Paderborns Schulen bereiten sich auf Maskenpflicht im Unterricht vor
Angst vor Elternprotesten

Paderborn (WB). Es ist ein erheblicher Einschnitt: Von der nächsten Woche an müssen Schüler im Unterricht eine Schutzmaske tragen. Die Leiterin der Heinz-Nixdorf-Gesamtschule, Andrea Reck, erwartet Proteste von Schülern und Eltern. Und der Sprecher der Paderborner Gymnasien, Peter Lütke Westhues, räumt ein: „Das ist unangenehm und belastend, nichts was man sich wünscht.“

Freitag, 07.08.2020, 05:26 Uhr aktualisiert: 07.08.2020, 15:34 Uhr
Im Schulranzen oder Rucksack darf die Mund-Nase-Maske nicht mehr fehlen. Das Coronavirus engt die Freiheit von Schülern und Lehrern erheblich ein. Foto: Oliver Schwabe

Die Paderborner Schulen bereiten sich auf die zusätzlichen Vorgaben des Landes für das neue Schuljahr vor, das in der nächsten Woche beginnt. Zentraler Punkt dabei ist die Verpflichtung für Schüler und Lehrer, im Unterricht eine Schutzmaske zu tragen. Davon ausgenommen sind lediglich Grundschüler. Die Maskenpflicht gilt erst einmal nur bis Ende August, um einen Überblick über das Infektionsgeschehen zu bekommen.

Schulen haben Masken in Reserve

Eine Maske über mehrere Stunden bei hohen Temperaturen zu tragen, kann zur Qual werden. Das weiß auch Peter Lütke Westhues (57), aber die Entscheidung des Ministeriums in Düsseldorf hält der Leiter des Pelizaeus-Gymnasiums dennoch für richtig: „Sie ist konsequent im Hinblick darauf, dem Sicherheitsbedürfnis von Lehrern und Schülern nachzukommen.“ Die Eltern und nicht die Schule seien dafür verantwortlich, dass die Kinder die Masken mitbringen, betont Lütke Westhues. Für diejenigen, die die Maske „vergessen“ haben, hält die Schule etwa 150 selbst bereit. Bereits im Mai, als die Abschlussklassen zurückkehrten, herrschte im Gymnasium auf Fluren und Pausenhof eine Maskenpflicht. Die Initiative, aus dem Maskengebot eine -pflicht zu machen, sei von den Schülern selbst ausgegangen, erzählt Peter Lütke Westhues.

Was die Lehrer angehe, sei die Maske im Unterricht deshalb ein Problem, weil sie nicht nur laut sprechen müssten, sondern auch nur die Augen- und Stirnpartie der Schüler sehen könnten. Das erschwere das Erkennen und Kennenlernen von Mädchen und Jungen, die neu ans Gymnasium gekommen sind.

Die Lehrer könnten die Masken dann abnehmen, wenn sie vorn an der Tafel stehen, so dass der Abstand zur ersten Reihe groß genug sei, erläutert Peter Lütke Westhues. Beim Verteilen von Aufgaben müsse die Maske dann aber übergestreift werden: „Das ist etwas, mit dem wir umzugehen lernen müssen.“ Allerdings wolle niemand, dass sich die Situation, dass „wir wieder mit halber Klasse hier sitzen“, wiederholt. Den Präsenzunterricht zieht der Schulleiter dem digitalen Lernen von zuhause aus allemal vor, denn der persönliche Kontakt zwischen Lehrern und Schülern und den Schülern untereinander müsse gegeben sein, betont Peter Lütke Westhues: „Soziale Bindungen können Sie nicht digital pflegen. Und im Geschichtsunterricht brauchen Sie zum Beispiel für die Antwort auf die Frage, ob Deutschland schuld am Ersten Weltkrieg war, Diskussion und Austausch in der Klasse.“

„Nicht praktikabel“

Heftige Diskussionen in der kommenden Woche erwartet Andrea Reck von der Heinz-Nixdorf-Gesamtschule. „Es werden eindeutig Elternproteste kommen, und ich kann mir gut vorstellen, dass einige Eltern ihren Kindern absichtlich keine Masken mitgeben“, befürchtet sie. Andrea Reck räumt ein, dass man es den 750 Schülern eigentlich nicht zumuten könne, bis zu acht Stunden am Tag eine Maske zu tragen. Sie selbst unterrichtet Religion und Mathematik und hält es auch als Lehrerin „nicht für praktikabel“, die ganze Zeit eine Maske im Gesicht zu haben. Einen Schüler, der oben ohne kommt, müsse sie „nach Hause schicken, weil er eine potenzielle Gefahr ist“.

