Förster bangen um Aufforstungen – differenzierte Ansichten in Ostwestfalen-Lippe
Forstamtsleiter: „Jäger erlegen zu wenige Tiere“

Paderborn/Remscheid (WB). Der Leiter des Remscheider Forstamts sieht den Wald wegen des hohen Wildaufkommens massiv gefährdet. Er kritisiert, dass die Jäger zu wenig Tiere schießen. Experten in OWL sehen die Situation indes weniger konfliktgeladen.

Dienstag, 07.07.2020, 02:00 Uhr aktualisiert: 07.07.2020, 05:01 Uhr
Ein Reh springt über eine Wiese. Foto: dpa

„Wald vor Wild“ – auf diese Formel bringt der Remscheider Forstamtsleiter Markus Wolff seinen aktuellen Vorstoß zur Rettung des Waldes. Neben der massiven Borkenkäferplage sei es vor allem der anhaltend hohe Bestand an Schalenwild, der den Wäldern zu schaffen mache. Die Situation sei dramatisch, der volkswirtschaftliche Schaden enorm. Es würden von Jägern viel zu wenig Tiere erlegt, so seine Kritik. Deshalb müsse das Jagdgesetz neu justiert werden. „Damit keine Missverständnisse aufkommen: Niemand will einen Wald ohne Wild“, sagt Wolff. „Aber der Umbau unserer Wälder hin zu einer gesünderen Mischung kann so nicht gelingen.“

Wolff, der auch Mitglied der Taskforce Borkenkäfer des NRW-Umweltministeriums ist, sagt, es lohne sich nicht, mit hohem finanziellen Aufwand Bäume zu pflanzen, wenn diese doch nur von Rehen und Rotwild gefressen werden. Letzteres schält die Rinde ab, die Bäume faulen und sterben.

Rehe und Hirsche ernähren sich von Baumsamen, so dass diese sich nicht verbreiten können. Dies wird als Verbiss bezeichnet. Wolff fordert ein öffentliches Verbiss-Monitoring, um Druck auf Jagdpächter auszuüben, die Pflichten nicht nachkommen. „Gerade private Pächter wollen sich am Wochenende auf ihrem Hochsitz erholen und Wild sehen. Dafür muss eben auch viel da sein.“

Plädoyer für ausgeglichenes Verhältnis von Wald und Wild

„In vielen Fällen ist die Wilddichte zu hoch“, räumt auch An­dreas Roefs ein. Er ist Förster und Sprecher des Regionalforstamtes Ostwestfalen-Lippe in Minden. Allerdings seien die Verhältnisse in den Jagdbezirken sehr unterschiedlich. Roefs plädiert für eine „tragbare Wilddichte“ – also ein ausgeglichenes Verhältnis von Wald und Wild. Nicht immer sei es möglich, gepflanzte junge Bäume mit einem Zaun zu schützen. Schon aus Kostengründen. Ist die Wilddichte zu hoch, müsse der Abschuss erhöht werden.

Das sieht auch Forstdirektor Dirk Kreienmeier so. Er ist im Hochstift Paderborn für 26.000 Hektar Staatswald zuständig. Sein Gebiet reicht in Nord-Süd-Richtung von Minden bis in das nördliche Sauerland und in der Ost-West-Richtung von Beverungen bis Paderborn. 3500 Hektar Fichtenflächen wurden durch den Borkenkäfer kahl gefressen, schildert er. Die Aufforstung läuft, aber einen Zaun könne man zum Schutz vor dem Verbiss nicht ziehen. Dafür sei das Areal viel zu groß. „Gerade Rehe laufen die Pflanzenreihen von frisch gepflanzten Buchen und Eichen ab und knabbern an den Knospen.“

„Intensive Bejagung“ als Daueraufgabe für die nächsten fünf Jahre

Um den Schaden zu begrenzen, habe man erstmals bereits im ­April statt wie sonst üblich im Mai mit der Jagd auf Rehe begonnen. 250 Jäger waren an der Aktion im Staatswald beteiligt. Sie schossen Kreienmeier zufolge rund 450 Rehe. Diese „intensive Bejagung“ werde zur Daueraufgabe für die nächsten fünf Jahre. Ein Grund sei, das sich die Tiere wegen des lichter gewordenen Waldes derzeit stark vermehrten.

Nach Aussage von Jäger Ber­t­hold Antpöhler, Vorsitzender der Kreisjägerschaft Paderborn, seien allein im April bereits zehn Prozent der Jahresstrecke geschossen worden. „Es wird mehr Rehwild geschossen. Aber ich will nicht ausschließen, das es hier und da auch weniger eifrige Jäger gibt.“ Pauschal könne man den Jägern aber keine Vorwürfe machen. Antpöhler: „Schwarze Schafe gibt es überall.“

Rund 1,2 Millionen Rehe werden laut Deutschem Jagdverband pro Jahr geschossen. Dies belege aber nicht die gute Arbeit der Jäger, so Wolff, sondern den jährlich hohen Zuwachs an Wild. Beim Landesjagdverband (LJV) NRW will man Wolffs Vorwürfe so nicht stehen lassen. „Von den Jagdstrecken (also die Zahl geschossener Tiere, Anmerkung der Redaktion) auf den Wildbestand zu schließen, ist schlicht unwissenschaftlich und nur sehr bedingt aussagekräftig“, sagt Sprecher Andreas Schneider. „Die Strecke belegt an erster Stelle das jagdliche Engagement. Und das ist augenscheinlich sehr groß.“ Zwar würden einige private Pächter ihrer Aufgabe vielleicht nicht ausreichend nachkommen, dies sei aber die Ausnahme und dürfe nicht pauschalisiert werden.

Auch dem Argument, dass eine zu hohe Wildpopulation den Umbau des Waldes verhindern würde, widerspricht der Landesjagdverband. „Diese These wurde bereits bei der Wiederbewaldung nach dem Jahrhundertsturm Kyrill von Waldbauern und Jägern widerlegt“, sagt Schneider. „Diese Flächen sind heute wieder alle voll bestockt, und da wo gewollt, eben auch als Mischwald.“

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