Verein Cheezze zeigt in Paderborn experimentelle Fotografie im Raum für Kunst
Wenn Bunker zur Kamera werden

Paderborn (WB). „Albanische Landschaften und Regelbauten“: Der Titel der Ausstellung klingt spröde, aber trotzdem lohnt sich der Besuch im Raum für Kunst am Kamp. Dort sind bis zum 11. Oktober zwei faszinierende Beispiele für experimentelle Fotografie zu sehen.

Samstag, 03.10.2020, 05:40 Uhr
Heinz-Dieter Voskamp (links) und Michel Ptasinski hängten am Freitag die Arbeiten der beiden Fotografen auf. Foto: Dietmar Kemper

Der Paderborner Verein Cheezze – Manufaktur für zeitgenössische Fotografie präsentiert Arbeiten von Tim Hölscher und David Altrath. Die Fotografien zeigen Festungsanlagen von Hitlers „Atlantikwall“, die von der Natur zurückerobert geradezu idyllisch wirken, und Landschaften, die aus Bunkern in Albanien heraus aufgenommen wurden.

Belichtungszeiten von bis zu drei Stunden

Als Tim Hölscher Mitte der 1990er Jahre mit seinem Vater, der in Albanien Kinderheime aufbaute, durch das Land fuhr, fielen ihm die bis zu 600.000 Bunker für ein bis vier Personen auf, deren Errichtung der kommunistische Diktator Enver Hodscha angeordnet hatte. Erstmals 2009 nutzte er einige von ihnen als Camera Obscura und fotografierte aus ihnen heraus die Landschaft drumherum mit Belichtungszeiten von bis zu drei Stunden. Es entstanden einmalige Fotografien mit einer Breite von bis zu 1,70 Meter und einer Höhe von 60 Zentimeter.

„Ich bin in den Bunker gekrochen und habe eine Lochblende in die Schießscharte gebaut“, erzählt Tim Hölscher und ergänzt: „Mich interessierte als Fotograf, wohin die Bunker gucken.“ Die Bilder steckte der Mann aus Soest in lichtundurchlässige Rollen und ließ sie in Berlin entwickeln. Alles, was man abdunkeln könne, könne zur Kamera werden, betont er.

„Tim Hölscher hat aus Bunkern Kameras gemacht, aus Destruktivem etwas Konstruktives“, schätzt der stellvertretende Vorsitzende des Vereins Cheezze, Michel Ptasinski, dessen Arbeit sehr. Das gilt auch für die Fotografien von David Altrath, die Ptasinski als Lichtmalerei empfindet und „poetisch schön“ findet.

„Langsam ins Meer wandernde brutalistische Zeitzeugnisse“

Der Hamburger Fotograf hält Zeugnisse des zwischen 1940 und 1944 errichteten „Atlantikwalls“ in Langzeitbelichtungen fest. „Diese langsam ins Meer wandernden brutalistischen Zeitzeugnisse verdeutlichen noch heute das Ausmaß eines vergangenen gigantischen Krieges, der trotz ihrer heutigen Gegenwart bei vielen Menschen in Vergessenheit geraten ist“, betont David Altrath.

Für ihn sind die Hinterlassenschaften eine prominente Erinnerung an eine dunkle Zeit entlang der langen Strände von Frankreich bis Dänemark und Norwegen. Auch heute noch sei der Festungswall mit seiner gigantischen Länge nicht zu übersehen. Altrath: „Wenn ich die Bunkeranlagen heute betrachte, sehe ich Menschen am Strand, Kinder in die Anlagen klettern und spielen. Andere liegen im Schatten der Betonmonumente, um sich abzukühlen.“

Am frühen Morgen am Strand

Seine digitalen Fotografien entstanden in den frühen Morgenstunden an unterschiedlichen Stränden in Dänemark. „In den Morgenstunden, frei von Strandbesuchern und Badegästen, habe ich die Bunkeranlagen an Tagen mit Flut und einem bewölkten, diffusen, gleichmäßigen Licht ohne großes Schattenspiel aufgenommen“, erzählt Altrath: „Bei den Aufnahmen handelt es sich um Langzeitbelichtungen mit sehr langen Belichtungszeiten um die zwei bis drei Minuten. Dadurch verliert die raue See ihren stürmischen Charakter und wird zu einem sanften Nebel, der die Überreste in sich hüllt.“

Die Arbeiten von Hölscher und Altrath passten gut in eine Zeit der Abgrenzung und Ausgrenzung, wie sie beispielsweise der auf Mauern versessene US-Präsident Donald Trump verkörpere, meint Michel Ptasinski. Deshalb sei „Albanische Landschaften und Regelbauten“ eine sehr aktuelle Ausstellung. Im Raum für Kunst ist sie täglich von 15 bis 18 Uhr geöffnet, samstags und sonntags von 13 bis 19 Uhr. Coronabedingt dürfen sich dort nur 15 Personen gleichzeitig aufhalten.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7613821?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198401%2F2512560%2F
1000 neue Stellen für Corona-Nachverfolgung in NRW
Armin Laschet (CDU, links) nordrhein-westfälischer Ministerpräsident, und Karl-Josef Laumann (CDU), Gesundheitsminister von Nordrhein-Westfalen, beantworten die Fragen von Journalisten. Foto: Federico Gambarini/dpa
Nachrichten-Ticker