Die Paderborner Unternehmer Andreas und Ulrike Dolle geben ihre Erfahrungen weiter
Plötzlich im Homeoffice

Paderborn (WB). Das Homeoffice ist seit Corona der Megatrend in der Arbeitswelt. Doch so einfach, wie es sich anhört, ist die Arbeit zu Hause mitnichten. Und so haben die Paderborner Unternehmensberater Ulrike (54) und Andreas Dolle (56) kurzerhand innerhalb von nur zwei Wochen ein Buch dazu geschrieben. Paul Edgar Fels sprach mit ihnen über Tipps und Kniffe.

Dienstag, 19.05.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 19.05.2020, 05:02 Uhr

Hat die Corona-Pandemie den Durchbruch für das Homeoffice gebracht?

Andreas Dolle: Ja. Weil dadurch die Erkenntnis reifen konnte, dass es erstens funktioniert und dass sich zweitens Unternehmen viel stärker Gedanken darüber machen müssen, wie sie Flexibilität – also hier die Wahl des Arbeitsortes – unterstützen können.

Ulrike Dolle: Ein Geschäftsführer hat mir kürzlich erzählt: Früher war das Homeoffice eine Luxusvariante, heute könne er sich vorstellen, das Homeoffice als geregelte Arbeitsvariante bestehen zu lassen.

Der Begriff Homeoffice fällt heute schnell und oft. Was versteht man darunter? Reicht ein Laptop am Küchentisch?

Ulrike Dolle: Das könnte man meinen. Aber natürlich sind bestimmte Auflagen vom Arbeitgeber zu erfüllen. Er muss dafür sorgen, dass der Mitarbeiter im Homeoffice die entsprechende Ausstattung hat – wie etwa ein ergonomischer Sitzplatz. Leider findet das nach unserer Erfahrung häufig nicht statt.

Welche Hard- und Software sollte man mindestens haben, um auch von Zuhause aus effizient arbeiten zu können?

Andreas Dolle: Bei uns im Team zum Beispiel haben wir alle Laptops, keine PCs! Das ermöglicht uns Flexibilität. Der Mitarbeiter kann sich für seine Arbeit dort hinsetzen, wo er mag. Laptop, Surface, Tablet – das sind die Arbeitsgeräte. Zur Software: Hier gibt es viele Angebote, die kollaboratives Arbeiten ermöglichen. Dafür ist zum Beispiel eine Software wie Office 365 prädestiniert. Ein anderes wichtiges Tool heißt Asana. Es hilft bei der Organisation der Arbeit oder der Projekte.

Für wie viel Prozent der Mitarbeiter ist Homeoffice geeignet? Und wo stehen wir jetzt?

Ulrike Dolle: Für die Kassiererin oder den Lagerarbeiter ist Homeoffice natürlich nicht geeignet. Dagegen für alle, die kaufmännisch arbeiten, die im Vertrieb oder im Service tätig sind, in der Buchhaltung oder die strategisch arbeiten. Allerdings hängt dies auch von der Mentalität des Mitarbeiters ab. Es gibt viele Leute, die sind gerne im Homeoffice und arbeiten für sich. Andere brauchen den Kontakt zu Kollegen.

Manche sagen: Wer zu Hause arbeitet, ist der Kontrolle seines Chefs entzogen. Richtig?

Andreas Dolle: Jein! (lacht). Tatsächlich ist die Arbeit im Homeoffice Vertrauensarbeit. Allerdings sind wir der Ansicht, dass es wichtig ist, Spielregeln zu vereinbaren und eine Art Transparenz zu schaffen. Zu den Regeln gehört, die Aufgaben für den jeweiligen Tag zu planen. Damit geht es auch dem Mitarbeiter besser, denn er weiß, was auf ihn zukommt. Und für den Chef ist er in dieser Zeit ja auch erreichbar, zum Beispiel um sich über den Fortschritt eines Projektes zu erkundigen.

Wie sollte man Arbeitszeiten und Pausen im Homeoffice regeln?

