Gestresst, beleidigt, bedroht: Medizinische Fachangestellte aus Paderborn berichtet über Alltag in einer Hausarztpraxis
„Etliche von uns sind kurz vor dem Burn-out“

Paderborn (WB). Seit 13 Jahren arbeitet sie in einer Paderborner Hausarztpraxis. Die 38-Jährige macht diesen Job gern. Doch in der Corona-Krise kommt die Medizinische Fachangestellte (MFA) an ihre Grenzen. Die Paderbornerin, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, ist der Verzweiflung nah. In der Praxis er­lebe sie nicht nur Stress, sondern sei auch Beleidigungen ausgesetzt.

Freitag, 30.10.2020, 08:02 Uhr aktualisiert: 30.10.2020, 08:12 Uhr
In Hausarztpraxen haben die Mitarbeiter aktuell nicht nur viel Stress. Manchmal werden sie auch beleidigt und bedroht. Foto: dpa

„Neulich hat jemand auf den Fußboden gespuckt, als ich ihn darauf hingewiesen habe, die Maske aufzusetzen“, sagt sie. Ein anderer Patient drohte ihr, sie zuhause aufzusuchen. Ein Erfahrungsbericht über die tägliche Arbeit in einer Hausarztpraxis:

Nicht mehr zu schaffen

„Wir Medizinischen Fach­angestellten sind am Ende unserer Kräfte. Der Praxisalltag für die meisten MFAs ist einfach nicht mehr zu schaffen. Es gibt etliche Kolleginnen, die kurz vor einem Burnout stehen und sich beruflich umorientieren wollen, weil der Beruf nichts mehr mit dem zu tun hat, den sie erlernt haben. Wir haben zum Glück einen sehr guten Rückhalt durch unsere Chefin, aber das ist bestimmt nicht überall so. Ich will nicht mehr Geld, sondern nur auf die Probleme aufmerksam machen.

Dass Corona sich auf den Gemütszustand mancher Menschen auswirkt, ist bekannt. Aber dass so viele MFAs den Unmut täglich abbekommen, darüber spricht niemand. Es wird fast täglich in den Medien darüber berichtet, dass es nicht genug Pflegepersonal in den Krankenhäusern gibt, dass die Gesundheitsämter überfordert sind mit der Kontaktnachverfolgung. Aber was ist mit den Arztpraxen? Darüber liest man nichts. Das war zu Beginn der Pandemie auch schon so. Dabei sind wir die erste Anlaufstelle und tagtäglich immer direkt an der Front. Es ist mehr als ein Schlag ins Gesicht für uns, dass man uns einfach vergisst.

Zu wenig Grippe-Impfdosen

Es gibt mehrere Probleme, mit denen wir zurzeit zu kämpfen haben: Zum Beispiel die Grippe-Impfungen: Wir haben unseren Bestand fast aufgebraucht. Wir hatten extra mehr Impfdosen vorbestellt als die Jahre zuvor. Wir haben eine Teillieferung erhalten. Wann und ob wir den Rest der Lieferung erhalten, kann uns niemand sagen. In den Medien wird aber verbreitet, es seien genügend Impfdosen vorhanden. Erklären Sie jetzt mal den Patienten, wo der Fehler liegt. Es stand in den Zeitungen, dass es genug Impf­dosen gibt, und natürlich stimmt immer das, was in den Medien verbreitet wird. Das gleiche Problem besteht bei Pneumokokken-Impfungen. Das Gesundheitsministerium ruft dazu auf, sich auch gegen Lungenentzündung impfen zu lassen, aber der Impfstoff ist seit Wochen nicht lieferbar.

Das sagt der Leiter der Kassenärztlichen Vereinigung im Kreis Paderborn

Dr. Ulrich Polenz, Leiter der Kassenärztlichen Vereinigung im Kreis Paderborn, bestätigt solche Fälle und die Schilderungen der Medizinischen Fachangestellten. „Die Schilderungen sind zutreffend“, sagt er. Der Andrang in den Hausarztpraxen sei zurzeit riesig. Überall sei nur von den Pflegekräften in Seniorenzentren und Krankenhäusern die Rede. Aber auch in den Arztpraxen sei die Belastung mittlerweile für die Mitarbeiter fast unerträglich geworden, sagt Polenz. „Das treibt auch uns Ärzte um.“

Bereits in der Anfangsphase der Pandemie seien acht von neun Patienten in den Praxen behandelt worden. Zu der Belastung kämen dann die Beleidigungen, die manche Medizinischen Fachangestellte erleiden müssten, hinzu. „Bei vielen sind einfach die Kraftreserven aufgebraucht. Daraus resultiert eine sehr angespannte Stimmung, die ich so in meinen 39 Jahren als niedergelassener Arzt noch nicht erlebt habe. Trotzdem bemühen sich alle und versuchen Tag für Tag für die Patienten da zu sein“, sagt Polenz.

