Corona-Krise: Einnahmen weggebrochen – Anteilseigner entscheiden voraussichtlich Ende September/Anfang Oktober
Stellenabbau beim Flughafen Paderborn-Lippstadt – Sanierungskonzept beschlossen

Büren/Paderborn (WB/as/LaRo). Der von den Folgen der Corona-Krise gebeutelte Flughafen Paderborn-Lippstadt steht vor einer Zäsur: Das Wegbrechen nahezu aller Einnahmen habe die wirtschaftliche Situation so sehr verschärft, dass der Airport nun innerhalb des nächsten halben Jahres in allen Bereichen neu aufgestellt werden müsse, heißt es in einer Mitteilung des Kreises Paderborn vom späten Donnerstagnachmittag. Der Flughafen werde sich von einem „erheblichen Teil“ seiner Mitarbeiter trennen. Der Aufsichtsrat und die Gesellschafterversammlung des Flughafens haben ein „Konzept für die Sanierung und Fortführung eines zukunftsfähigen Airports“ beschlossen.

Donnerstag, 30.07.2020, 18:17 Uhr aktualisiert: 31.07.2020, 07:16 Uhr
Der Airport Paderborn-Lippstadt liegt in Büren-Ahden (Kreis Paderborn). Foto: Jörn Hannemann/Archiv

„Von Land und Bund haben wir bisher keine Zusagen erhalten. Alle Gesellschafter müssen jetzt zusammenstehen und diese Sanierungsphase durchstehen und finanzieren“, sagte Paderborns Landrat Manfred Müller (CDU), Aufsichtsratsvorsitzender der Flughafen Paderborn/Lippstadt GmbH, in den jüngsten Sitzungen der Flughafengremien.

Monatliche Verluste in Höhe von rund 700.000 Euro

Die Gesellschafter des Regionalflughafens Paderborn-Lippstadt sind die Kreise Paderborn (56,38 Prozent), Soest (12,26 Prozent), Gütersloh und Lippe mit je 7,84 Prozent, Hochsauerlandkreis und Höxter mit je 3,92 Prozent, die Stadt Bielefeld (5,88 Prozent) sowie die Industrie- und Handelskammern Ostwestfalen (1,57 Prozent) und Lippe (0,39 Prozent).

Bereits Ende Juni habe festgestanden, „ dass der Flughafen seine Kapazitäten zunächst deutlich herunterfahren, seine Kosten an die zu erwartenden Erlöse anpassen muss, um dann in besseren Zeiten wieder hoch fahren zu können“. Wegen der Corona-Krise fallen den Angaben des Kreises zufolge trotz hoher Kurzarbeitsquote monatliche Verluste in Höhe von rund 700.000 Euro an. Deshalb war umgehend ein Sanierungsmodell und Fortführungskonzept gefordert worden.

Die Geschäftsführung habe ein Konzept entwickelt, das von einem Hamburger Sachverständigen „überprüft und für wirtschaftlich sinnvoll und notwendig befunden“ wurde und nun in den Gremien des Flughafens vorgestellt wurde.

Reduzierte Kapazitäten

Ziel sei es, den Flughafen Paderborn-Lippstadt als Verkehrsflughafen weiterzuführen, also dass von dort aus weiter Großflugzeuge starten und landen können. Ein wichtiger Hebel sei die Dimensionierung der vorhandenen, eigenen Abfertigungskapazitäten bis hin zu einer Größenordnung von 300.000 Flugpassagieren pro Jahr in Linien- und Toursimusfliegern. Diese Maßnahme erhöhten die Krisenbeständigkeit des Flughafens, da auch bei einem starken Rückgang der Passagierzahlen und damit der Erlöse die Liquidität aufrechterhalten werden könne. Im vergangenen Jahr fertigte der Flughafen noch 693.500 Passagiere ab.

