Mordfall Borchen: Tochter (47) steht in Paderborn vor Gericht und schweigt
Mutter aus Habgier erschlagen?

Paderborn/Borchen (WB). Prozessauftakt um den Mord an einer 76-jährigen Witwe aus Borchen: Dabei sind am Freitag vor dem Paderborner Landgericht – wie berichtet – erstmals Details einer kaum vorstellbaren Tat öffentlich geworden.

Samstag, 03.10.2020, 02:00 Uhr aktualisiert: 05.10.2020, 09:06 Uhr
Beschuldigt wird die Tochter des Opfers, die sich seit Freitag vor dem Paderborner Landgericht verantworten muss. Foto: Jörn Hannemann

Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass die Angeklagte (47) aus Borchen, die Wettschulden hatte, ihre Mutter im September 2019 aus Habgier umgebracht hat. Anschließend soll sie den Verdacht auf ihren Mann gelenkt haben, von dem sie seit Mittwoch geschieden ist. Zu den Vorwürfen machte die Frau am Freitag keine Angaben, insgesamt elf Prozesstage sind angesetzt.

Kopfkissen auf dem Gesicht der Toten

Gelockte, kurze Haare, Brille, zierlich, unscheinbar: Das ist die Angeklagte, der die Tat zur Last gelegt wird. Als Staatsanwalt Fabian Klein die Anklage verliest, schüttelt die 47-Jährige, die seit Mai in Untersuchungshaft sitzt, immer wieder mit dem Kopf. Die Backenknochen arbeiten, ansonsten scheint sie völlig gefühlskalt, als der Vorsitzende Richter Eric Schülke das Protokoll der Tatortbeschreibung verliest. Die Rede ist von einem Kopfkissen, das auf dem Gesicht der Toten liegt. Beschrieben werden zwei zerbrochene Nachttischlampen, eine große Wunde am Hinterkopf, Schnittverletzungen an den Oberschenkeln, blutgetränkte Bettlaken, mehrere blutverschmierte Kopfkissen, Blutspritzer an der Tapete, Blutspritzer auf dem Boden. Was ist hier passiert?

Zunächst mit Tabletten betäubt?

Nach den Ausführungen von Staatsanwalt Klein ist die Seniorin zunächst mit Tabletten betäubt worden. Danach soll sich die Angeklagte mit einem Kissen auf den Kopf der Mutter gesetzt haben, um sie zu ersticken. Zudem habe sie mit den Lampen mehrfach auf das Opfer eingeschlagen.

Wie berichtet, war die Angeklagte einen Tag nach der Tat mit ihrem Mann in Richtung Bayern in einen geplanten Urlaub gefahren. Auf der Autobahn verursachte sie in der Nähe von Nürnberg absichtlich einen Unfall, indem sie auf das Heck eines Autos fuhr. Bei dem Unfall wurde ein 76-jähriger Insasse des anderen Fahrzeugs getötet. Anschließend lief die Frau in wohl suizidaler Absicht über die Autobahn, kletterte über die Mittelleitplanke, wurde von einem Auto erfasst und verletzt. So schwer, dass sie mit einem Rettungshubschrauber in die Klinik gebracht wurde und zunächst nicht vernehmbar war.

In der Zwischenzeit gingen die Ermittler davon aus, dass der Ehemann, Tierarzt beim Kreis Paderborn, die Seniorin umgebracht haben könnte. Auf die Spur wurde die Mordkommission durch einen vierseitigen, kaum lesbaren Brief gebracht, der am Tatort entdeckt wurde. Die handgeschriebenen, teils wirren und zusammenhanglos verfassten Zeilen stammten von der Angeklagten und berichteten von Eheproblemen und angeblichen Gewalttätigkeiten sowie der Tat selbst, die der Tierarzt ausgeführt habe. „Mutter und ich haben gegen ihn gekämpft, aber er ist zu stark“, heißt es dort unter anderem. Sowie: „Er ist total krank und wird mich auch noch umbringen.“ Außerdem gibt die Angeklagte den Angehörigen in dem Brief ganz genaue Anweisungen, was nach dem Leichenfund der Mutter mit den Haustieren und mit dem Haus geschehen soll und wo die wichtigsten Papiere versteckt sind.

Damals wurde der Veterinär (54) festgenommen. Er kam erst kurz vor Neujahr wieder auf freien Fuß, nachdem die Indizien gegen ihn entkräftet wurden. Unter anderem hatte sein Bruder mit einem Schreiben an die Mordkommission Hinweise auf die Frau gegeben.

Aussagen vom Bruder der Angeklagten sowie dessen Frau

Als Zeugen sagten am ersten Verhandlungstag der Bruder der Angeklagten sowie dessen Frau aus, die die Leiche in dem Haus gefunden hatten. Das Paar, das drei Kinder hat und in der Nähe des Tatorts wohnt, berichtete, dass der Veterinär und seine Frau zurückgezogen im Haus zusammen mit der Mutter gelebt hätten. Weder seien ihnen Eheprobleme noch die Spielsucht und die Schulden der 47-Jährigen bekannt gewesen. „Das haben wir erst nach und nach erfahren“, sagte der Bruder der Angeklagten. Bei einem Besuch in der Klinik habe sie ihnen erzählt, dass ihr Mann sie in einem Overall verkleidet nach einer Betriebsfeier gezwungen habe, ihre Mutter mit einem Kissen zu ersticken. Danach habe er sie an einen Heizkörper gefesselt und sei am nächsten Tag mit ihr in Richtung Bayern gefahren, um sie dort zu töten. Auf der Fahrt dahin habe er den Unfall provoziert. „Klang das plausibel für sie?“, wollte Richter Schülke wissen. Der Bruder der Angeklagten zuckte mit den Schultern: „Für uns war gar nichts mehr plausibel. Wahnsinn! Man musste erstmal selbst klarkommen.“

Der Prozess wird am Montag fortgesetzt.

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