Im Gespräch mit dem Paderborner Moraltheologen Prof. Dr. Peter Schallenberg
Ist Corona eine Strafe Gottes?

Paderborn (WB). Normalerweise pendelt Prof. Dr. Peter Schallenberg (56) regelmäßig zwischen Paderborn und Rom. Doch was ist schon normal in dieser Zeit? „Meine Aufgaben im Vatikan ruhen jetzt natürlich“, sagt der Paderborner Moraltheologe. Die Corona-Pandemie beschäftigt auch ihn. Andreas Schnadwinkel hat mit Peter Schallenberg über die biblische und theologische Ebene eines grassierenden Virus’ gesprochen.

Mittwoch, 08.04.2020, 03:33 Uhr aktualisiert: 08.04.2020, 06:32 Uhr
Epidemien als Strafe Gottes sind in der Kunst, wie hier „Die Pest in Neapel” des niederländischen Illustrators Caspar Luyken (1672-1708), häufig dargestellt worden. Foto: imago

Auch wenn sich das für viele Leute in modernen Zeiten seltsam anhören mag: Ist Corona eine Strafe Gottes?

Peter Schallenberg : Nein, und zwar klipp und klar. Aus heutiger theologischer Sicht sind Krankheiten, Leiden und Katastrophen keine Strafe Gottes. Sie können ein Impuls Gottes für unseren Verstand und unsere Erkenntnis sein. Aber sie sind keine Bestrafung durch Gott.

Warum nicht?

Schallenberg : Das kommt schon im Neuen Testament vor, als Jesus einen Gelähmten heilt. Jesus lehnt die Fragestellung ab, ob das eine Strafe für den Gelähmten oder dessen Eltern sei. Der Gelähmte erkennt die Möglichkeit an, dass die Lähmung ein Zeichen Gottes sein könnte. Er könnte akzeptieren, dieses Leid zu tragen, um vielleicht über den Sinn des Lebens nachzudenken. Jedenfalls heilt Jesus ihn und gibt ihm damit einen neuen Sinn. Das kann ein Zeichen sein, aber Gott stellt keine Hinweisschilder auf. Sondern Gott wirkt dadurch, dass wir über ihn nachdenken, dass er in unserem Verstand deutlich wird, dass er mit unserer Seele und unserem Gewissen in Beziehung tritt. Das Gewissen gilt als der innerste Kern des Menschen. Dort denken wir darüber nach, was Gott von uns will.

Wenn Gott im Zusammenhang mit Corona als strafender Gott angesehen wird, wird er damit auch zu einer Art Sündenbock gemacht?

Schallenberg : Es kann verständlich sein, dass Menschen Gott für ihr Leid verantwortlich machen wollen, weil sie denken, dass Gott zum Beispiel das Coronavirus geschickt habe. Gott straft nicht durch Krankheiten und Leiden, aber er lässt diese zu. Das hat er schon zugelassen, als er die Welt unvollkommen geschaffen hat – also mit Vulkanausbrüchen, Flutkatastrophen und auch Viruserkrankungen. Er hat die Welt um unserer Freiheit Willen unvollkommen geschaffen, damit wir uns Gedanken machen, wie wir mit der Unvollkommenheit zurechtkommen. Was können wir tun, um das Leben der Menschen zu verbessern? Darum geht es. Sonst hätte Gott Marionetten erschaffen, das hat er aber nicht getan. Wir sind Ebenbilder Gottes, so sagt Thomas von Aquin, weil wir im Verstand und in der Vernunft Anteil an Gott haben. Wir können uns Gedanken machen – das ist mit Ebenbild Gottes gemeint. Und nicht etwa unser äußeres Erscheinungsbild.

Was sagen Sie denen, die Corona als Beleg für die Nicht-Existenz Gottes anführen?

Schallenberg : In Georg Büchners „Woyzeck“ heißt es, dass das Leiden der Grundstein des Atheismus sei. Jegliche Art von Unvollkommenheit und Leiden ist eine Möglichkeit, Gott abzulehnen. Es mag widersprüchlich scheinen, dass der vollkommene Gott etwas Unvollkommenes erschafft. Aber es liegt kein Widerspruch vor. Wenn die Eltern ihre Kinder wie Marionetten behandeln, werden sie nie erwachsen. Eltern gehen das Risiko ein, dass das Kind auf eine heiße Herdplatte fasst, vom Fahrrad fällt oder mit Drogen in Kontakt kommt. Wenn Eltern das verhindern wollen, muss man Kinder wie Marionetten behandeln oder einsperren. Man kann sagen, dass es einen Gott, der solches Leid zulässt, nicht gibt. Oder aber man sagt, und das sage ich, dass Gott das Leiden und die Unvollkommenheit zulässt, damit wir uns als Menschen abarbeiten im Dienst der Verbesserung und, wenn man so will, des Erwachsenwerdens. Ich verstehe aber gut, wenn jemand zum Beispiel wegen des Holocaust oder ähnlicher schrecklicher Leiden nicht an Gott glauben kann.