Stimmen der heimischen Bundestagsabgeordneten – von Andreas Schnadwinkel

Die Lage des OWL-Airports beschäftigte am Donnerstag auch die heimischen Bundestagsabgeordneten. „Manche fragen ja, ob man diesen Flughafen überhaupt braucht. Natürlich braucht OWL diesen Flughafen. Das ist staatliche Infrastruktur, damit OWL auch in Zukunft eine erfolgreiche Region sein kann. Ein Airport Paderborn-Lippstadt auf niedrigerem Niveau als vor Corona ist besser, als gar keinen Flughafen in OWL zu haben“, sagte der Paderborner CDU-Bundestagsabgeordnete und Unionsfraktions-Vize Carsten Linnemann.

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Frank Schäffler aus Bünde (Kreis Herford) kritisierte indes auch Linnemann: „Die Regierungskoalitionäre in Berlin müssen endlich in die Gänge kommen. Und die führenden Bundestagstagsabgeordneten aus OWL, die in der großen Koalition etwas zu sagen haben, müssen sich noch mehr einsetzen. Damit meine ich Ralph Brinkhaus und Carsten Linnemann von der CDU und Achim Post von der SPD. Denn die versprochene Übernahme der Flugsicherungskosten durch den Bund lässt immer noch auf sich warten.“ Es geht um 1,5 Millionen pro Jahr.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete und Fraktionsvize Achim Post aus Espelkamp (Kreis Minden-Lübbecke) weist Schäfflers Kritik zurück: „Schwarze-Peter-Spiele helfen dem Flughafen nicht weiter. Dafür ist die Lage für den Flughafen, die Region OWL und die Beschäftigten zu ernst. Stattdessen brauchen wir so schnell wie möglich eine genau abgestimmte Politik der Verkehrsminister im Bund und in NRW, wie man Paderborn nachhaltig stützen und fit für die Zukunft machen kann“ – am besten in frühzeitiger Koordinierung mit der EU.

...

Das Konzept beinhaltet drei mögliche Szenarien für die Entwicklung des Jahresergebnisses nach durchgeführter Sanierung: positiv, realistisch, negativ. In allen drei Fällen könnte der Zuschuss der Gesellschafter auf 2,5 Millionen Euro pro Jahr begrenzt werden. Gleichzeitig könne der Flughafen in besseren Zeiten, bei steigender Nachfrage, durch den befristeten Zukauf von Personalressourcen seine eigene Abfertigungskapazität bis zum infrastrukturellen Limit des Flughafens erhöhen.

Die Sanierung und Fortführung erfordere jedoch, dass der Flughafen sich von einem erheblichen Teil seiner Mitarbeitenden trennen muss, heißt es in der Mitteilung des Kreises. Landrat Müller bezeichnete in den Gremien diesen Schritt als „extrem bitter und schmerzlich“. In einem Schreiben bat er bereits die Anteilseigner mitzuhelfen, möglichst vielen im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben andere Arbeitsplätze anzubieten. Er kündigte eine Arbeitsgruppe in Kooperation mit der Arbeitsagentur an, um diese Beschäftigte wieder in Arbeit zu vermitteln.

Die Insolvenzen touristischer Fluggesellschaften (Air Berlin, Germania, Small Planet), da die Insolvenz des Thomas-Cook-Konzerns im Herbst vergangenen Jahres und die Konzentration weiterer Fluggesellschaften auf die größeren Flughäfen hatten bereits zu Rückgängen am Flughafen Paderborn-Lippstadt geführt. Dann kam Corona. Durch den Wegfall des Flugbetriebs brachen die Einnahmen fast komplett weg. Erst seit kurzem, aufgrund der Urlaubszeit, ist eine leichte Belebung des Flugverkehrs zu verzeichnen.

