Facebook-Gruppe „Das Hochstift rückt zusammen“: Initiatorin zieht erste Bilanz
„Wir schaffen den Kampf nur gemeinsam“

Paderborn (WB). Die Facebook-Gruppe „Das Hochstift rückt zusammen” war eine der ersten, die sich zum Beginn der Corona-Krise gebildet und sehr schnell professionell aufgestellt hat. Inzwischen hat sie 5000 Mitglieder. Was ist seit unserem ersten Bericht am 16. März geschehen? Ingo Schmitz hat die Initiatorin Sandra Filter befragt.

Montag, 06.04.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 06.04.2020, 15:12 Uhr
Dieses Bild zeigt die Gründer der Facebook-Gruppe „Unser Hochstift rückt zusammen“. Es ist vor dem Kontaktverbot entstanden (von links): Daniele Barrancotto, Philipp und Kathrin Wibbing sowie ­Sandra Filter und Oliver Berendes. Foto: Ingo Schmitz

Ihre Facebook-Gruppe ist seit drei Wochen am Start. Wie sehen Sie den Verlauf Ihrer Aktion? Steht das Ziel „Menschen helfen Menschen“ weiter im Fokus?

Sandra Filter: Wenn ich die vergangenen drei Wochen Revue passieren lasse, sind wir als Administratoren-Team mit der Entwicklung unserer Facebookgruppe „Unser Hochstift rückt zusammen“ sehr zufrieden. Es geht darum, „Hilfe und Hilfeleistungen während einer Pandemie“ zu definieren und nicht den Begriff „Hilfe“ zu pauschalieren. Die Begrifflichkeiten bekommen in Corona-Zeiten eine ganz neue und weitreichendere Bedeutung. Unserem Anspruch „Menschen helfen Menschen“ kommen wir auf den verschiedensten Wegen nach. Es ist nicht mehr „nur“ die Einkaufshilfe für die Nachbarin oder den Nachbarn, die oder der zur Risikogruppe zählt. Es ist vielmehr ein ganzheitlicher Ansatz allen Personengruppen Hilfe anzubieten. Dazu gehört auch, objektive Informationen allen Menschen im Hochstift gebündelt zur Verfügung zu ­stellen.

Was meinen Sie damit?

Filter: Den Familien Ideen zu geben, gemeinsam ihre Zeit zu gestalten und dabei dem Credo der Bundesregierung #wirbleibenzuhause nachzukommen. Oder einfach unseren Mitmenschen eine Plattform und somit ein Gehör zu schenken. Es geht uns darum, gemeinsam mit ganz, ganz vielen Organisationen sowie den zuständig Handelnden des Landes, Kreises und der Stadt ein Hilfsprojekt auf die Beine zu stellen, das allen Bedürftigen, die Hilfe und Unterstützung zukommen lässt, die wir als sozial engagierte Bürgermöglich machen können. Dies sind nur einige Beispiele. Da unsere Plattform all diesem gerecht wird und wir den Fokus „gemeinsam schaffen wir es“ leben, sind wir auf dem richtigen Weg, jedoch noch lange nicht am Ziel.

Driften Debatten und Informationen vom Thema ab?

Filter: Ja, hier gilt es Diskussionen zu steuern. Jedoch sehen wir auch die Chance, den Blick jedes Einzelnen zu erweitern und lassen somit auch bewusst die unterschiedlichsten Gedanken zu. Wichtig ist: Es gibt klare Gruppen- und Spielregeln! Die bisher sehr gut akzeptiert und eingehalten werden.

Sie sind Initiatorin der Gruppe. Wie viel Arbeit steckt für Sie dahinter? Und was für Probleme gibt es?

Filter: Zusammen mit sieben weiteren Administratoren teilen wir uns die Aufgaben. Somit ist der Zeitaufwand überschaubar. Unsere Zusammenarbeit funktioniert – obwohl wir uns erst seit Gründung der Gruppe kennen und bisher nicht persönlich getroffen haben – auf Zuruf. Videocalls und WhatsApp-Nachrichten machen eine schnelle Kommunikation möglich. Probleme kennen wir kaum. Wir arbeiten lösungsorientiert und unsere Lösungen sind praktikabel. Die Herausforderung ist, dass wir natürlich unsere Aktionen strikt unter Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben wie etwa den Sicherheitsabstand ge­stalten.

Was für Aktionen konnten bislang ins Leben gerufen werden? Und was gibt es mehr: Angebote oder Nachfragen?

Filter: Toll ist, dass wir mittlerweile mehr als 500 (Einkaufs-)Hilfen leisten beziehungsweise vermitteln konnten. Zu allen weiteren örtlichen Hilfsorganisationen besteht ein sehr guter Kontakt und ein reger Austausch. Die Vielfalt der Themen und Aktionen ist groß. Ganz aktuell gibt es über unsere Gruppe ein Live-Programm für Kinder und Jugend­liche. Eines unserer größten Projekte, das nur in Abstimmung mit den unterschiedlichsten Entscheidern der Verwaltung und allen örtlichen Hilfsorganisationen und der Kirchen funktionieren wird, ist die Versorgung aller Bedürftigen mit Lebensmitteln, also zum Beispiel Obdachlose oder Menschen, die vor Corona beispielsweise von der Tafel versorgt wurden. Unser Hochstift rückt zusammen, so dass wir der großen Anzahl der Nachfrage ein sehr gutes Gegengewicht von Hilfsangeboten gegenüberstellen können. Zur Verdeutlichung: Im Stadtgebiet Paderborn gibt es mehrere tausend Bedürftige der Tafel und mehrere Zehntausende, die unter die Risikogruppe Senioren fallen. Für uns noch nicht kalkulierbar ist die Zahl der Obdachlosen.

Wie soll es aus Ihrer Sicht weitergehen? Was halten Sie von der Debatte über einen möglichen Exit?

Filter: Aus meiner Sicht benötigen wir alle noch einiges an Geduld und Ausdauer. Da ich im Gesundheitssystem beruflich als Betriebswirtin zuhause bin und auch ein Wissen über medizinische Kapazitäten und Ausbreitung von Krankheiten habe, halte ich einen frühzeitigen Exit für sehr gefährlich. Für mich gibt es auf die Frage „Rettung der Wirtschaft oder Rettung von Menschenleben?“ nur eine Antwort: Die Wirtschaft lässt sich wieder aufbauen, ein toter Mensch niemals ins Leben zurückbringen. Deshalb rückt unser Hochstift zusammen, denn ein Menschenleben hat keinen Preis. Wir schaffen den Kampf gegen Corona gemeinsam und auch die Zeit danach gemeinsam und nur gemeinsam. Mit diesem klaren Ziel vor Augen machen wir weiter.

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