Warum die AfD im Paderborner Stadtteil so beliebt ist und was die anderen Parteien sagen
Auf Stimmenfang am Kaukenberg

Paderborn (WB). Viele Paderborner haben schon ihre vier Kreuzchen gemacht: Bis Montag gingen bei der Stadt 26.500 Anträge für die Briefwahl ein. Bei der Kommunalwahl 2014 waren es nur 15.500 Anträge, berichtet der stellvertretende Leiter des Einwohner- und Standesamtes, Helmut Wegener.

Dienstag, 08.09.2020, 23:00 Uhr aktualisiert: 08.09.2020, 23:10 Uhr
Mit plakativen Sprüchen auf Stimmenfang: Die Parteien haben das Wohngebiet Kaukenberg in Paderborn in vielen Bereichen stark zugepflastert mit ihren mehr oder wenigen sinnreichen Aussagen zur Kommunalwahl. Foto: Oliver Schwabe

Vor allem die Kandidaten der Parteien fragen sich: Wie schneiden wir ab? Und wie viele Stimmen bekommen die anderen? Ein besonderes Augenmerk gilt der AfD, die bei der Kommunalwahl 2014 in Paderborn nur auf 3,5 Prozent kam. Bei der Landtagswahl waren es 7,2 Prozent, bei der Bundestagswahl 10,4. Mit Sorge blicken einige auf den Wahlbezirk 4, der unter anderem den Stadtteil Kaukenberg umfasst und wo die AfD zuletzt viele Stimmen holte. Bei der Bundestagswahl 2017 waren es 25,6 Prozent. Wird sich dieser Trend fortsetzen? Woran liegt das? Das WESTFÄLISCHE VOLKSBLATT hat sich vor Ort umgehört.

Das sagen die Bewohner

„Als ich meinen Eltern erzählt habe, ich würde zum Kaukenberg umziehen, waren sie entsetzt“, erzählt ein Anwohner. Es gebe viele Polizeieinsätze, die oftmals mit dem Ruf des Notarztes enden, meint der Mann, der anonym bleiben will. Dennoch fühlen sich die Anwohner dort wohl, wie eine nicht repräsentative Umfrage dieser Zeitung ergeben hat. „Ich gehe allerdings nach Mitternacht nicht mehr aus dem Haus“, verrät eine Frau mit russischen Wurzeln, die seit mehr als 20 Jahren am Kaukenberg lebt. Sie wähle AfD – Gründe dafür nennt sie nicht.

Ein Nachbar meint hingegen: „Der Zusammenhalt unter den Menschen hier ist sehr stark und ich fühle mich in meiner Nachbarschaft sehr wohl.“ Er ist in Deutschland geboren und lebt seit fünf Jahren am Kaukenberg. Dass sich in seiner Nachbarschaft so viele AfD-Wähler befinden, habe ihn überrascht. Er selbst will nicht zur Wahl gehen: „Die Politiker machen ja doch nicht, was sie versprechen.“

Ein 62-jähriger Kasache erläutert gegenüber dieser Zeitung seine Gründe, warum er seine Stimme der AfD geben werde: „Das ist die einzige Partei, die ganz offen gegen Flüchtlinge ist. Die kommen hierher und machen, was sie wollen.“ Ein 27-jähriger Student hat sich für den Kaukenberg wegen der Nähe zur Uni entschieden. Er hat festgestellt, dass „viele AfD-Plakate direkt vor den Häusern von Muslimen hängen und für Abschiebung und gegen die Islamisierung werben.“ Muslimen werde so der Eindruck vermittelt, dass sie nicht erwünscht seien. Doch diese Feindseligkeit sei nicht weit verbreitet. Andere Anwohner betonen, dass sie offen und tolerant gegenüber Menschen anderer Herkunft oder anderen Glaubens seien. Dazu gehört eine Frau aus Kasachstan, die vor 24 Jahren hierher gezogen ist. Nie habe sie negative Erfahrungen gemacht. Das betont auch eine russische Anwohnerin. Sie fühle sich wohl.

