Die AStA-Vorsitzende Sharlene Frammelsberger über Isolation und Online-Lehre
„Campus plötzlich wie ausgestorben“

Paderborn (WB). So ein Sommersemester hat die Universität Paderborn noch nie erlebt. Wegen des Coronavirus findet es nahezu ausschließlich online statt, auf dem Campus herrschen gähnende Leere und Stille. Was bedeuten die außergewöhnlichen Umstände für die Studenten und für ihre Interessenvertretung? Das wollte Dietmar Kemper von Sharlene Frammelsberger, Vorsitzende des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA), wissen.

Montag, 04.05.2020, 08:30 Uhr aktualisiert: 04.05.2020, 09:30 Uhr
Normalerweise sitzen im Sommersemester auf diesen Treppen viele Studenten und unterhalten sich. Das Coronavirus macht die Hochschule zur Geisteruni. Foto: Jörn Hannemann

Wie würden Sie die Atmosphäre an der Universität in Zeiten der Corona-Krise beschreiben? Finden Sie das Ganze beängstigend, gespenstisch oder einfach nur ungewohnt?  

Sharlene Frammelsberger: Am Anfang der Corona-Krise war die Auswirkung auf die Uni-Atmosphäre noch nicht so ersichtlich, da wir uns noch in den Semesterferien befanden und es zu diesem Zeitpunkt sowieso ruhiger ist. So hat sich das Ganze noch relativ normal angefühlt. Mit der Schließung der Mensa und der Bibliothek war der Campus aber plötzlich wie ausgestorben. Normalerweise hätte das gute Wetter die Studierenden auf die Wiesen der Uni gelockt oder seit Semesterbeginn in den Außenbereich des Grill-Cafés, allerdings sieht man nun nur vereinzelt Leute über den Campus spazieren. Was auch in der momentanen Situation gut so ist. Allerdings würde ich diese Situation weder als beängstigend noch als gespenstisch beschreiben, sondern schlichtweg als ungewohnt.  

 

Zum Studium gehören Gemeinschaft, Partys, gemeinsame gesellschaftliche Projekte. Was bleibt davon aktuell?  

Frammelsberger: Die momentane Situation erschwert die von Ihnen genannten Aktivitäten natürlich, schließt sie aber grundsätzlich nicht aus. Ich denke, da sind wir kreativ genug, uns über digitale Portale auszutauschen und Zeit miteinander zu verbringen. Diese Alternativen ersetzen natürlich nicht den persönlichen Kontakt, aber helfen in der momentanen Situation definitiv.  

 

Droht bestimmten Studenten, zum Beispiel denen aus dem Ausland, die Isolation? 

Frammelsberger: Es gibt viele internationale Studierende, die unter der Isolation leiden. Viele haben zum Beispiel ihre Arbeit verloren. Viele haben anfangs auch Heimweh, weil sie hier alleine ohne ihre Familien leben müssen. Daher war es vor der Corona-Krise ganz normal, Freunde zu treffen und neue Kontakte zu knüpfen. Das geht jetzt nicht mehr, und sie sind frustriert und leiden aufgrund von Isolation an psychischen Belastungen. In privaten Unterkünften geht es meist noch, aber die Räume in den Studierendenwohnheimen wie zum Beispiel am Peter-Hille-Weg sind teilweise so klein, dass es für viele schwierig ist, die Tage so abwechslungsreich zu gestalten, ohne dass ihnen die Decke auf den Kopf fällt. Bei der Wohnraumvermittlung versuchen wir, die internationalen Studierenden in WGs unterzubringen. Das hilft bei vielen gegen das Gefühl von Isolation. Einige wohnen aber auch in kleinen Einzimmerappartements, was einen längeren Aufenthalt zuhause schnell zur psychischen Belastung werden lässt. Gerade für internationale Studierende waren der Besuch von Veranstaltungen und gemeinsame Ausflüge besonders wichtig, um am Anfang des Semesters Anschluss zu finden. Das fällt jetzt komplett weg.  

 

Inwieweit ist die Arbeit des AStA eingeschränkt? 

