Prozess gegen BMW-Bande: Landgericht Paderborn hört zahlreiche Geschädigte
Keyless-Go ist der Schlüssel

Paderborn (WB). „Nie mehr gesehen.“ Das sagen der Steuerfachmann aus Paderborn, der IT-Unternehmer aus Horn-Bad Meinberg, die alleinerziehende Mutter von vier Kindern aus Vechta. Sie sagen es im Zeugenstand des Landgerichts, befragt zum Schicksal ihrer Autos, die von einer litauischen Diebesbande geklaut worden sein sollen. „Nie mehr gesehen“ heißt nicht „spurlos verschwunden“ – sonst würden die drei Angeklagten hier nicht sitzen.

Mittwoch, 01.07.2020, 08:19 Uhr aktualisiert: 01.07.2020, 09:04 Uhr
In der Lagerhalle in Minden hatten die Täter schon mit dem Ausein­anderbauen eines BMW X5 begonnen. Die Spurensicherung in und um die Halle dauerte mehrere Tage. Foto: Polizei Paderborn

Seit Ende Mai läuft der Prozess gegen die drei Männer (44, 44, 19) aus Litauen. Bei 27 BMW sollen sie dafür verantwortlich sein, dass sie „nie mehr gesehen“ wurden – jedenfalls nicht am Stück. Zwischen November 2017 und November 2019 waren die teuren Karossen gestohlen worden, im östlichen Nordrhein-Westfalen und südlichen Niedersachsen. Die Autos wurden in einer Halle in Minden zerlegt und in Einzelteilen nach Osteuropa geschafft.

Zweitschlüssel nun „unter schärfster Beobachtung“

„Nie mehr gesehen“, sagt der 64-jährige Steuerfachmann aus Wewer über seinen BMW 340i, ausgestattet mit Keyless-Go-System wie alle anderen gestohlenen Autos auch. Mehr als 71.000 Euro teuer, ein knappes Jahr alt, war er in der Nacht zum 16. Juli 2018 einfach weg. „Abends abgestellt, morgens rausgekommen, Auto weg.“ Der Funkschlüssel für das Keyless-Go lag im Flur. Es ist immer die gleiche Geschichte, die von den Geschädigten erzählt wird, allein schon, weil darin wenig mehr als Alter, Kilometerstand, Neupreis und Zeitwert der Fahrzeuge variieren. Und ein bisschen, wie die Bestohlenen mit dem Erlebnis umgehen. Der Verputzer aus Vechta zum Beispiel, der 94.000 Euro für seinen Traumwagen ausgegeben hat, bekam von der Versicherung nur 45.000 Euro plus Mehrwertsteuer ersetzt – und kaufte sich ein Auto ohne Keyless-Go. Der IT-Unternehmer aus Horn-Bad Meinberg fährt eine andere Premiummarke, seit sein Ersatzauto in Berlin geknackt wurde. Und der Weweraner, der nach dem Diebstahl seines Dienstwagens auch einen der Funkschlüssel nicht mehr finden konnte, sagt: „Der heutige Zweitschlüssel ist bei mir unter schärfster Beobachtung.“

Doch nicht besonders professionell

Am dritten Prozesstag erzielte die Jugendkammer, vor der wegen des 19-Jährigen verhandelt wird, den endgültigen Durchbruch. Der mutmaßliche Haupttäter (44) und der noch heranwachsende Fahrer hatten bereits zuvor ihre Tatbeteiligung gestanden, jetzt akzeptierte auch der dritte im Bunde ein „Angebot“, nachdem sich für das Gericht herausgestellt hatte, dass er tatsächlich als Lkw-Fahrer immer wieder auf mehrtägigen Touren unterwegs gewesen war und vermutlich nicht der große Kopf der Bande hatte sein können – sondern nur derjenige, der den Unterschlupf, die Zerlegehalle und ein Tatfahrzeug zur Verfügung stellte. Besonders professionell waren die Bandenmitglieder in letzter Konsequenz doch nicht: Die Polizei fand bei der Sicherstellung in der Zerlegehalle mehrere Müllsäcke mit Überbleibseln aus den Autos – darunter Servicehefte mit Fahrgestellnummern, Tankkarten und Parkausweise.

Die Kammer wird voraussichtlich am 7. Juli ihr Urteil sprechen.

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