche Welt geschaffen haben, in der niemand etwas von dem Chaos der Menschenwelt bemerkt. Gründe für dieses Chaos sucht Boosch vor allem in der Politik, denn „in Bayern soll es ja auch schon Menschen geben, die wegen wiederholten Bücherlesens auf Parkbänken Haftstrafen absitzen“.

Aber ist es legitim, Freiheit so sehr einzuschränken? Was ist, wenn es gar nicht mehr nur um Gesundheit geht und es handelt sich um „einen autoritär auftretenden Staat, der nun eine gute Begründung für alle Überwachungsmaßnahmen hat. Erst kommt die Bedrohung, der Virusfeind, Demokratie muss jetzt zweitrangig sein“, mutmaßte Boosch und erinnert stark an Orwells 1984. Möglichkeiten werden durchdacht und überdacht bis einem der Kopf zerplatzt.

Als dann ein Interview abgespielt wird und die Worte: „Schlimme Dinge werden passieren“ in der Luft hängen wie eine schwere Gewitterwolke vorm Platzregen, ist die Atmosphäre angespannt und ein Gefühl macht sich breit: Die Dinge sollen wieder normal werden. Aber wann soll es soweit sein? Und was ist jetzt noch normal?

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