19-Jähriger gehört zur Risikogruppe und darf nicht in Caritas-Werkstatt
Mutter in Sorge: „Der Junge geht mir ein“

Paderborn (WB). Barbara Burow ist der Verzweiflung nah. Seitdem das Coronavirus grassiert, darf ihr Sohn Leon-Maurice nicht mehr in die Caritas-Werkstatt für behinderte Menschen in Schloß Neuhaus. „Er hat weder Therapien, kann sich nicht frei bewegen und dreht zu Hause schon durch wie wahrscheinlich mehrere behinderte Jugendliche“, bedauert sie und leidet genauso wie ihr Kind massiv unter der Situation. Die Caritas-Werkstätten im Erzbistum Paderborn betonen, sie würden alles tun, damit Leon-Maurice in den nächsten Wochen zurückkehren könne.

Sonntag, 31.05.2020, 08:00 Uhr
Barbara Burow mit ihren beiden Söhnen Leon-Maurice (im Rollstuhl) und Joel-Fabrice.

Für alles finde die Politik eine Lösung, die Fußballbundesliga sei ihr wichtiger als behinderte Menschen, sagt Burow. Leon-Maurice wurde am 4. Mai 19 Jahre alt. Vom Verstand her ist der schwerstbehinderte junge Mann auf dem Niveau eines Zweijährigen, sagt seine Mutter. Er kann nicht sprechen, sich nur schwer verständlich machen, bekommt mehrmals am Tag epileptische Anfälle. Um das Wachstum von Tumoren in seinem Körper zu stoppen, muss er sich einer Chemotherapie in Tablettenform unterziehen, wodurch das Immunsystem geschwächt wird.

Mutter beobachtet Rückfall

Seit September 2019 besucht er die Werkstatt der Caritas in Schloß Neuhaus und ist dort „total glücklich“, wie seine Mutter betont. Weil er in Corona-Zeiten zu den Risikogruppen zählt, geht das jetzt nicht mehr. Seine Mutter beobachtet bei Leon-Maurice mit Erschrecken einen Rückfall in überwunden geglaubte Zeiten. „Die Aggressivität kommt langsam wieder zurück“, sagt die 43-Jährige im Gespräch mit dieser Zeitung: „Er schlägt sich noch nicht wie früher, aber er motzt viel. Der Junge geht mir ein.“

Leon-Maurice verstehe nicht, warum der Bulli nicht mehr kommt, der ihn sonst in die Werkstatt fährt, und warum er den ganzen Tag zuhause bleiben muss. Zwei Delfintherapien im Januar 2018 und März 2019 hätten ihm spürbar geholfen. „Die Neigung zur Aggressivität war danach komplett weg“, erinnert sich Burow, die jetzt angesichts der neuen Entwicklung „Panik kriegt“. Auch der zweite Sohn der alleinerziehenden Mutter, der 15-jährige Joel-Fabrice, leidet unter den Verhältnissen, für die das Coronavirus gesorgt hat.

Wenn Leon-Maurice nachts immer wieder aufwacht und plötzlich laut lacht, schreckt auch er auf – und das, obwohl er in der Abiturphase seinen Schlaf braucht. „Joel-Fabrice hilft, wo er kann“, lobt Burow den familiären Zusammenhalt, der zurzeit auf eine harte Probe gestellt werde. Wie soll sie Leon-Maurice den ganzen Tag über beschäftigen, fragt sich die Mutter: „Um 5 Uhr ist er wach, dann hole ich ihn ins Wohnzimmer, später fahre ich ihn im Rolli einmal um den Block, aber was mache ich die ganze Zeit danach?“ Angesichts der „sehr einengenden“ Verhältnisse hat sie den Eindruck, dass behinderte Menschen die Politiker nicht interessieren: „Alles hat Vorrang momentan, nur solche Menschen nicht.“ Der 1,54 Meter kleinen Frau wächst die Situation über den Kopf. Sie würde sich wünschen, dass die Gruppe ihres Kindes wenigstens zweimal in der Woche für ein paar Stunden in die Werkstatt kommen könnte, untergebracht in Räumen, „die von anderen Werkstattmitarbeitern nicht betreten werden“.

Caritas-Werkstätten fahren Betrieb schrittweise wieder hoch

 

Die Prokuristin der Caritas-Werkstätten im Erzbistum Paderborn, Karla Bredenbals, hat Verständnis für die Sorgen der Mutter, verweist aber auf die enorme Herausforderung durch das Coronavirus. Vom 18. März bis 8. Mai habe für die Werkstätten ein Betretungsverbot gegolten. Seit dem 11. Mai dürften sie ihren Betrieb wieder sukzessive hochfahren. Als erstes seien diejenigen Menschen mit Behinderung zurückgekehrt, von denen man annehme, dass sie mit den neuen Bedingungen am schnellsten klarkommen: „Sie müssen lernen, die Verhaltensregeln einzuhalten. Deshalb haben wir mit den Personen angefangen, die eine Notbetreuung brauchen, weil ihre Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten, und mit denen, die die neuen Regeln schnell lernen.“ Wegen des Coronavirus sei die Arbeitsumgebung teilweise umgestaltet worden, erläutert Karla Bredenbals. Die Gruppe der Menschen mit komplexen Mehrfachbehinderungen, zu der auch Leon-Maurice gehört, brauche eine besondere Betreuung, damit die Einhaltung der Regeln gewährleistet werde. Sie seien kognitiv oft nicht in der Lage, das Ganze zu erfassen und gefährdeten sich oder andere. Bedingt durch die Immunschwäche gehe Leon-Maurice ein hohes Risiko ein. Dennoch sei in dieser Woche mit der Rückkehr der Menschen mit komplexen Mehrfachbehinderungen begonnen worden. Bredenbals: „Ich gehe davon aus, dass Leon in den nächsten drei Wochen dabei sein wird.“ Sie betont: „Es gibt ganz unterschiedliche Bedürfnisse – sich darauf einzustellen, braucht Zeit.“ Deshalb biete man eine breite Palette an Hilfsmöglichkeiten an und bringe den Werkstattmitarbeitern auch die Arbeit nach Hause.

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