Vereine suchen nach Auswegen aus dem Corona-Dilemma
Digitales Schützenfest

Paderborn/Wesel (dpa). Für viele Dörfer und Städte in Nordrhein-Westfalen zählt das Schützenfest im Sommer zu den Jahreshöhepunkten. Das Coronavirus stoppt die Feierlaune. Doch so mancher Verein sucht nun nach digitalen Wegen. Wie kann Brauchtum im Netz funktionieren?

Samstag, 09.05.2020, 03:54 Uhr aktualisiert: 09.05.2020, 05:01 Uhr
Kameramann Manuel Berkemeier (von links), DJ Daniel Ebeler, Moderator Matthias Henkemeier und Trompetenspieler Frank Berkemeier stehen in der Kulisse ihres Schützenfest-Studios. Foto: dpa

Auch in diesem Jahr floss er reichlich, der Kräuterschnaps zum Schützenfest in Wesel-Bislich. Nur eben nicht in großer Runde von Hofstaat, Schützenbrüdern und hunderten Gästen, sondern privat allein – und nur virtuell gemeinsam. Denn das Coronavirus hat das große Fest im 2800-Seelen-Ort in diesem Jahr gestoppt – wie ungezählte andere kleinere und größere Schützenfeste in den kommenden Monaten auch.

Um den Bislichern am 1. Mai-Wochenende bestmöglichen Ersatz zu bieten, bastelten einzelne Schützenbrüder kurze Videoclips und luden sie während des Festwochenendes bei Facebook hoch – von der launigen Anleitung zum „Schützenfest for One“ zum Fahnenschwenken mit Mundschutz – fertig war das digitale Dorffest. Im Schnitt wurde jedes Video 4000 Mal angeschaut. „Das ist enorm gut angekommen. Mit so viel Resonanz weit über Bislich hinaus hätten wir nie gerechnet“, sagt Schützensprecher Tobias Engels.

Digitale Initiativen der Schützen werde es in den kommenden Wochen und Monaten auf vielfältige Art geben, ist der Kulturwissenschaftler Jonas Leineweber überzeugt. An der Universität Paderborn untersucht er das Schützenwesen im Rahmen des Forschungsprojektes „Tradition im Wandel“.

Millionen Menschen kämen jährlich auf den Schützenfesten zusammen, sagt er. In NRW werden sie in nahezu allen Regionen und Ortschaften gefeiert. Die Absage stelle die Vereine vor eine große Herausforderung: „Sie können das, was für ihre kulturelle Praxis wesentlich ist, derzeit nicht wie gewohnt ausüben und leben: Gemeinschaft und Geselligkeit“. Kein Wunder also, dass sie nach kreativen und digitalen Möglichkeiten Ausschau hielten, ihr Brauchtum und das vielerorts damit einhergehende soziale Engagement in digitaler Form aufrecht zu erhalten. Der Nebeneffekt: Die Ausnahmesituation treibe notwendige Digitalisierung und Modernisierungsprozesse im Schützenwesen voran.

Technisch und fachlich helfen wollen dabei die Macher des Webauftritts „Schützenfestdaheim.de“. Verbundenheit schaffen und stärken trotz Corona-Beschränkungen – so die Idee aus der Schützenfesthochburg Delbrück. „Jedes Dorf fiebert hier das ganze Jahr auf dieses Ereignis hin“, sagt Mitinitiator Frank Berkemeier. „Das ist viel mehr als nur Bier und Party.“ Er und seine Mitstreiter wissen, wovon sie sprechen: Sie sind selbst Schützenbrüder und wären als Musiker verschiedener Stimmungsbands auch in diesem Sommer wieder durch die Schützenhallen und Festzelte des Landes getourt.

Ganz verschiedene Traditionen prägen das jeweilige Festwochenende, weiß Berkemeier. Vielfach gehörten Gottesdienste dazu, ein Kinderprogramm, Rituale rund um Hofstaat, Vogelschießen, Blaskapelle. „Da werden die Straßen rausgeputzt, Fahnen werden vor dem Haus gehisst, das Schützenfest bringt Nachbarn zusammen“. Das soll dieses Jahr auch gelingen – mit Liveschaltungen in die Wohnzimmer und Gärten der Vereinsmitglieder, mit Mitmachformaten und virtuellen Begegnungsmöglichkeiten.

„Hier ist auch die Kreativität der Vereine und Beteiligten vor Ort gefragt. Jedes Schützenfest hat seine Besonderheiten“, sagt Berkemeier. Der Grundidee nach sollen die Vereine aus einem mobilen Studio heraus ein Schützenfest-Alternativ-Programm in die Welt streamen können. Das fünfköpfige Team könne dabei auf Know-how zurückgreifen, dass es bei der Umsetzung vergleichbarer Projekte, etwa digitaler Konferenzen oder gestreamter Gottesdienste in der Krise bereits sammeln konnte.

Das schaffe dann auch Möglichkeiten für ortsansässige Unternehmen, sich wieder einzubringen: Als Sponsor etwa, der hier Werbeflächen finde oder als Dienstleister, dessen Einnahmen im Zuge der Krise weggebrochen sind: „Warum nicht ein Biertaxi auf den Weg bringen, mit dem man sich gegenseitig einen ausgeben kann?“, schlägt Berkemeier vor. Auch wenn das traditionelle Vogelschießen, bei dem der König fürs nächste Jahr ermittelt wird, auf das nächste Jahr vertagt sei: „Auch beim digitalen Schützenfest wird es eine Challenge geben, das gehört dazu“, sagt Berkemeier.

Erste interessierte Vereine gibt es bereits, wie den Schützen- und Heimatverein Greffen. Das zu Harsewinkel (Kreis Gütersloh) gehörende Dorf wollte an Pfingsten sein 175-jähriges Jubiläum groß feiern. Corona stoppte die Pläne. Umso wichtiger sei es, ein Trostprogramm auf die Beine zu stellen, findet der dortige Schützenpräsident André Lanwehr. „Die Leute würden im Garten ihr Schützenfest sowieso feiern. Da haben wir uns gedacht, das können wir auch digital begleiten“, sagt er. „Ein Ersatz für ein richtiges Schützenfest kann das niemals sein“, räumt er ein.

Aber etwas sei in Bewegung geraten: Die Vereine aus dem Ort sollen mit ins Boot, Spielchen werden geplant, „wir werden uns einige Dönnekes überlegen. Ich freu mich darauf.“

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7401916?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198401%2F2512560%2F
Richter verbieten Sonntagsöffnung
“Sorry we’re closed” (Leider Geschlossen): Das gilt voraussichtlich an allen schon geplanten oder noch ungeplanten verkaufsoffenen Sonntagen in NRW. Foto: dpa
Nachrichten-Ticker