Paderborner besuchen ein letztes Mal vor dem Lockdown die Gastronomie
Der Sturm vor der großen Ruhe

Paderborn (WB). Es war der große Andrang vor der verordneten Zwangspause: Am Wochenende haben noch einmal etliche Menschen die heimischen Gastronomiebetriebe aufgesucht. In der Paderborner Innenstadt herrschte am Freitag- und Samstagabend reger Betrieb. Freie Tische – selbst unter freiem Himmel – waren vielerorts nicht mehr zu bekommen. Verständnis für den Lockdown haben indes nur wenige Wirte.

Montag, 02.11.2020, 07:11 Uhr aktualisiert: 02.11.2020, 07:14 Uhr
Samstagabend, 21 Uhr: Auf dem Rathausplatz herrscht in Paderborn reges Treiben. In den Gastronomiebetrieben gibt es kaum freie Tische – sogar unter freiem Himmel. So voll wie auf diesem Bild wird es in den kommenden Wochen wohl kaum mehr im Herzen der City werden. Foto: Ingo Schmitz

Und auch die Gäste äußerten trotz der erneut gestiegenen Corona-Infektionszahlen vielfach Unverständnis für die Maßnahmen. Am Samstag wurden 80 neue Covid-19-Fälle vermeldet, 461 Menschen sind im Kreis Paderborn aktuell infiziert. Der Inzidenzwert der vergangenen sieben Tage stieg auf den Höchstwert von 86,1.

Viele Stornierungen

Dirk Tschischke, Vorsitzender der Köchevereinigung und Betreiber des Restaurants Fischteiche, hat bereits alle Vorbereitungen getroffen, damit in den kommenden Wochen die Küche nicht komplett kalt bleiben muss. Der Außerhaus-Verkauf soll ein wenig helfen, die zu erwartenden Verluste ein Stück weit auszugleichen. Derzeit klingele oft das Telefon, verrät der Chef. In den meisten Fällen gehe es allerdings um Stornierungen, beklagt er.

Der Lockdown-Beschluss habe sich in den vergangenen Tagen erheblich auf die Gästezahlen ausgewirkt. Für eine Konfirmation am Samstagmittag seien ursprünglich mehr als 50 Gäste angemeldet gewesen. Letztendlich hätten nur noch zehn Leute am Tisch gesessen, sagt Tschischke.

Große Tafel mit viel Abstand: Ein letztes Mal vor dem Lockdown treffen sich Herbert und Margret Gockel aus Buke sowie Gunhild und Werner Damke aus Paderborn zum Essen.

Große Tafel mit viel Abstand: Ein letztes Mal vor dem Lockdown treffen sich Herbert und Margret Gockel aus Buke sowie Gunhild und Werner Damke aus Paderborn zum Essen. Foto: Ingo Schmitz

Nach dem Lockdown im Frühjahr habe es eine ganze Weile gebraucht, bis das Geschäft sich wieder stabilisiert habe. „Es lief gerade – unter Berücksichtigung der Corona-Maßnahmen – wieder richtig gut. Und ausgerechnet jetzt kommt der neue Lockdown“, sagt Tschischke. Im Frühjahr habe er seine Beschäftigten voll weiter bezahlt. Diesmal werde er wohl oder übel Kurzarbeit anmelden müssen. Das Ausfallgeld des Bundes von bis zu 75 Prozent des Novemberumsatzes 2019 für die Betriebe sei zwar gut gemeint. „Aber wir verdienen unser Geld lieber selbst“, betont der Gastronom. Er denke schon weiter und befürchte, dass die Milliardenhilfen aus Berlin in absehbarer Zeit zu erheblichen Steuererhöhungen führen werden.