Der Leiter der Kassenärzt­lichen Vereinigung im Kreis Paderborn kritisiert zudem die ständig neuen Vorgaben und das komplizierte Abrechnungswesen in Bezug auf die Corona-Tests. „Es gibt acht verschiedene Kategorien von Patienten und entsprechend viele Formulare, die alle anders abgerechnet werden. Für 30 Proben bei sogenannten asymptomatischen Patienten brauchen zwei Arzthelferinnen gut zwei Stunden.“

Zudem habe es bereits zehn Änderungen bei den Vorgaben seit Ausbruch der Pandemie gegeben. Polenz: „Am 13. Oktober kam ein Schreiben vom Gesundheitsamt zu Altenheimen, wie die Testung der Mitarbeiter zulasten des öffentlichen Gesundheitsdienstes laufen soll. Einen Tag später, am 14. Oktober, kam dann ein Erlass vom Bundesgesundheitsminister, der ab dem 15. Oktober gültig ist. Er legte fest, dass Tests in Altenheimen mit Schnelltests, also den Gen-Tests, gemacht werden sollen. Das können die Altenheime auch in Eigenregie machen. Aber die Schnelltests gibt es noch nicht. Sie stehen nicht in ausreichender Menge zur Verfügung. Viele sind erst ab Dezember lieferbar.“

...

Komplizierte Abrechnung

Ein weiteres Problem ist die Abrechnung der Abstriche. Unterschieden wird zwischen Abstrichen für Patienten mit Erkältungssymptomen ohne persönlichen Kontakt zu einem nachgewiesen Covid-19-Fall; Abstrichen für Patienten mit Kontakt zu einem Covid-19-Fall, asymptomatisch; Abstriche für Patienten mit Symptomen und Kontakt zu einem Covid-19-Fall; Abstriche für Reiserückkehrer aus dem Ausland aus einem Risikogebiet; Abstriche für Patienten mit einer Warnung durch die Corona-Warn-App; Abstriche für Lehrer/KITA-Beschäftigte; Abstriche für Personal aus Krankenhäusern/Arztpraxen/Pflegeheimen. All diese ­Anspruchsberechtigten haben ein unterschiedliches Abrechnungsverfahren: anderer Laborschein, andere Abrechnungsziffern, andere Diagnosen-Codierung usw. Alle paar Wochen bekommen wir ein Fax mit neuen Abrechnungsleit­linien, die ab sofort gelten.

Im hektischen Praxisalltag und in der Akutversorgung bleibt nicht genügend Zeit, um sich mit diesen administrativen Aufgaben zu beschäftigen, geschweige denn, sie direkt umzusetzen. Also muss nachgearbeitet werden. Das heißt Überstunden. Die Abstriche wieder in einem Abstrichzentrum zu machen, so wie es zu Beginn der ­Corona-Pandemie organisiert war, wäre eine Erleichterung für die Hausarztpraxen.

Patienten geraten in Streit

Fast täglich gibt es bei uns vor der Praxis Auseinandersetzungen zwischen Patienten, die wir MFAs schlichten müssen. Da wir räumlich eingeschränkt sind, müssen einige Patienten leider teilweise draußen warten, bis sie an der Reihe sind. Das sorgt für Unmut, denn es ist jetzt kalt draußen und manchmal regnet es. Können Sie sich vorstellen, wer diesen Unmut jeden Tag zu spüren bekommt?

Wir haben eine Infektsprechstunde eingerichtet, für Patienten, die Erkältungssymptome haben. Diese sollen sich vorher telefonisch anmelden. Wenn der Termin eingetragen wurde, muss direkt alles für den Abstrich vorbereitet werden. Das kostet Zeit. Zeit, die man in der Anmeldung nicht hat. Somit müssen die Patienten warten, die gerade da sind, um sich anzumelden. Auch das Telefon kann dann nicht bedient werden. Dies hat zur Folge, dass unsere Telefonanlage nicht permanent besetzt ist. Patienten beschweren sich am laufenden Band, dass sie uns nicht erreichen können. Sie kommen sogar teilweise mit Erkältungsbeschwerden in die Praxis, obwohl sie wissen, dass das nicht erlaubt ist. Wir werden beschimpft und beleidigt und sind täglich einem großen Infektionsrisiko ausgesetzt, weil nicht ausreichend Schutz­kleidung zur Verfügung steht.

Zu wenig Schutzausrüstung

Nach der neuen Testverordnung dürfen wir MFAs uns auch einmal pro Woche präventiv testen lassen. Dazu haben wir am 22. Oktober ein Schreiben von unserem Labor erhalten. Im Erlass des Bundesgesundheitsministeriums steht, dass lediglich für uns MFAs die Kosten für Anti-Gen-Tests übernommen werden, jedoch nicht die Kosten für die üblichen PCR-Testungen, die für alle anderen Anspruchsberechtigten übernommen werden. Wie kann das sein? Das bedeutet im Endeffekt: Alle dürfen einen üblichen Rachen-Nasen-Abstrich bekommen und die Kosten dafür trägt der Gesundheitsfonds. Nur für uns MFAs gilt das so nicht. Das ist unfassbar! Sind wir etwa weniger wert als Pflegekräfte und Krankenschwestern oder Reiserückkehrer?

Keine Wertschätzung

Dass Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern einen nicht ganz so schlimmen Verlauf der Corona-Pandemie hat, ist zum Großteil den Hausarztpraxen zu verdanken, denn wir sind die erste Anlaufstelle. Die mangelnde Wertschätzung unserer täglichen Arbeit ist sehr enttäuschend. Es gibt noch viele weitere Punkte. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis eine nach der anderen zusammenbricht und nicht mehr kann.“

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