Corona: Paderborner Lkw-Fahrer beklagt Verhalten belieferter Betriebe
„Ein bisschen mulmig“

Paderborn (WB/dpa). Die „Helden des Alltags“ sind sauer. Wenn Lastwagenfahrer Ronny Knoblauch von der Paderborner Spedition Universaltransport in diesen Tagen mit seinem 40-Tonner zu einer Abladestelle kommt, sucht er oft vergeblich eine saubere Toilette.

Montag, 06.04.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 06.04.2020, 05:01 Uhr
Ronny Knoblauch von der Paderborner Spedition Universaltransport sitzt im Führerhaus seines Lkw. Der Berufskraftfahrer beklagt, dass aufgrund der Corona-Pandemie er und seine Kollegen zuweilen wie Aussätzige behandelt würden. Foto: dpa

„Manchmal steht nur ein dreckiges Mobilklo da“, schimpft der 44-Jährige. „Wir dürfen nicht mehr auf die Firmentoiletten.“ Der Grund: Die Furcht der belieferten Unternehmen, die Brummi-Fahrer könnten das neuartige Coronavirus einschleppen.

Selbst Händewaschen sei oft nicht richtig möglich. „Mal ist Seife da, mal nicht“, berichtet Knoblauch. Ganz zu schweigen von einer Dusche auf dem Firmengelände. Bislang konnte er sich nach anstrengenden Nachtfahrten selbstverständlich in den Waschräumen der belieferten Unternehmen duschen – auch die seien jetzt gesperrt.

Appell zugunsten der Fahrer

Knoblauchs Chef Holger Dechant ist deshalb der Kragen geplatzt. Zusammen mit anderen Spediteuren aus Ostwestfalen-Lippe hat er einen Appell zugunsten der Fahrer gestartet. „Die Erfahrung der vergangenen Wochen hat gezeigt, dass unseren Fahrern nicht nur mangelnde Wertschätzung der Gesellschaft entgegen gebracht wird. Sie werden von einigen Kunden bei Eintreffen am Auslieferungsort geradezu ausgegrenzt“, klagen die Transportunternehmer. Selbstverständlich müsse alles getan werden, um eine weitere Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern, betonen die Spediteure. „Aber auch unsere Berufskraftfahrer benötigen Zugang zu sanitären Einrichtungen.“

Knoblauchs Erfahrungen seien kein Einzelfall, heißt es beim Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL). „Manche Firmen behandeln die Fahrer wie Aussätzige“, sagt dessen Chef Dirk Engelhardt. „Ich verstehe jeden Fahrer, der im Moment sauer ist.“ Die Unternehmen müssten auf ihren Firmenhöfen entweder Waschräume nur für die Fernfahrer öffnen oder vernünftige Sanitärcontainer mit Duschen aufstellen, fordert Engelhardt. „Einfache Mobiltoiletten sind keine Alternative.“

Tank & Rast hat bereits reagiert

An den Autobahnen hat sich die Lage nach GDL-Angaben für die Lastwagenfahrer inzwischen entspannt. „Das hat sich verbessert“, sagt Engelhardt. Nach Inkrafttreten der Corona-Sperren hätten Lastwagenfahrer vor allem abends vor verschlossenen Sanitäranlagen an den Raststätten gestanden. Viele Fahrer machten sich über die sozialen Medien Luft. Auch die Verkehrsminister haben sich zu Wort gemeldet (siehe unten). Fernfahrer müssten auch in Corona-Zeiten auf den Rastanlagen der Autobahnen essen, duschen und auf Toilette gehen können, forderten sie.

Das Raststätten-Unternehmen Tank & Rast hatte zuvor bereits reagiert. An allen Rastanlagen mit Tankstellen stünden sanitäre Einrichtungen, inklusive Duschen, kostenfrei zur Verfügung, teilte ein Sprecher mit. Die Anlagen würden regelmäßig kontrolliert und zusätzlich gereinigt. Das Angebot an warmen Mitnahmegerichten sei ausgeweitet worden – zu einheitlich festgelegten Preisen für Currywurst, Frikadellen, Leberkäse.

Ronny Knobloch fährt unterdessen weiter. „Ein bisschen mulmig ist mir schon“, räumt er ein. Zum Schutz vor dem Virus hat er Handschuhe und ein Desinfektionsspray dabei. Ob die hygienischen Bedingungen besser werden? „Ich hoffe“, sagt der Lastwagenfahrer. Verbandschef Engelhardt fürchtet, dass nicht alle so geduldig sind. Es müsse eine Lösung her. „Wenn nicht, dann weiß ich nicht, ob die Fahrer noch fahren.“

Hotline für Fernfahrer

Das Verkehrsministerium Nordrhein-Westfalen hat sich mit dem Bonner Raststättenbetreiber Autobahn Tank & Rast auf den Service für Lkw-Fahrer geeinigt. Außerdem sind die sanitären Anlagen von Sanifair geöffnet und frei zugänglich. Das gilt auch für die Fernfahrer-Duschen. „Damit für Bevölkerung und Wirtschaft alle wichtigen Güter zur Verfügung stehen, sind effiziente Lieferketten erforderlich und Lkw-Fahrer unverzichtbar“, so NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst (CDU). „Unsere Kraftfahrer leisten gerade in diesen Tagen großartige Arbeit. Ihnen gilt mein Dank. Es muss selbstverständlich sein, dass wir sie auch jetzt ordentlich versorgen. Mein Dank geht auch an Tank & Rast für das hervorragende Engagement in dieser schwierigen Zeit.“

Tank & Rast hat weitere Sofortmaßnahmen für die Sauberkeit der Toiletten und Duschen ergriffen. Zum einen wird mit eigenen Mitarbeiterteams verstärkt die ordnungsgemäße Sauberkeit der sanitären Einrichtungen geprüft. Sollte es zu Problemen kommen, steht den Fernfahrern eine kostenfreie Hotline zur Verfügung: 0800-9555777.

 

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