Paderborner Künstler Wilfried Hagebölling einigt sich mit der Stadt Minden
Skulptur wird wieder ansehnlich

Paderborn/Minden (WB). Der monatelange Streit zwischen dem Paderborner Bildhauer Wilfried Hagebölling und der Stadt Minden wegen des „Keilstücks“ auf dem Martinikirchhof ist beendet. Seit Dienstag wird die 18 Tonnen schwere, sechs Meter lange und 3,40 Meter hohe Stahlskulptur im Sandstrahlverfahren gereinigt.

Mittwoch, 09.09.2020, 05:07 Uhr aktualisiert: 09.09.2020, 10:20 Uhr
Cosimo Caccetta hat am Dienstag damit begonnen, das Kunstwerk zu reinigen. Die helle Fläche zeigt es. Bildhauer Wilfried Hagebölling ist zufrieden. Foto: Oliver Schwabe

Die Firma Weserstrahl habe von der Stadt den Auftrag dazu bekommen, sagte Mindens Kämmerer Norbert Kresse am Dienstag: „Die Reinigung wird zwei Tage dauern und soll am Donnerstag fertig sein.“ Die Kosten bezifferte Norbert Kresse mit etwa 5000 Euro.

Skulptur steht seit 1987 auf dem Martinikirchhof

Wie berichtet hatte Wilfried Hagebölling der Stadt Minden und ihrem Bürgermeister Michael Jäcke mehrfach einen „respektlosen Umgang“ mit der Skulptur vorgeworfen, die seit 1987 an ihrem Platz steht und von der Kommune für umgerechnet 27.600 Euro gekauft worden war. Das „Keilstück“ sei zu einem „öffentlichen Klo“ und einer Müllhalde verkommen, das diskriminiere sein Kunstwerk und seine Person, hatte er im Dezember 2019 in einem Offenen Brief geschrieben und darauf hingewiesen, dass sich der schlechte Zustand des Kunstwerks über die Region hinaus herumgesprochen habe.

Der 79-Jährige setzte Minden zweimal eine Frist, um zu reagieren. Als das Thema hochkochte, wurde in Minden eigens eine Podiumsdiskussion zum „Keilstück“ veranstaltet. Die damalige Beigeordnete für Kultur, Regina-Dolores Stieler-Hinz, wandte sich gegen Hageböllings Vorwürfe („Was wir leisten können, haben wir insoweit auch unternommen“) und wies auf fünf Säuberungen per Hochdruckreiniger hin und darauf, dass die Glas- und Papiercontainer aus dem Umfeld des „Keilstücks“ entsorgt worden seien. Kämmerer Norbert Kresse erklärte am Dienstag, auch die beiden Fahrradständer unmittelbar an der Skulptur habe man inzwischen versetzt.

Das „Keilstück“ in Minden hat schon immer polarisiert: Es fand vehemente Gegner, die seine Entfernung forderten, genauso wie entschiedene Befürworter. Das Kunstwerk beschäftigte sogar das Oberlandesgericht Hamm, das 2001 Wilfried Hagebölling Recht gab, der auf dem Verbleib der Skulptur auf dem Martinikirchhof bestanden hatte.

Anti-Graffiti-Schutz

Der Bildhauer zeigte sich nach dem Beginn der Reinigung erleichtert: „Der Anfang ist gemacht, der gute Wille seitens der Stadt ist da.“ Im Anschluss an das Sandstrahlverfahren solle die Skulptur wieder ihren Rostton bekommen und danach mit einem Anti-Graffiti-Schutz versehen werden. „Dadurch können Schmierereien sehr leicht abgewaschen werden“, erklärte Wilfried Hagebölling, der „sehr zufrieden“ ist. Anders als bei Regina-Dolores Stieler-Hinz hat er bei Norbert Kresse den Eindruck, dass der hinter der Skulptur stehe.

Der Kämmerer sagte dieser Zeitung, er habe Wilfried Hagebölling als „sehr freundlichen, entgegenkommenden Menschen kennengelernt“. Schmierereien ließen sich leider nicht vollständig ausschließen, ist er überzeugt. Das „Keilstück“ abzusperren, sei aber keine Option: „Kunst einzuzäunen ist mit der Freiheit der Kunst nicht zu vereinbaren.“

 

Kommentar

Wer in Minden über Bildende Kunst spricht, denkt ans Keilstück. Die meisten Kommentatoren schimpfen darüber – als wäre Hageböllings Stahlskulptur nicht nur aus ihrer Sicht hässlich, sondern geradezu die Ursache aller innerstädtischen Probleme.

Wenn ein Kunstwerk zum Stellvertreter für eine als negativ aufgefasste Stadtentwicklung wird, verhärten sich die Fronten schnell. Da ist das zu diesem Zeitpunkt überraschende Engagement der Stadt, das Keilstück per Sandstrahler reinigen zu lassen, auch von der Symbolik her nicht hoch genug zu veranschlagen. Es gibt eben nicht nur mehr oder weniger witzige Spötter („Hundeklo“), sondern auch Personen, die für die Skulptur etwas tun wollen.

Das Sandstrahlen ist ein wichtiges Signal – zumal die Verantwortlichen der Stadt in der Vergangenheit vor allem durch Desinteresse aufgefallen sind. Anders ist es nicht zu erklären, dass die Fahrradständer derart nah an dem Kunstwerk aufgestellt wurden. Respekt sieht anders aus. Dass sie verschwinden sollen, ist ebenfalls ein Signal, das Keilstück zukünftig nicht nur dulden, sondern auch wertschätzen zu wollen.

Hagebölling, Künstler und Sturkopf, hat allen Grund, zufrieden zu sein. Er hat vor Jahren für den Erhalt des Keilstücks an seinem Standort gerichtlich gekämpft und sich durchgesetzt. Einem Abtransport würde er niemals zustimmen, so dass diejenigen, die glauben, dass nur ein keilstückfreies Minden ein gutes Minden sein kann, ihr Verhältnis zur Weserstadt überdenken müssen.

Das Urheberrecht, auf das sich der Künstler auch für den Standort beruft, gilt bis 70 Jahre nach seinem Tod. Und an dieser Stelle sei die Prognose gewagt: Nach diesen 70 Jahren wird das Keilstück wegen seiner Bedeutung für die Mindener Stadtgeschichte unter Denkmalschutz gestellt. Und für diese Bedeutung hat nicht das Kunstwerk, sondern ironischerweise die erbitterte Gegnerschaft gesorgt.

Es ist Zeit, Frieden zu schließen – vielleicht helfen Entspannungsübungen am Stahlkoloss. Und die Erkenntnis, dass es sicher auch im Leben von Kunst-Empörern Wichtigeres als ein Keilstück gibt. Hartmut Horstmann

 

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