Coronavirus: Praxisnetz und Kreis organisieren Massenuntersuchung im Kreis Paderborn Schon 1400 Mitarbeiter von Pflegeheimen getestet

Paderborn (WB). Acht Menschen sind bislang im Kreis Paderborn an den Folgen einer Coronavirus-Infektion verstorben. Bei den Opfern handelt es sich um hochbetagte Menschen aus Senioreneinrichtungen, wie Landrat Manfred Müller am Montag berichtet. Der Kreis und das Paderborner Praxisnetz nehmen diese Bevölkerungsgruppe nun besonders in den Fokus. Die 2500 Mitarbeiter aus Heimen und ambulanten Pflegediensten im Kreis Paderborn werden jetzt getestet. Die Teilnahme ist aber freiwillig.

Von Ingo Schmitz
Allein im Westphalenhof sind am Montag 190 Mitarbeiter auf das Coronavirus getestet worden. Seit Donnerstag haben die 25 Ärzte des Paderborner Praxisnetzes bei 1400 Beschäftigten verschiedener Einrichtungen einen Abstrich vorgenommen.
Allein im Westphalenhof sind am Montag 190 Mitarbeiter auf das Coronavirus getestet worden. Seit Donnerstag haben die 25 Ärzte des Paderborner Praxisnetzes bei 1400 Beschäftigten verschiedener Einrichtungen einen Abstrich vorgenommen.

25 Ärzte helfen mit

Bereits in der vergangenen Woche hatte sich Dr. Rudolf Jopen, Chef des Paderborner Praxisnetzes, mit großer Sorge an den Landrat gewandt und dabei den Schutz der Seniorenheime als vorrangiges Ziel benannt. „In der Tat handelt es sich bei den Bewohnern von Seniorenheimen um eine besonders verletzliche Gruppe“, stellt Müller fest. Er sei äußerst dankbar, dass das Praxisnetz die Testungen vorangetrieben habe. Nach Angaben von Dr. Rudolf Jopen, der die 250 Ärzte im Praxisnetz angeschrieben hatte, hätten sich innerhalb kürzester Zeit 25 Mediziner gemeldet, um die Testungen in den Seniorenheimen vorzunehmen. „Das ist eine sehr gute Quote“, zeigte sich der Allgemeinmediziner sehr zufrieden.

Teilnahme freiwillig

Genauso schnell sei es mit Hilfe des Kreises Paderborn gelungen, die 30 Altenheime und 32 Pflegedienste zu erreichen. Die Hälfte der Einrichtungen hätten sofort zugestimmt. Bis Montagabend waren bereits in 17 Heimen mit insgesamt 1400 Beschäftigten Abstriche vorgenommen worden. Die Tests werden von den Heimen vorbereitet. Die Mitarbeiter müssen lediglich ihre Versichertenkarte vorlegen sowie den Abstrich in Mund und Nase über sich ergehen lassen.

Haben dem Westphalenhof die Gesichtsmasken übergeben (vorn): Anna Scheer (Arztpraxis Dr. Michael Scheer) und Ralf Wilberg (Vorstand des Westphahlenhofes) sowie (hinten, von links) Dr. Ulrich Polenz (Kassenärztliche Vereinigung), Landrat Manfred Müller, Dr. Rudolf Jopen (Praxisnetz), Thomas Schlecking (Betriebsrat), Ulrike Kahler (Pflegedienst) und Thomas Kintzen (Vorstand). Foto: Ingo Schmitz

Etwa die Hälfte der Tests sind schon ausgewertet. Bislang wurde ein Mitarbeiter positiv getestet, berichtet Dr. Jopen. „Wir bekommen auf diese Weise eine Bestandsaufnahme, wie die Infektionsrate aktuell aussieht.“ Am Montag waren die Mitarbeiter des Westphalenhofes, eine Kooperationseinrichtung des Praxisnetzes, an der Reihe. Dort nahm Ärztin Heide Knüttel die Proben bei rund 190 Beschäftigten. Die Aktion sei vom Betriebsrat voll unterstützt worden, sagt Vorstand Ralf Wilberg. Viele Mitarbeiter hätten zudem das Bedürfnis, wissen zu wollen, ob sie das Virus – ohne es zu wissen – in sich tragen.

Pilotprojekt denkbar

Dr. Rudolf Jopen sieht übrigens jeden Mitarbeiter, der die Virus­erkrankung überstanden hat, als äußerst wichtig an. Auf diese Mitarbeiter könnten die Heime in besonderer Form setzen, weil diese die Erkrankung nicht mehr übertragen könnten. „Sie sind sehr wertvoll für die künftige Versorgung“, macht er deutlich.

Landrat Müller und Dr. Jopen haben sich inzwischen bei NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) dafür stark gemacht, die Testungen von Mitarbeitern in Senioreneinrichtungen als Pilotprojekt im Kreis Paderborn zur Daueraufgabe zu machen. Demnach müsste jeder Beschäftigte alle vier Tage getestet werden, um das Risiko zu verringern, dass Heimbewohner angesteckt werden. Das wären 500 Tests pro Tag, jeder Test kostet 130 Euro. Ob das Projekt eine Chance hat, ist allerdings unklar. Es könnte aber hilfreich sein, falls die Regierung im Zusammenhang mit einer Exit-Strategie Lockerungen beschließen würde, sagt Müller.

1000 Gesichtsschilde gekauft

Dr. Michael Scheer, Mitglied des Praxisnetzes, hat den Ankauf von 1000 Gesichtsschilden aus Süddeutschland veranlasst. 700 dieser Behelfs-Augen-Mund-Nasen-Masken aus dünnem Plexiglas werden an die Senioreneinrichtungen im Kreis verteilt. Sie sind mit einem Einkaufspreis von 1,30 Euro pro Stück recht günstig und können wiederverwendet werden. Westphalenhof-Vorstand Ralf Wilberg bedankte sich für die Spende, die im Alltag sehr hilfreich sei. „Die Masken sind ein erster Schritt. Wir brauchen aber dauerhaft auch professionelles Material. Die Belieferung ist uns vom Land versprochen worden. Wir warten darauf“, sagt Wilberg.

Ein Kommentar von Ingo Schmitz

Bei der Aktion des Praxisnetzes sind neben den engagierten Medizinern und dem Kreis Paderborn sowie den Seniorenheimen auch die Kassenärztliche Vereinigung, die Kliniken, die Pflegedienste, die Labore und das Palliativnetz beteiligt. Die Aufzählung zeigt, wie gut die verschiedenen Zahnräder im heimischen Gesundheitswesen inein­ander greifen. Das ist nicht selbstverständlich und muss lobend erwähnt werden. Die Idee, die Seniorenheime im besonderen Maße zu schützen, in denen weiterhin die größten Sterberaten zu befürchten sind, wird inzwischen auch von Medizinern immer häufiger verbreitet. Indem Mitarbeiter regelmäßig getestet werden, sinkt das Risiko der Ansteckung. Das könnte eine Maßnahme sein auf dem Weg zu einer möglichen Exit-Strategie, die jetzt erarbeitet werden muss.

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