Ulrike Dolle: Bei uns im Unternehmen haben wir unsere erste Besprechung mit dem ganzen Team morgens um neun Uhr – das ist unser erstes Daily. Es ist dem Mitarbeiter überlassen, ob er sich vielleicht schon um 8 Uhr an den Schreibtisch gesetzt hat. Um 16.30 Uhr gibt es ein abschließendes Tagesmeeting. Auch hier kann der Mitarbeiter selbst entscheiden, ob er danach weitermacht oder den Tag mit dieser Konferenz beschließt. Das hängt davon ab, wie weit er mit seiner Arbeit gekommen ist. Zwischendurch richtet sich der Mitarbeiter seine Pausen selbst ein. In der Pause sollte der Mitarbeiter nicht erreichbar sein. Wir geben zu, das ist eine große Herausforderung. Denn die permanente Erreichbarkeit geht schnell ins Tagesgeschäft über.

Welche Rolle spielt Kommunikation im Homeoffice?

Ulrike Dolle: Das ist das A und O. Je nach Mentalität ist sie für den einen mehr wichtig, für den anderen weniger wichtig. Die Führungskräfte sind angehalten, durch Tagespläne die Struktur vorzugeben. Die Kommunikation sollte einerseits natürlich inhaltlicher Natur sein, andererseits auch mal locker. Das Besondere am Homeoffice ist ja, dass man im Hintergrund ein Stück weit privates Leben mitbekommen kann.

Ein Schwätzchen unter Kollegen, ein kurzes Treffen in der Büro-Küche oder Flurfunk – all das fehlt im Homeoffice. Wie kann man solche Bedürfnisse im Homeoffice kompensieren?

Andreas Dolle: Man kann sich zum Beispiel mit einem Kollegen virtuell zum Kaffee treffen, sich austauschen, etwas plaudern. Das Thema Socialising (deutsch: Geselligkeit) ist total wichtig, weil es das Extra zum Tagesgeschäft ist. Man will sich so auch die Spannung für die Arbeit erhalten. Das ist gar nicht so einfach.

Gibt es ein Recht auf Homeoffice?

Andreas Dolle: Zurzeit nein. Aber das wird gerade von der Politik diskutiert. Wichtig ist aber auch, was der Arbeitnehmer in seinem Arbeitsvertrag stehen hat. Ob dort zum Beispiel ausdrücklich das mobile Arbeiten oder das Homeoffice vorgesehen ist. Für das Homeoffice muss der Arbeitgeber die entsprechende Ausstattung sicherstellen. Mobiles arbeiten ermöglicht dagegen, dort zu arbeiten, wo der Arbeitnehmer will. Das ist natürlich eine große Freiheit. Es stellt sich die Frage, inwieweit das für den Arbeitgeber okay ist. Ich denke, das Recht auf Homeoffice wird kommen.

Bei vielen Videokonferenzen stört oft ein ruckelndes Bild. Wann haben wir diese Unzulänglichkeiten überwunden?

Andreas Dolle: Das ist ein Infrastrukturthema. Deutschland steht hier in Punkto Internetgeschwindigkeit kurz hinter Slowenien auf Platz 25. Das ist für das, was wir weltweit als Nation darstellen, ein Witz. Wir hätten das Potenzial, viel weiter vorne zu sein. Da hat der Gesetzgeber einiges verschlafen. Die aktuelle Situation könnte aber ein Treiber dafür sein, hier für mehr Tempo beim Ausbau der Netze zu sorgen.

Wie sollte man sich organisieren, wenn Kinder im Haus sind und mit Vater oder Mutter spielen wollen.

Ulrike Dolle: Wir haben entdeckt, dass die Welt sehr tolerant ist. Sie ist toleranter gegenüber Tieren oder Kindern als sie tolerant ist gegenüber technischen Herausforderungen. Wenn die Kamera nicht geht oder das Bild ruckelt, ist das wesentlich nerviger als wenn ein Kind auf dem Schoß sitzt. Viele Kinder wollen auch einmal dabei sein, und das sollte man dann auch locker sehen.

Zum Schluss ein Blick in die nähere Zukunft. Sie sind dicht an den Unternehmen dran – Wie arbeiten wir in 10 Jahren?

Andreas Dolle: Wir werden ganz neue Optionen der Begegnung erleben. In zehn Jahren werden die virtuelle und die reale Welt vermischt sein. Wir sitzen dann virtuell wie auch real an einem Tisch zusammen und erleben uns dreidimensional.

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