Wie kleine Geschäfte in Paderborn mit den Corona-Folgen kämpfen
Durchhalten ist angesagt

Paderborn (WB). Paderborns Geschäftswelt besteht nicht nur aus den großen Kaufhäusern in der Westernstraße. Für Vielfalt und Originalität sorgen viele kleine Geschäfte – wie zum Beispiel die in der Grube. Auch sie kämpfen mit den Folgen der Corona-Krise. Diese Zeitung hat sich bei ihnen umgeschaut und umgehört.

Montag, 04.05.2020, 10:07 Uhr aktualisiert: 04.05.2020, 10:20 Uhr
Die Interessengemeinschaft Grube mit Lars Löhr, Andrea Thater, Silvia Pamme, Nataly Kirwald und Simone Sperbel (von links) hofft auf mehr Kunden nach Corona. Foto: Jörn Hannemann

„Das wird ein absolutes Durchhaltejahr“, macht sich die Geschäftsführerin von Kirwald, Nataly Kirwald, keine Illusionen. In den beiden Geschäften für Möbel sowie Wohnaccessoirs und Geschenkideen sind weniger Kunden als früher. Ob sich Einbußen im ersten durch mehrere Offene Sonntage im zweiten Halbjahr ausgleichen lassen, weiß die Chefin nicht. Die Offenen Sonntage müsse man erst mal personell stemmen: „Die Kosten für einen halben Sonntag sind relativ hoch.“

Solidarität statt Ellenbogen

Kirwald gehört der Interessengemeinschaft Grube mit fast 20 Mitgliedern an. Zu ihr zählen Modeboutiquen wie Mezzo, Hambrock, Kamp 18 und Zeitlos genauso wie der mehrfach vom Magazin „Focus“ ausgezeichnete Immobilienmakler Thater, der „Bären-Treff“, Hörakustik Löhr, die Drogerie Bartsch, das Dessousgeschäft Queenz oder der Naturkosmetikladen „Kopf bis Fuß“. Die Mitglieder setzen auf Solidarität. Hier kämpfe jeder nicht nur für sich, freut sich Nataly Kirwald.

Aus der Not eine Tugend gemacht

Dank der kurzen Wege helfen sich die Händler auch bei Schutzmasken aus. Die hat Elvis Öz von der Änderungsschneiderei im Angebot. Er hat aus der Corona-Not eine Tugend gemacht. Seit drei Wochen nähen er und seine Mitarbeiter Masken: mal ganz schlicht in weiß, mal modisch bunt, mal mit Motiven und auch mit den Firmenlogos der Auftraggeber, zu denen Taxiunternehmen und Gastronomen wie Bärlin Curry gehören. Eine Paderborner Behörde gab gleich 220 Stück in Auftrag.

„Wir nähen Hunderte am Tag, momentan ist die Nachfrage groß“, erzählt Elvis Öz. Die Masken kosten zwischen fünf und 7,50 Euro. „Der atmungsaktive Baumwollstoff kommt aus Salzkotten, wird von uns genäht und in Paderborn bedruckt“, berichtet der Chef. Die Beschaffung von Gummibändern bereitet ihm ein Problem: „Gummi ist wie Klopapier – überall ausverkauft.“

Bei Elvis Öz hat auch Simone Sperbel eine Schutzmaske bekommen. Sie betreibt seit drei Jahren die Modeboutique „Zeitlos“ gleich nebenan. So hart wie jetzt seien die Zeiten noch nie gewesen, räumt Simone Sperbel ein und fragt sich, wie sie unter diesen Umständen Rücklagen bilden soll: „Im Einzelhandel sagt man, dass man fünf Jahre braucht, um ein Geschäft aufzubauen und zu etablieren.“

Das Coronavirus ließ die Zahl ihrer Kunden auf die Hälfte sinken. „Ab nachmittags ist es in der Stadt ruhig“, hat sie beobachtet. Nicht nur Simone Sperbel schließt werktags jetzt um 18 statt um 18.30 Uhr und samstags um 16 Uhr. Das hängt auch damit zusammen, dass die Gastronomie in dem attraktiven Viertel mit Rathaus, Theater und Dom nicht öffnen darf und damit potenzielle Kunden, die zum Kaffeetrinken oder Essen in die Innenstadt kommen und dann in den Läden bummeln, fehlen.

„Überleben wir den Sommer ohne Feste?“

Auch Michael Beck macht sich Sorgen um die Zukunft. „Überleben wir den Sommer ohne Feste?“, fragt sich der Inhaber des „Bären-Treff“ mit den leckeren Fruchtgummitüten. „Mein Laden lebt von der Frequenz, von Spontankäufern“, erzählt er. Wenn zu Libori Tausende durch Paderborn spazieren, gibt es reichlich Spontankäufer, aber das Volksfest ist für dieses Jahr abgesagt. Durch die Corona-Pandemie hat Michael Beck, der in Paderborn der „Bärchenmann“ genannt wird, einen „drastischen Einbruch beim Umsatz und der Zahl der Kunden“ erlebt.

Wenn er das Virus geahnt hätte, hätte er seinen Laden, der seit 21 Jahren in der Grube angesiedelt ist, nicht in der letzten Februar- und ersten Märzwoche geschlossen, um ihn umzugestalten. Ab Mitte März musste er sein Geschäft dann wegen des Virus abschließen. Die vergleichsweise hohen Mietpreise in Paderborn machten den Ladenbesitzern in solchen Ausnahmezeiten zusätzlich zu schaffen, beklagt Michael Beck.

Andrea Hambrock leidet darunter, dass keine Hochzeiten, Kommunionen, Abibälle und andere Veranstaltungen stattfinden, für die passende Kleidung gekauft wird. Sie betreibt die Modegeschäfte „Mezzo“ und „Hambrock“ und gibt zu, „dass wir im Moment nicht gerade überrannt werden“. Trotzdem bleibt die Geschäftsfrau optimistisch und wirbt für einen Besuch: „Es ist doch ein schöner Trost für die Seele, sich ein neues Kleid oder einen neuen Pulli zu kaufen.“

Zählen nur die Großen?

Obwohl die Grube fernab der zentralen Flaniermeile Westernstraße liegt, möchte Andrea Hambrock mit den Läden dort nicht tauschen: „Ich bin froh, dass wir das individuellere Publikum ansprechen.“ Allerdings ärgert es sie, dass die kleineren Geschäfte in der öffentlichen Aufmerksamkeit in der Corona-Krise erst an zweiter Stelle kämen: „Es geht immer nur darum, ob die Großen aufmachen können.“ Die Interessengemeinschaft Grube betont, gerade die kleinen und individuellen Geschäfte seien es, die sich an den Wünschen von Kunden, Gästen und Besuchern orientierten und die Innenstädte „in besonderer Weise beleben“.

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