Kommunale Gesellschafter müssen zustimmen

Der Paderborner Kreistag hatte sich im Juni einstimmig für die Fortführung des Airports Paderborn Lippstadt auf „Basis einer wirtschaftlich fundierten Umstrukturierung“ ausgesprochen und mit einer Finanzspritze von bis zu 2,7 Millionen Euro unterstützt, um die Liquidität vorerst sicherzustellen. Dies geschieht durch Umwidmung von sowieso für die Verlustabdeckung bzw. Investitionen am Flughafen vorgesehene Mittel. Doch das werde nicht lange reichen. „Bereits auf der Sitzung von Aufsichtsrat und Gesellschafterversammlung Ende Juni war deutlich geworden: Ein ‚weiter so‘ kann es nicht geben. Ohne ein Sanierungs- und Fortführungskonzept, dessen Umsetzung von den Gesellschaftern finanziert wird, kann der Flughafen diese schwere Corona-Krise nicht überstehen.“ Eine Neuausrichtung sei auch zwingend, weil unklar ist, wie der Flugverkehr nach der Corona-Pandemie aussehen wird.

Landrat Müller betonte noch einmal in den Gremien, dass „die zukunftsfähige Neuausrichtung des Flughafens nur gelingt, wenn alle Gesellschafter in ost- und südwestfälischer Solidarität zusammenstehen“. Das jetzt vorgelegte Konzept sichere die Zukunft des seit über 50 Jahre bestehenden Flughafens als Standortfaktor für eine prosperierende Wirtschaft und Heimathafen für die Menschen der Region.

Die Finanzierungsmittel für das jetzt beschlossene Sanierungsmodell und Fortführungskonzept müssen die Kreistage der kommunalen Gesellschafter, das sind die Kreise Höxter, Gütersloh, Hochsauerlandkreis, Lippe, Soest und Paderborn sowie der Rat der Stadt Bielefeld beschließen. Dafür gibt es mehrere Optionen, die im Detail noch verhandelt werden müssen. Die Gremien tagen voraussichtlich Ende September, Anfang Oktober.

Beim Flughafen Münster/Osnabrück tut sich bis 2025 ein 30-Millionen-Euro-Loch auf – von Beate Kopmann

Im Sinkflug befand sich der Flughafen Münster/Osnabrück (FMO) schon häufiger. Durch die Corona-Krise wird daraus jetzt ein echter Sturzflug. Denn bis 2025 soll ein zusätzliches 30-Millionen-Euro-Loch den Flughafen in die Enge treiben. Das geht aus einem Schreiben hervor. Demnach will der FMO seine Gesellschafter – darunter die Stadt Münster und die Münsterlandkreise – kräftig zur Kasse bitten. Die FMO-Geschäftsführung geht davon aus, dass der Flughafen etwa fünf Jahre brauchen wird, um wieder das ursprüngliche Verkehrsaufkommen zu erreichen. Bis 2025 soll deswegen ein zusätzlicher Finanzbedarf von rund 30 Millionen Euro entstehen. Im Aufsichtsrat werden derzeit zwei Varianten diskutiert, wie Liquidität und Eigenkapital des Flughafens gestärkt werden können.

Variante 1: Eigenkapitalzuführungen von jeweils zehn Millionen Euro in den Jahren 2021, 2022 und 2023.

Variante 2: Umwandlung bestehender und geplanter Gesellschafterdarlehen in Höhe von 30 Millionen Euro in Eigenkapital sowie Überbrückung von Liquiditätsengpässen durch neue Bankdarlehen – etwa aus dem NRW-Rettungsschirm.

Bereits im Dezember soll die FMO-Gesellschafterversammlung eine erste Tranche in Höhe von zehn Millionen Euro beschließen.

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Kommentare

Fischer  wrote: 31.07.2020 08:57
Flughafen Paderborn
Im Umkreis von OWL haben wir zwei große Flughäfen, Hannover und Düsseldorf. Wir brauchen weder Paderborn, Kassel-Calden noch Münster-Osnabrück. Diese Flughäfen waren immer schon Prestige Objekte der Politiker und einzelner Landkreise. Eine Chance hatten diese Flughäfen auch schon vor Corona Zeiten nicht. Die gesetzlichen Vorschriften sind ob Groß oder Klein gleich. Was ja richtig ist, es geht um den Transport vo Menschen. Lieber ein Ende mit schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.
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