Feuerwehr in Paderborn muss sich vermehrt um adipöse Patienten kümmern
Dickes Problem

Paderborn (WB). Manchmal wird das Gewicht einem Menschen zum Verhängnis. So wie dem etwa 200 Kilogramm schweren Mann, der im März 2014 bei einem Brand in seiner Paderborner Wohnung ums Leben kam. Die Feuerwehrmänner konnten ihn nicht rechtzeitig retten.

Samstag, 05.09.2020, 05:27 Uhr aktualisiert: 05.09.2020, 05:40 Uhr
Der „Simbodie“, den Jens Wolff auf einer Trage festgurtet, sieht einem echten Menschen verblüffend ähnlich. Er wird für die medizinische Ausbildung eingesetzt. Foto: Oliver Schwabe

„Der Faktor Zeit ist das, was tötet. Einen 75-Kilo-Mann bekommt man möglicherweise noch schnell rausgezogen, aber die Rettung adipöser Personen ist für die Feuerwehren, speziell für die kleineren Feuerwehren, eine große Herausforderung“, weiß Jens Wolff. Die Standardtragen des Rettungsdienstes seien zudem für Patienten mit einem Gewicht von maximal 150 Kilogramm geeignet, sagt der Paderborner Diplom-Wirtschaftsinformatiker, Notfallsanitäter, Praxisanleiter und Dozent im Rettungsdienst. Regelmäßig unterrichtet Jens Wolff im Fachbereich Medizin und Rettungswesen des Studieninstituts Westfalen-Lippe in Bielefeld.

75 Kilo schwere Personen gelten als Standard

Feuerwehrleute und Mitarbeiter des Rettungsdienstes gingen bei Einsätzen und Übungen von Personen mit einem Gewicht von 75 Kilogramm aus und stünden dann vor Problemen, wenn jemand mit 300 Kilogramm Hilfe brauche, weiß der 43-Jährige. Er hat zu diesem Thema das Buch „Adipöse Personen im Feuerwehreinsatz“ geschrieben, das im Kohlhammer-Verlag erschienen ist und den Feuerwehen helfen soll, Einsätze besser vorzubereiten.

„Als ich 2018/2019 am Institut der Feuerwehr NRW in Münster drei Führungskräfteseminare zu dem Thema abgehalten habe, kam viel Gesprächsstoff auf“, erinnert sich Jens Wolff. Mit dem Buch reagiert er auf eine verbreitete Unsicherheit. „Das Thema adipöse Personen wurde lange totgeschwiegen, aber jetzt ist ein Bewusstsein dafür da“, weiß der Experte, der darauf verweist, dass die Zahl solcher Einsätze gestiegen sei und deshalb auch mehr darüber geredet werde. Noch fehlten aber genaue Statistiken. Früher habe man fettleibige Patienten „wie Speditionsgut“ im Bett auf der Ladefläche von Lastwagen abtransportiert, erzählt Jens Wolff.

Die Probleme im Umgang mit adipösen Patienten sind vielfältig: Die Tragen sind nicht stark genug, Rettungsgeräte für die entsprechenden Gewichtsklassen nicht zugelassen, die Blutdruckmanschetten und weitere medizinische Ausstattung passen nicht mehr, das Treppenhaus ist zu eng, die Belastungsgrenze einer Drehleiter erreicht. Mehr Leute müssen eingeplant, spezielle Ausrüstung angeschafft werden.

Paderborn verfügt über Multifunktional-Rettungswagen

Die Paderborner Feuerwehr verfügt über einen Multifunktional-Rettungswagen, der Menschen mit einem extrem hohen Gewicht aufnehmen kann. „Wir waren die Ersten in OWL“, erinnert sich Feuerwehrchef Ralf Schmitz. Der Rettungswagen mit Hebebühne für bis zu 1,5 Tonnen sei etwa 200 Mal im Jahr im Einsatz – „Tendenz steigend“. Allerdings werden in das Fahrzeug nicht nur adipöse Menschen geschoben, sondern auch Patienten samt Bett, die an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen sind oder die während der Fahrt hin und her bewegt werden müssen.

Die Höhenrettungseinheit der Feuerwehr sei auf Einsätze mit Schwergewichtigen spezialisiert und verfüge über eine extrabreite Korbtrage, erläutert Ralf Schmitz. Um an eine Person heranzukommen, müsse manchmal sogar das Mauerwerk herausgeschlagen werden.

Muss ein Patient in ein Krankenhaus, gehen die Probleme weiter. Ein OP-Tisch hält in der Regel nur 120 bis 150 Kilogramm aus, die Röhren der Computer-Tomografie, in die Menschen für weitere Untersuchungen geschoben werden, sind zu schmal. Die Alternative sind notfalls Tierkliniken. Wo zuletzt der Elefant im CT untersucht wurde, liegt dann ein fettleibiger Mensch.

 

THW schichtete Paletten vor Küchenfenster auf

Wenn feststeht, dass eine adipöse Person an einem bestimmten Tag ins Krankenhaus gebracht werden soll, kann sich der Rettungsdienst darauf vorbereiten. Jens Wolff schildert den Fall eines Mannes in Bielefeld, für den 2014 extra die Küche freigeräumt wurde. Das THW schichtete vor dem Küchenfenster Paletten auf, über die der Mann dann durchs Fenster auf ein Gerüst und von dort an einen Kran manövriert wurde. Akute lebensbedrohliche Notfälle erforderten dagegen sofortiges Handeln, gibt Jens Wolff zu bedenken.

Er rät den Feuerwehrchefs und Verantwortlichen des Rettungsdienstes, sich mit den benachbarten Wehren für solch spezielle Einsätze abzustimmen. Zudem müsse der Umgang mit adipösen Personen trainiert werden – zum Beispiel, indem zwei Dummys aneinandergebunden werden. Seit 2014 steht der Umgang mit Schwergewichtigen übrigens im Rahmenlehrplan der Notfallsanitäterausbildung.

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