Das sagen die Parteien

Bemerkenswert ist die unterdurchschnittliche Wahlbeteiligung. Im Bereich Kaukenberg gingen zuletzt nur rund 30 Prozent der Wähler zur Urne. „Der Kaukenberg ist ein schwieriges Terrain für die SPD“, erklärt SPD-Stadtverbandsvorsitzender Manfred Krugmann. „Ich gestehe, dass wir dort keine speziellen Maßnahmen ergriffen haben.“ SPD -Direktkandidat Parviz Nasiry habe dort die SPD-Programme verteilt. Der Zugang zu den Menschen aus Ostereuropa falle schwer. „Sie kritisieren die Flüchtlingspolitik der CDU. Sie selbst konnten erst nach einem langen Antragsverfahren zuwandern. Die Flüchtlinge seien hingegen ohne große Prüfung ins Land gekommen“, meint Krugmann zu den Gründen, warum die AfD populär sei. Die Stadt habe dort die Integrationsleistung vernachlässigt. Es bräuchte dort einen stärkeren Fokus auf Quartiersarbeit. „Es wäre sinnvoll, das Modell der Südstadt zu übertragen. Da leistet die AWO gute Arbeit. Das ist ein Projekt für die nächste Legislaturperiode“, sagt er.

Reinhard Borgmeier von der Links-Fraktion betonte jüngst: „Die Menschen fühlen sich strukturell, politisch und sozial abgehängt. Das bringt sie auf die wahnwitzige Idee, das Gegenteil von dem zu wählen, was ihre Interessen sind. Da muss in Zukunft mehr vom Stadtrat passieren.“ Gleichzeitig verwies er darauf, dass nur eine hohe Wahlbeteiligung helfen werde, die AfD „nicht hoffähig zu machen“.

Informationen zur Wahl

Wer noch vor dem Wahlsonntag seine Stimme abgeben will, kann dies bei der Verwaltung Am Abdinghof 11, Sitzungszimmer 0.10, erledigen. Das Briefwahlamt ist wie folgt geöffnet: Dienstag und Mittwoch 7.30 bis 16 Uhr, Donnerstag, 7.30 bis 18 Uhr, Freitag, 7.30 bis 18 Uhr. Erst am Wahlsonntag dürfen ab 18 Uhr die mehr als 26.500 blauen Briefwahlumschläge geöffnet werden. Allein für das Öffnen dieser tausenden Umschläge kalkuliert das Wahlamt mehr als eine Stunde Arbeit, bevor dann mit dem Zählen begonnen werden kann. Gezählt wird in der Reihenfolge: Landratswahl, Kreistag, Bürgermeisterwahl und Stadtrat. An dem Wahlabend werden im gesamten Stadtgebiet rund 600 Wahlhelfer im Einsatz sein, um die Stimmen auszuzählen.

...

Die CDU habe am Kaukenberg und Auf der Lieth viel getan, sagt hingegen CDU-Mann Karsten Grabenstroer, der zum ersten Mal den Bezirk für die Union belegt. In Sachen ÖPNV, Spielplätze und Ausstattung der Kitas und Schulen habe die Stadt viel investiert. Grabenstroer wohnt in der City, ist am Kaukenberg aber „nah dran“. „Ich habe mir den Wahlbezirk bewusst ausgesucht. Ich bin Berufsschullehrer und habe dort viele Kontakte.“

Er widerspricht, dass es sich um ein Problemviertel handele. Er habe sich bereits für einige Themen eingesetzt, die den Menschen dort wichtig seien. Er halte zum Beispiel an der Driburger Straße die Einrichtung einer sicheren Querung mit Ampelsteuerung für deutlich besser als einen Kreisverkehr. „Ich kenne viele, die schockiert sind über die letzten Wahlergebnisse der AfD. Dabei kommen von denen keine Sachargumente. Wir erhoffen uns von der Kommunalwahl ein anderes Signal. Ich freue mich, wenn ich dort als Direktkandidat gewählt werde“, sagt Grabenstroer. Die AfD lässt hingegen nicht locker: An diesem Freitag, 11. September, 18 Uhr, ist am Einkaufszentrum eine Kundgebung geplant. „Das werden wir nicht unwidersprochen lassen“, kündigt Grabenstroer an.

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