30 Jahre Einheit: Carsten Linnemann wirbt in Paderborn für Meinungsvielfalt
Der Vater weinte – der Sohn mahnt

Paderborn (WB). Als seinem Vater Antonius angesichts des Mauerfalls die Tränen in den Augen standen, war Carsten Linnemann erst zwölf und konnte die Dimension der Ereignisse noch nicht wirklich erfassen.

Sonntag, 04.10.2020, 18:30 Uhr
Beobachtet von Rudolf Wansleben, Dietrich Honervogt und Landrat Manfred Müller (von links) trug sich Carsten Linnemann ins Goldene Buch der Stadt ein. Foto: Dietmar Kemper

Heute ist er 43, weiß, welch historischen Umbruch die Jahre 1989/90 bedeuteten, und beklagt in der Gegenwart die ideologischen Mauern, die 30 Jahre später anderswo in Europa hochgezogen werden.

Die Zeitzeugen werden weniger

Bei der Gedenkveranstaltung zur deutschen Einheit des Bürgervereins Paderborn mahnte Carsten Linnemann im Rathaus die jetzige Generation, aus der Vergangenheit zu lernen und Frieden und Freiheit in der Gegenwart zu verteidigen. „Diejenigen, die Stacheldraht, Mauer und Schießbefehl erlebt und mit erlitten haben, werden immer weniger“, sagte der Paderborner Bundestagsabgeordnete, der Veranstaltungen wie die des Bürgervereins, in denen die friedliche Revolution der Ostdeutschen gewürdigt wird, für unerlässlich hält. Als Land habe Deutschland „die Verpflichtung, sich in der Welt für diejenigen einzusetzen, die für Freiheit kämpfen – egal ob in Belarus, Hongkong oder sonstwo“.

Politikwissenschaftler wie Francis Fukujama, der nach dem Fall des Eisernen Vorhangs vom „Ende der Geschichte“ gesprochen und den endgültigen Durchbruch von Freiheit und Marktwirtschaft vorausgesagt hatte, hätten sich leider geirrt, stellte Linnemann fest. Autoritäre Strömungen in Osteuropa, die „America first“-Politik Trumps, Chinas Machtstreben, der Unruheherd Naher Osten und die Provokationen des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-un bereiten ihm Sorge.

Shitstorm in der Corona-Pandemie

„Umso wichtiger wird Europa; in der Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik müssen wir mit einer Stimme sprechen“, forderte Linnemann. In Deutschland selbst sei die innere Einheit noch nicht erreicht, glaubt er und verwies auf eine in Teilen fragmentierte, polarisierte und radikalisierte Gesellschaft. Auch wegen der in sich abgekapselten sozialen Medien sieht Linnemann die Meinungsvielfalt in Gefahr. Nur weil er gefordert habe, dass die Politik in der Corona-Krise nicht nur mit Virologen, sondern auch Psychologen und Ökonomen sprechen solle, sei er übel beleidigt worden, nannte der Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende der CDU-Mittelstandsvereinigung ein persönliches Beispiel.

Es brauche aber nicht nur Debatten ohne Scheuklappen, sondern auch praktisches Engagement der Menschen für ihren Staat. Deshalb hält Linnemann ein verpflichtendes „Gesellschaftsjahr“ zum Beispiel bei den Maltesern oder dem DRK für junge Leute für ein nützliches Instrument, um den Zusammenhalt zu stärken und deutlich zu machen, dass jeder auch Pflichten habe. Für überflüssig hält Linnemann dagegen den Posten des Ostbeauftragten der Bundesregierung. Der erzähle jedes Jahr nur, „dass das Glas halbleer ist“. Sinnvoll sei ein Zukunftsbeauftragter.

Gemeinschaft hat einen hohen Wert

Auch der Vorsitzende des Bürgervereins, Rudolf Wansleben, warb vehement für offene Diskussionen: „Wir müssen darum kämpfen, dass Meinungsvielfalt, ohne verteufelt zu werden, gehört werden kann.“ Die Berichterstattung der Presse müsse fair und frei von Vorverurteilungen sein. In diesem Zusammenhang lobte Wansleben die Paderborner Zeitungen ausdrücklich. Er betonte den Wert von Gemeinschaft. Als Teil einer Herde blieben Pferde auch bei Gefahren ruhig, und den Menschen wiederum böten Nationalfeiertage die Chance, über die Verantwortung eines jeden für die Gesellschaft nachzudenken, sagte Wansleben.

Schon sechs Mal in Weimar

Der stellvertretende Bürgermeister Dietrich Honervogt freut sich, dass in Paderborn das Erinnern an die deutsche Einheit vom Bürgerverein und damit der Bürgerschaft ausgeht. Er selbst war seit 1990 sechs Mal in Weimar: erst „erschüttert, wie es dort aussah“, und jetzt begeistert von der „wunderschönen Stadt“. Die Wiedervereinigung sei „ein großes Wunder“ gewesen. Coronabedingt konnten am Sonntag nur 55 Personen die Veranstaltung besuchen, bei der zuvor Otto von Habsburg, Norbert Lammert und Sigmar Gabriel gesprochen hatten.

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