Die Schulleiterin und ihre Kollegen haben seit Beginn der Corona-Pandemie viel zu bedenken und zu organisieren. Um die Ansteckungsgefahr zu minimieren, sitzen die Schüler immer auf denselben Plätzen und lernen in denselben Gruppen. Sie haben feste Wege abzulaufen, damit die Zahl der Begegnungen sinkt, im Musikunterricht dürfen sie wegen der Aerosole nicht singen.

NRW-Gesundheitsministerin Yvonne Gebauer hätte es auch gern, wenn die Schüler zu unterschiedlichen Zeiten mit dem Bus ankommen und gestaffelt den Unterricht beginnen. Aber das hält Peter Lütke Westhues für „völlig unrealistisch“. Eltern erwarteten eine verlässliche Planung, und zeitversetzter Unterricht sei damit unvereinbar, meint er. Deshalb will er am Unterrichtsbeginn für alle 1300 Schüler um 7.50 Uhr festhalten. Mit Blick auf das neue Schuljahr sei er „angespannt, aber nicht nervös“, erzählt er. Allerdings fällt es Peter Lütke Westhues schwer, „sich der Situation zu stellen, dass in der nächsten Woche wieder alles anders sein kann“.

 

Kommentar pro Maskenpflicht

Wenn die Schulen zum Regelunterricht für alle im Klassenraum zurückkehren wollen – und das muss das Ziel sein, wenn die Bildungschancen für alle Schüler gewahrt bleiben sollen – geht es nur mit Maske. Bei allen Umständen und Einschränkungen, die das für Schüler und Lehrer bedeutet, ist die Maskenpflicht im Unterricht nach allem, was bisher über die Verbreitungswege des Virus bekannt ist, das geringste Übel. Der Herbst steht vor der Tür, viele Klassenräume sind beengt und ohnehin nur mehr schlecht als recht zu lüften. An Gesamtschulen, in der gymnasialen Oberstufe und im Differenzierungsunterricht, ist es kaum möglich, Lerngruppen nicht zu mischen – von Pausenhof, Mensa und Betreuung gar nicht erst zu reden. Gleichzeitig brauchen die Schüler aber wieder verlässlichen Präsenz-Unterricht, weitere Schließungen dürfen nicht riskiert werden, denn damit würden viele Kinder abgehängt. Die Situation ist derzeit leider alles andere als normal. Wir alle werden auch weiter mit Einschränkungen leben müssen, die es sorgfältig gegeneinander abzuwägen gilt. Eine Maskenpflicht im Unterricht ist ein Versuch, der es wert ist. Hier geht es letztlich nur um ein Stück Stoff vor dem Gesicht. Das ist deutlich zumutbarer als eine mögliche Covid19-Infektion. Ebenso wichtig ist es allerdings, dass bei einer Rückkehr aller Schüler die Unterrichtszeiten variiert werden. Überfüllte Schulbusse wären kontraproduktiv. Maike Stahl

 

Kommentar kontra Maskenpflicht

Ich bin wütend! Weil es dem NRW-Schulministerium auch in den Sommerferien nicht gelungen ist, ein Konzept zum Unterricht unter Corona-Bedingungen zu entwickeln, müssen unsere Kinder jetzt leiden. Bis zu acht Stunden sollen sie nun Maske tragen. Was für ein Albtraum! Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, beschlagene Brillengläser – und dabei immer schön konzentrieren, damit auch was hängen bleibt. Weder gibt es Untersuchungen dazu, wie sich intensives Masketragen auf die Gesundheit Heranwachsender auswirkt, noch interessiert sich die Schulministerin dafür, wie es um das soziale Mitein­ander bestellt ist. Wie zum Beispiel Fünftklässler Kontakte knüpfen sollen, wenn ewig die Maske im Weg ist. Dass unser Leben derzeit von jedem Zugeständnisse fordert, ist klar. Aber das hier geht zu weit. Was spricht gegen Plexiglasscheiben im Unterricht? Was gegen außerschulische Lernorte? Wo sind die Digitalisierungskonzepte, von denen alle seit Monaten reden?

Das Argument, auch Ärzte und Pfleger müssten durchgängig Maske tragen, zieht nicht. Während Erwachsene sich ihren Job aussuchen und frei entscheiden können, ob sie nur die nötigsten Besorgungen machen oder Powershopping mit Dauermaske wollen, haben Kinder keine Wahl. Ach ja: Die gleichen Kinder, die im Unterricht Maske tragen, dürfen übrigens nach der Schule gemeinsam Sport treiben – ohne Maske. Daniela Lang

 

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