Paderborner Kardiologe Prof. Andreas Götte wirkt an internationaler Studie zum Vorhofflimmern mit
Bessere Hilfe für Herzrhythmus-Kranke

Paderborn (WB). Patienten mit Vorhofflimmern sollten anders behandelt werden als es bisher empfohlen wird. Zu diesem Ergebnis kommt eine internationale Studie, an der der Paderborner Kardiologe Prof. Andreas Götte mitgewirkt hat und die jetzt im „New England Journal of Medicine“ publiziert wurde, der renommiertesten Medizinzeitschrift der Welt.

Mittwoch, 09.09.2020, 14:18 Uhr aktualisiert: 09.09.2020, 14:20 Uhr
Prof. Dr. Andreas Götte im Herzkatheterlabor des St.-Vincenz-Krankenhauses Paderborn. Der Kardiologe forscht seit Jahrzehnten zu Rhythmusstörungen. Foto: Jörn Hannemann

„Alleine in Deutschland leiden 1,8 Millionen Menschen an Herzrhythmusstörungen. Jeder dritte von ihnen muss ab 55 mit Vorhofflimmern rechnen, und die Zahl nimmt zu – möglicherweise durch die höhere Lebenserwartung“, sagt Prof. Götte, der seit Jahrzehnten auf dem Gebiet der Herzrhythmusstörungen forscht und am St. Vincenz-Krankenhaus Paderborn die Medizinische Klinik II leitet. Als Vorstandsmitglied des vom Bund geförderten „Kompetenznetzes Vorhofflimmern” war Götte maßgeblich an der Studie beteiligt.

Vorhofflimmern ist eine Form der Herzrhythmusstörung. Dabei bewegt sich der Herzvorhof 400, 500 Mal pro Minute – er zittert unkontrolliert. Die nachgeschaltete Herzkammer wird deshalb nicht richtig angesteuert. Es wird vergleichsweise wenig Blut transportiert, der Puls ist mit etwa 120 Schlägen pro Minute hoch und der Abstand zwischen den Schlägen unterschiedlich – arrhythmisch, wie die Ärzte sagen.

Das obere EKG zeigt Vorhofflimmern mit unregelmäßigem Puls und das untere einen regelmäßigen Herzschlag.

Das obere EKG zeigt Vorhofflimmern mit unregelmäßigem Puls und das untere einen regelmäßigen Herzschlag. Foto: F. Heuser

„Bei manchen Menschen dauert das ein paar Minuten und tritt dann erst nach Monaten wieder auf. Andere sind permanent vom Vorhofflimmern betroffen – auch wenn viele das gar nicht wissen. Mangelnde Leistungsfähigkeit zum Beispiel wird oft auf das Alter geschoben. Sie kann aber auch Folge eines unentdeckten Vorhofflimmerns sein“, sagt Götte.

Indizien für Ursachen der Krankheit

Wie es zu der Krankheit kommt, ist nicht in jedem Fall klar. „Aber begünstigende Faktoren scheinen das Alter, Bluthochdruck, Alkohol, Nikotin und Vorerkrankungen wie eine Schilddrüsen-Überfunktion zu sein“, erklärt der Kardiologe. Vorhofflimmern könne schwere Folgen haben. „Dazu zählen wir Schlaganfälle, Herzinfarkte, Herzschwäche, Nierenkrankheiten und Demenz.“

Die bisher übliche Therapie, bei der es in erster Linie darum geht, den Patienten von seinem Herzrasen zu befreien, sieht so aus: Das akute Flimmern wird mit einem Stromstoß gestoppt, der aber nicht verhindert, dass das Flimmern wieder auftritt. Dann bekommt der Patient Medikamente, die den Puls senken. Dass der Puls weiterhin unregelmäßig ist, nimmt man hin, weil das bisher als nicht so bedeutsam angesehen wurde.

Prof. Götte: „Aus der Erkenntnis heraus, dass sich aus einem Vorhofflimmern weitere solche Ereignisse entwickeln, die in immer kürzeren Abständen auftreten, entstand die Überlegung, ob man nach der ersten Diagnose nicht viel aggressiver eingreifen sollte.“ Denn den Ärzten stehen noch andere Therapien zu Verfügung – Medikamente, die den Puls nicht nur senken, sondern ihn auch in einen regelmäßigen Takt bringen, und die sogenannte Katheter-Ablation. „Dabei schieben wir über die Leiste einen Katheter in den linken Vorhof und veröden mit Hitze oder Kälte bestimmte Muskelzellen im Bereich der Lungenvenen“, erklärt Andreas Götte. Damit würden Erregungsleitungen unter­brochen, und Patienten brauchten meistens keine Medikamente mehr gegen ihre Rhythmusstörungen.

Andere Erkenntnisse als in früherer Studie

Vor 18 Jahren hatte eine Studie mit 4000 Patienten gezeigt, dass die Art der Behandlung hinsichtlich der Sterblichkeit und der Zahl der Schlaganfälle keinen Unterschied macht. Doch inzwischen gibt es neue Medikamente, und die Katheter-Ablation ist verfeinert und zu einem Routineverfahren geworden. 2012 wurde deshalb in elf europäischen Ländern eine Studie begonnen, an der 135 Kliniken mit 2789 Patienten teilnahmen, auch aus dem St.-Vincenz-Krankenhaus. Die Studie wollte klären, ob die beiden Therapiewege inzwischen für Betroffene einen Unterschied machen.

Prof. Götte: „Es wurden zwei gleich große Gruppen mit vergleichbaren Patienten gebildet, die alle über 65 Jahre alt waren.“ Die eine Gruppe sei konventionell nach den bisherigen Richtlinien der Fachgesellschaft behandelt worden. Bei der anderen Gruppe habe man sofort begonnen, mit Medikamenten oder der Katheter-Ablation wieder einen regelmäßigen Puls herzustellen.

Behandlung verbessert offenbar die Chancen der Patienten

„Fünf Jahre nach der Behandlung haben wir uns angesehen, was aus den Menschen geworden ist“, sagt Prof. Götte. „In der Gruppe, die sofort massiv behandelt worden war, hatten wir 21 Prozent weniger Todesfälle.“ Auch die Zahl der Schlaganfälle und der Herzinfarkte sei niedriger gewesen als in der anderen Gruppe.

„Ende August haben wir die Studie der Fachwelt auf dem Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie vorgestellt. Durch einen Zufall hat die Gesellschaft am gleichen Tag ihre neuen Empfehlungen für die Ärzteschaft veröffentlicht – ohne von den Studienergebnissen gewusst zu haben.“ Er gehe deshalb davon aus, dass es in Kürze ein Update geben wird. „Denn wir müssen die Behandlung dieser Patienten sofort umstellen. Wer das nicht tut, riskiert Herzinfarkte und Schlaganfälle, die vermeidbar gewesen wären“, sagt Andreas Götte.

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