Darüber diskutierten auch Herbert und Margret Gockel aus Buke sowie Gunhild und Werner Damke aus Paderborn, die sich am Samstagabend zum Essen verabredet hatten und mit reichlich Abstand am Tisch saßen. „Es ist schlimm, dass dieses schöne Restaurant in den kommenden Wochen leer sein wird“, meinte Herbert Gockel. Abstand, regelmäßiges Lüften, Desinfektion: All das werde befolgt. Die Schließung treffe leider auch die gewissenhaften Betreiber, meint das Ehepaar Damke.

Nimmt Bestellungen und Stornierungen entgegen: Dirk Tschischke vom Restaurant Fischteiche.

Nimmt Bestellungen und Stornierungen entgegen: Dirk Tschischke vom Restaurant Fischteiche. Foto: Ingo Schmitz

Zeitgleich wurde im Paderborner Brauhaus in der Kisau eifrig Bier gezapft. Doch um 22.20 Uhr wurde mit Blick auf die vorgezogene Sperrstunde der Ausschank beendet – sehr zum Leidwesen mancher Gäste. „Dass um 23 Uhr Schluss sein musste, kam bei den Gästen nicht gut an. Als wir um 23.30 Uhr vom Ordnungsamt kontrolliert wurden, waren aber nur noch Gäste im Haus, die auf ihr Taxi warteten“, berichtete Gastronom Karl-Heinz Militzer, der neben dem Deutschen Haus auch das Brauhaus betreibt. „Seit der Aufzeichnungspflicht ist kein einziger Fall auf die Gastronomie zurück zu führen gewesen. Danach ist die Gastronomie der sicherste Ort.

Kurzarbeitergehalt und kein Trinkgeld

Warum trifft es also wieder uns?“, fragt Militzer, der fast 50 Beschäftigte hat und sie alle in Kurzarbeit schicken muss. „Denen fehlt nicht nur 40 Prozent vom Lohn, sondern auch das Trinkgeld, das viele mit einkalkulieren. Und das genau vor Weihnachten“, bedauert er. Dennoch seien die Beschäftigten verständnisvoll. „Sie fragen mich: ‚Kalla, geht es hinterher weiter?‘ Ich bin grundsätzlich ein positiv gestimmter Mensch. Ich habe noch nie gesagt, dass mir die Arbeit keinen Spaß macht. Aber jetzt ist der Punkt erreicht.“

Bislang habe man noch keinen Außerhaus-Verkauf in Betracht gezogen. Weil er aber derzeit keine Chance für Weihnachtsfeiern sieht, muss Militzer nun umdenken. An diesem Montag werden zunächst die Pavillons abgebaut, die wegen Corona an der Kisau aufgestellt worden sind. „Wenn wir geschlossen haben, wollen wir zumindest nicht die Parkplätze blockieren“, sagt er.

Informationen zum Coronavirus

Mit der Feststellung der sogenannten Gefährdungsstufe II und der Allgemeinverfügung des Kreises Paderborn (hier als PDF auf der Kreis-Website) sind am 28. Oktober eine Reihe von weiteren Schutzmaßnahmen in Kraft getreten, die in der Corona-Schutzverordnung von NRW aufgelistet sind. Von Montag, 2. November, an gilt die neue Corona-Schutzverordnung des Landes NRW (Link führt zum PDF auf der Landes-Website).

Das Paderborner Kreisgesundheitsamt ist montags bis freitags von 9 bis 16 Uhr sowie samstags von 12 bis 16 Uhr unter der Telefonnummer 05251/3083333 erreichbar. www.kreis-paderborn.de/corona

Hier gibt es eine Übersicht des Kreises zu allen aktuellen Regelungen.

Alle Entwicklungen rund um das Coronavirus in OWL, Deutschland und auch weltweit lesen Sie in unserem Newsblog.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7659100?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198401%2F2512560%2F
RKI mahnt zu deutlich stärkerer Corona-Eindämmung
Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), spricht bei einem Pressebriefing zur aktuellen Covid-19-Lage in Deutschland.
Nachrichten-Ticker