Wie es Kevin Gniosdorz gelingen will, junge Leute für Politik zu begeistern
Der Chef-Anwerber

Paderborn (WB). Die Zahl der Mitglieder der Jungen Union Deutschlands ist auf unter 100.000 gesunken. Kevin Gniosdorz aus Bad Wünnenberg soll dafür sorgen, dass es wieder mehr werden. In seiner Zeit als Vorsitzender des Kreisverbandes Paderborn war es ihm gelungen, die Zahl bei 1000 stabil zu halten, was ihm Lob von der Parteispitze für die aktive Mitgliederwerbung einbrachte. Seit November 2018 ist der 29-Jährige der erste Mitgliederbeauftragte der Jungen Union Deutschlands überhaupt.

Mittwoch, 12.08.2020, 05:19 Uhr
Er ist der Chef-Mitgliedswerber für die Junge Union in Deutschland: Kevin Gniosdorz aus Bad Wünnenberg, hier in der CDU-Geschäftsstelle am Le-Mans-Wall. Foto: Dietmar Kemper

Dabei muss Kevin Gniosdorz immer wieder gegen Klischees ankämpfen – wie das vom elitären Haufen, der nur Anzüge trägt. „Die JU ist 50 Prozent Spaß und 50 Prozent Politik“, sagt er und räumt gleich mit einem weiteren Vorurteil auf: „Die CDU ist keine alte Partei, viele aus der JU kandidieren für Ämter in der Kommunalpolitik.“ So wie er selbst, der im September wieder in den Rat der Stadt Bad Wünnenberg gewählt werden möchte.

Manchmal sieht die CDU aber ganz alt aus – wie im Mai 2019 nach dem Rezo-Video „Die Zerstörung der CDU“, in dem der Youtuber die Partei zerpflückte. Anstatt sich argumentativ damit auseinanderzusetzen, reagierte CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer beleidigt, und das Konrad-Adenauer-Haus insgesamt gab eine erbärmliche Figur ab.

Rezo-Video war ein herber Schlag

„Die Rezo-Sache hat uns enorm geschadet, da war die Stimmung gegenüber der CDU schlecht“, spürte Gniosdorz. Genauso war es, als Angela Merkel und Horst Seehofer in der Flüchtlingspolitik heftig aneinandergerieten. Während der Flüchtlingskrise, die 2015 begann, kehrten deutlich mehr Mitglieder der JU den Rücken als sonst, weil sie mit der Politik der Kanzlerin unzufrieden waren. Das musste Kevin Gniosdorz, damals als Paderborner Kreisvorsitzender, schmerzlich feststellen. In einem Jahr habe der Verband 130 Mitglieder verloren.

Inzwischen sind die Zeiten ruhiger geworden. „Wir sind gerade in einem guten Fahrwasser“, sagt der Mitgliederbeauftragte, die Politik der Bundesregierung inmitten der Corona-Pandemie werde von der Bevölkerung als gut bewertet.

Dass junge Leute sich für Politik interessieren, zeigte zuletzt die „Fridays for Future“-Bewegung. Im Umwelt- und Klimaschutz sieht auch Kevin Gniosdorz einen Hebel, um Mitglieder zu gewinnen: „Der Erhalt der Schöpfung ist ein Kernthema christdemokratischer Politik, wir dürfen das Thema nicht sträflich der Konkurrenz überlassen.“ Das Aatal in Bad Wünnenberg beispielsweise sei eine grüne Lunge für die Einheimischen und außerdem wichtig für den Tourismus. Es gelte, das Soziale, Ökonomische und Ökologische miteinander zu vereinbaren, ohne das im ländlichen Raum unverzichtbare Auto zu verteufeln.

Auch bei Schule, Rentenpolitik, Stadtentwicklung und Windkraft handele es sich um wichtige Bereiche für junge Menschen. Windkraft beispielsweise deswegen, weil Flächennutzungspläne so gestaltet werden müssten, dass es jungen Leuten, die eine Familie gegründet haben, noch möglich ist, ein Haus zu bauen.

Zwischen 14 und 35 Jahre alt

Die Mitglieder der JU sind zwischen 14 und 35 Jahre alt, oft handelt es sich um Studenten, die sozialen Medien sind für sie selbstverständlich. Auch Kevin Gniosdorz hat in Göttingen Geschichte und Politik studiert und anschließend mit zwei anderen eine Firma gegründet, die über staatliche Fördermittel berät. Als Möglichkeit der Direktansprache hätten die Sozialen Medien einen großen Wert, weiß der 29-Jährige, aber Wunder könnten sie auch nicht bewirken. „Wie werbe ich die meisten neuen Mitglieder? Über die JU-ler. Es ist wichtig, die Bestandsmitglieder zu aktivieren und zu motivieren. Die Hauptarbeit findet in den Verbänden vor Ort statt. Wenn die Leute vor Ort nicht für die Sache brennen, nützt alles nichts.“

Im Sportverein, in der Nachbarschaft, in der Kneipe werden also die neuen Mitglieder gewonnen, nicht im Internet. Soziale Kampagnen können dabei helfen und eine Organisation attraktiv erscheinen lassen: Zu Beginn der Corona-Krise organisierte die JU bundesweit 12.000 Einkaufshelfer für ältere Menschen. Die JU in NRW startete am 1. August einen Mitgliederwettbewerb – wer bis zum 30. September die meisten für die Nachwuchsorganisation gewinnt, wird ausgezeichnet und erhält einen Preis.

Mitarbeiten am Leitantrag

Damit neue Mitglieder auch bleiben, müssten sie mehr Mitsprachemöglichkeiten bekommen, ist Kevin Gniosdorz überzeugt. Deshalb könnten alle JU-Mitglieder jetzt in einem internen Bereich am Leitantrag für den Deutschland-Tag der Nachwuchsorganisation im Oktober in Lohne (Oldenburg) mitschreiben. Neu ist auch der „JU WhatsApp Broadcast“, der die Mitglieder mit Informationen versorgt. Kevin Gniosdorz hat noch mehr Ideen: Auch Sitzungen könnten in Zukunft flexibler gestaltet werden, schlägt er vor. Anstatt auf einer Anwesenheitspflicht zu bestehen, könnten Mitglieder per Videokonferenz zugeschaltet werden.

Mitgliederwerbung zahlt sich aus: Beispielsweise nahm die JU im Zeitraum Dezember 2018 bis Februar 2019 insgesamt 5800 neue Mitstreiter auf. Bayern als zweitgrößter Landesverband hinter NRW war da noch gar nicht mitgerechnet. Die JU ist nach wie vor eine Männerdomäne, der Frauenanteil liegt bei nur 30 Prozent. Weil sie „nichts ändern würde“, hält Kevin Gniosdorz von einer Frauenquote nichts, obwohl sie junge Frauen vielleicht für die Partei interessieren könnte. Egal ob junge Männer oder junge Frauen: Die Christdemokratie empfänden viele eben nicht als sexy, gibt sich Kevin Gniosdorz keinen Illusionen hin.

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