US-Präsident Donald Trump hat für Corona den biblischen Begriff der Plagebenutzt. Damit verfolgt er gewiss Absichten im Hinblick auf seine evangelikale Wählerschaft. Aber ist Corona im biblischen oder theologischen Sinn eine Plage?

Schallenberg : Die Bezeichnung ist nicht ganz falsch. Aber ob dieser alttestamentarische Begriff hilft, weiß ich nicht. Denn die Plagen waren eine Strafe Gottes für die Ägypter. Man kann Corona als Plage bezeichnen und sagen, diese Plage dient dazu, dass wir uns Gedanken über unsere Gesundheitssysteme machen. Gott fordert uns in indirekter Weise heraus, indem er uns die Gelegenheit zum Nachdenken und zum Arbeiten gibt. Jeder Virologe, jede Krankenschwester, jede Pflegekraft wird durch diese Pandemie herausgefordert. Man kann auch sagen, man wird durch diese Plage herausgefordert, etwas Gutes zu tun. Es wäre aber verheerend und gruselig, wenn wir sagen wollten, Aids oder Corona wären eine Strafe für die große Sünde der Menschen.

Dort, wo der christliche Glaube stärker gelebt wird, ist bei Seuchen oder Naturkatastrophen das Handeln oder eben Nichthandeln Gottes stets ein Thema. Ist das ein gutes Zeichen?

Schallenberg : Zumindest kann man sagen, dass Gott dort präsenter ist und mehr über ihn gesprochen wird. Ich gebe zu, dass in Ländern, in denen man durch menschliche Anstrengung und technisches Wissen sehr viel in der Hand hat, weniger über Gott nachgedacht wird als in weniger entwickelten Gesellschaften. Zuweilen ist Gott bei uns in den Sonntagswinkel verbannt, aber auf moderne Technik und Wohlstand wollen wir nicht verzichten. Wir erfahren Gott nicht mehr dadurch, dass der Regen ausbleibt. Wegen der beiden zurückliegenden trockenen Sommer hat niemand vorgeschlagen, als Reaktion einfach eine große Bittprozession zu veranstalten. Wir suchen die Ursachen dafür und wir können auch beten. Das eine schließt das andere nicht aus, aber Technik ist schon wichtig.

Wird Gott in solchen Krisen als Wirklichkeit wahrgenommen?

Schallenberg : Schwerer als früher. Der Philosoph Hans Blumenberg hat einmal gesagt, dass mit der Erfindung des Blitzableiters die unschuldige religiöse Kindheit der Menschheit endet. Wir brauchen bei Gewitter keine Kerze mehr ins Fenster zu stellen oder nur die Heiligen anzurufen, weil wir technische Lösungen gefunden haben und zum Beispiel in der Corona-Krise auf Intensivstationen und Beatmungsgeräte zurückgreifen können. Gott wird überflüssiger in Bereichen, die naturwissenschaftlich beherrschbar sind. Aber woher kommt die Kraft der Menschen, die pflegen, die Einsamkeit aushalten? Da ist Gott nicht überflüssig. Der innere Bereich ist der Bereich Gottes. Nicht der äußere Bereich der Technik. Voltaren und Beten ist eine gute Mischung.

Schadet die Corona-Pandemie der Gläubigkeit, oder besteht darin sogar eine Chance?

Schallenberg : Es besteht eine Chance, da wir uns fragen: Was will Gott von uns als erwachsenen Menschen? Denn wir müssen uns nach der Corona-Krise stärker als zuvor Gedanken darüber machen, wer besonderen Schutz braucht. Die Verwundbarkeit kann dazu führen, dass sich vereinte Kräfte neue Gedanken darüber machen, was in der Zukunft wichtiger ist. Und ich bin sicher, dass das Gerede von einer Reduzierung des Gesundheitssystems und von Klinikschließungen nun endgültig der Vergangenheit angehört.

Am Ende der Sintflutgeschichte sagt Gott, dass er nie wieder zerstören werde. Wie ist diese Stelle theologisch zu deuten? Ist das ein Widerspruch zu dem, was da noch folgt?

Schallenberg : Die Erzählung einer Urflut ist sehr alt und archaisch. Solch eine Geschichte gibt es in vielen Überlieferungen der Menschheit. Zum Ausdruck gebracht werden soll, dass viel Bosheit auf der Erde ist. Ist sie von Gott gemacht? Nein. Ist sie von Gott zugelassen? Ja. Die moralische Bosheit kommt aus der menschlichen Freiheit. Dass der Mensch einen anderen Menschen erschlagen kann, wie bei Kain und Abel. Die physische Bosheit, also Krankheiten und Naturkatastrophen, kommt aus einer unvollkommenen Schöpfung, von der wir nur wissen, dass Gott sie zugelassen hat. Gott hätte die Welt ohne Krankheit und Tod, ohne Viren und Bakterien schaffen können. Das hat er aber nicht getan, und deswegen müssen wir mit dem auskommen, was wir haben. Das stellt uns vor die lebenslange Herausforderung, ob wir an Gott glauben wollen oder nicht.

Prof. Dr. Peter Schallenberg lehrt als Moraltheologe in Paderborn.

Prof. Dr. Peter Schallenberg lehrt als Moraltheologe in Paderborn.

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