Das Erzbistum Paderborn lässt seine Vergangenheit untersuchen
Über Täter und Vertuscher

Paderborn (WB). Das Erzbistum Paderborn lässt seine Vergangenheit im Bezug auf Fälle sexuellen Missbrauch von der Universität Paderborn aufarbeiten. Der Zeitraum, den die Wissenschaftler untersuchen sollen, ist allerdings 18 Jahre kürzer als noch im März angekündigt.

Freitag, 05.06.2020, 02:00 Uhr aktualisiert: 06.06.2020, 14:04 Uhr
Der Dom in Paderborn. Foto: Jörn Hannemann

Die Deutsche Bischofskonferenz hatte 2018 eine Studie vorgestellt, die Kirchenakten zwischen 1946 und 2014 ausgewertet hatte. Dabei waren die Wissenschaftler auf bundesweit 3677 mutmaßliche Opfer sexueller Taten und 1670 beschuldigte Priester, Diakone und Ordensleute gestoßen. Für das Erzbistum Paderborn nennt die Untersuchung 197 Betroffene und 111 beschuldigte Kirchenleute.

Diese und weitere Fälle lässt das Erzbistum jetzt von Professorin Dr. Nicole Priesching, Inhaberin des Lehrstuhls für Religions- und Kirchengeschichte an der Uni Paderborn , aufarbeiten. Ihr zur Seite steht Dr. des. Christine Hartig. Prof. Priesching: „Wir wollen herausfinden, welche Personen innerhalb der Kirche vom Missbrauch wussten, wie Entscheidungen über das Ergreifen oder Unterlassen von Maßnahmen getroffen wurden und ob strukturelle Bedingungen existierten, die Missbrauch fördern konnten.“

Johannes Joachim Kardinal Degenhardt (Amtszeit 1974-2002).

Johannes Joachim Kardinal Degenhardt (Amtszeit 1974-2002).

Das Erzbistum beteiligt sich während des dreijährigen Projekts an den Personalkosten. Generalvikar Alfons Hardt sicherte den beiden Wissenschaftlerinnen uneingeschränkten Aktenzugang zu und erklärte: „Wir wollen die Erkenntnisse in unsere Interventions- und Präventionsarbeit einfließen lassen.“ Die Expertinnen unterliegen nach eigener Auskunft keiner Weisungsbefugnis des Erzbistums und sind in der Gestaltung ihrer Arbeit unabhängig. Der Titel ihrer Studie lautet: „Missbrauch im Erzbistum Paderborn – Eine kirchenhistorische Einordnung. Die Amtszeiten von Lorenz Jaeger und Joachim Degenhardt (1941-2002)“.

Hans-Josef Becker steht seit 2003 dem Erzbistum vor.

Hans-Josef Becker steht seit 2003 dem Erzbistum vor.

Noch im März hatte das Erzbistum erklärt, die Studie werde den Zeitraum bis 2020 abdecken. Darauf angesprochen, teilten die Universität und das Generalvikariat am Donnerstag mit, die Studie sei immer nur bis 2002 angedacht gewesen. „Wie die Jahreszahl 2020 in die Öffentlichkeit kam, können wir heute nicht mehr nachvollziehen”, sagte Erzbistumssprecher Thomas Throenle. Es gebe auch keinen Grund, die jüngere Zeit zu untersuchen „Im Jahr 2000 haben Rom und die Deutsche Bischofskonferenz festgelegt, dass jeder Missbrauchsverdacht der Staatsanwaltschaft gemeldet werden muss. Deshalb kann seit damals eigentlich nichts mehr vertuscht werden.”

Die Wissenschaftlerinnen wollen aber nicht nur Personal- und Strafakten auswerten, sie wollen auch versuchen, mit Betroffenen in Kontakt zu kommen. Auch wenn die Tat lange zurückliegt: Es gibt diese Zeugen noch. 2019 haben 32 Betroffene gegenüber dem Erzbistum Paderborn Missbrauchsvorwürfe erhoben. Als Beschuldigte wurden 29 Personen benannt. Elf sind verstorben und waren dem Erzbistum aus anderen Vorwürfen bekannt. Neun weitere sind verstorben und waren noch nicht vorher beschuldigt worden. Sieben leben noch, sind aber nicht mehr im aktiven Dienst. Die Anschuldigungen betrafen die Zeit von 1946 bis 2019. Die meisten Taten, wenn es sie denn gab, sind verjährt.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7437007?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198401%2F2512560%2F
Arminia verpflichtet Nathan de Medina
Nathan de Medina (rechts) verteidigt ab der neuen Saison für Arminia in der 1. Liga. Foto: imago
Nachrichten-Ticker