Frammelsberger: Am 13. März fiel die Entscheidung, dass wir unsere Räumlichkeiten bis auf weiteres schließen werden. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Referentinnen und Referenten wurden in diesem Zuge also auch weitestgehend ins Home-Office geschickt. Seit dem 28. April haben nun der AStA-Copyservice sowie das Hauptbüro wieder geöffnet, um den Studierenden die Möglichkeit zu bieten, ihre Seminarunterlagen wieder wie gewohnt ausdrucken zu können oder um offizielle Dokumente beglaubigen zu lassen. Diese Öffnung sorgt natürlich dafür, dass wieder ein Hauch Normalität in den AStA einkehrt. Allerdings bleiben unsere anderen Räumlichkeiten, also AStA-Stadtcampus und Study Space, die Fahrradwerkstatt und das Sozialbüro weiterhin geschlossen. Darüber hinaus sehen wir uns im AStA aber nun ganz anderen Herausforderungen gegenübergestellt. Das zeigt sich im Alltag, die Zusammenarbeit im Team ist trotz digitaler Office-Plattformen nicht mehr so unkompliziert wie vor der Corona-Krise, als wir täglich im Büro gemeinsam an Projekten arbeiten konnten. Diese Ungewissheit zeigt sich aber auch bei den besonderen Events, den Veranstaltungen wie politischen Debatten, dem Sommerfestival, Uni-Parties und Workshops, die wir für und mit Studierenden organisieren. Vieles davon wird im Sommersemester gezwungenermaßen ausfallen müssen, weil es nicht einfach so digitalisiert werden kann. Auch hier beraten wir uns ständig mit Präsidium und Behörden. Wir sehen uns auch mit finanziellen Herausforderungen konfrontiert. Weil zum Beispiel der Copyservice lange geschlossen blieb und der Stadtcampus noch immer geschlossen ist und Veranstaltungen nicht stattfinden können, haben wir derzeit nahezu keine Einnahmen, unsere vertraglichen Verpflichtungen bestehen aber weiterhin.  

 

Mit welchen Sorgen wenden sich die Studenten an den AStA, und wie kann der helfen? 

Frammelsberger: Viele Studierende haben seit Beginn der Corona-Krise ihre Probleme und Sorgen mit uns geteilt. Wie kann ich trotz Corona mein Studium in der geplanten Zeit beenden? Wie kann ich mich finanzieren, obwohl mein Nebenjob gekündigt wurde? Welche Möglichkeiten habe ich über Bafög hinaus? Wir stehen hier in engem Austausch mit der Hochschulleitung und dem Studierendenwerk, um Lösungen für diese Probleme zu finden. Auf unserer Website versuchen wir möglichst bei allen Fragen zu helfen (https://asta.uni-paderborn.de/corona/). 

 

Der AStA vergibt Sozialdarlehen. Was ist das, wie viel Geld gibt es, und wie viele Sozialdarlehen haben Sie gewährt, nachdem das Coronavirus zu grassieren begann?  

Frammelsberger: Bei einem Sozialdarlehen handelt es sich um ein zinsloses Darlehen in Höhe von maximal 500 Euro, welches für Studierende zur Überwindung einer kurzfristigen finanziellen Notlage gedacht ist. Seit dem Beginn der Kontaktbeschränkungen und dementsprechend vieler Jobverluste haben wir kein Sozialdarlehen vergeben. Im Fall der Anfragen, die uns erreichten, wäre das Sozialdarlehen leider keine Hilfe, sondern ein Tropfen auf dem heißen Stein und somit auf Dauer eine zusätzliche Belastung für die Studierenden gewesen. Studierende, die mit finanziellen Problemen durch Jobverluste zu uns kommen, beraten wir stattdessen hinsichtlich anderer, langfristiger finanzieller Fördermöglichkeiten. Zusammen mit der Hochschulleitung und der Universitätsgesellschaft haben wir einen spendenbasierten Hilfsfonds eingerichtet, der jetzt startet. Viele Studierende haben ihren Nebenjob aufgrund der Corona-Krise verloren. Das gilt auch teilweise für die Familien von Studierenden, die diese plötzlich nicht mehr finanziell unterstützen können. Dies betrifft auch Studierende mit einem oder mehreren Kindern und internationale Studierende, die fern der Heimat plötzlich ohne Einkommen dastehen. Da sich der Hilfsfonds aus Spenden zusammensetzt, geht dies natürlich nicht ohne die Solidarität von Professorinnen und Professoren, Alumni und Alumnae der Uni und von Paderborns Bürgern, die finanziell in der Lage sind zu helfen. 

 

Glauben Sie, dass das ganze Semester online ablaufen muss, oder haben Sie Hoffnung, dass doch noch Normalität einkehrt?  

Frammelsberger: Die Dozierenden sowie Studierenden organisieren sich gerade komplett digital und versuchen hier einen gemeinsamen Weg zu finden. Dass die Umstellung nicht von Anfang an reibungslos verläuft, ist klar, da es für alle Beteiligten eine komplett neue Situation ist. Meines Erachtens würde eine Umstellung auf eine Präsenzlehre mitten im Semester, sofern es denn unter Berücksichtigung gesundheitlicher Aspekte möglich wäre, zu erneuten Schwierigkeiten und Hürden führen. Studierende planen gerade ihren Alltag entsprechend der Situation und besuchen teilweise Veranstaltungen nicht wie sonst zu festen Zeiten, sondern schauen sich Videos von Dozentinnen und Dozenten an, wenn es ihnen gerade passt. Eine Rückkehr zur Normalität mit Präsenzlehre könnte hier eine unnötige neue Barriere darstellen.

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