Kreishandwerkerschaft Paderborn und Lippe fordert weitere Unterstützung vom Staat
„Mehr Geld für Kurzarbeiter“

Paderborn (WB). Friseurbetriebe bangen um ihre Existenz, Bäckereien und Fleischer verzeichnen Einnahmerückgänge von bis 50 Prozent. Kurzarbeit im Handwerk? Das war bislang unüblich. Daher gibt es jetzt einen enormen Beratungsbedarf, wie Hauptgeschäftsführer Peter Gödde und Geschäftsführer Carl-Christian Goll von der Kreishandwerkerschaft Paderborn und Lippe im Interview mit Redakteur Ingo Schmitz erläutern.

Donnerstag, 02.04.2020, 04:00 Uhr aktualisiert: 02.04.2020, 06:48 Uhr
Die Fleischereien haben mit Einnahmeverlusten von bis zu 50 Prozent zu kämpfen, weil Restaurants keine Ware abnehmen und geplante Caterings abgesagt werden, sagt die Kreishandwerkerschaft in Paderborn. Auch in den Ladenlokalen, wie hier Fleischerei Müller im Schildern, ist weniger zu tun. Wegen der geschlossenen Geschäfte sind kaum Menschen in der Stadt. Foto: Ingo Schmitz

Das Handwerk ist in Not. Welche Bereiche sind besonders hart betroffen?

Peter Gödde: Neben den Friseuren, Fleischern und Bäckern trifft es besonders auch die Zulieferbetriebe im Metallbereich, die für die Automobilindustrie tätig sind.

Wie geht das Handwerk mit der Situation um?

Carl-Christian Goll: Die Kreishandwerkerschaft hat seit dem 16. März die Beratungs- und Unterstützungsleistungen massiv ausgebaut. Wir haben eine Hotline eingerichtet, bei der täglich 100 Anrufe eingehen.

Es gibt in den sozialen Medien Beiträge, in denen Chefs unter Tränen ihre Situation schildern. Erleben Sie so etwas auch?

Goll: Ganz so dramatisch ist es nicht. Wir haben aber auch eine große Bandbreite mit 14 Gewerken vom Bäcker bis zum Zimmermann. Im Bereich Nahrungsmittel ist es heftig. Bäckereien leiden massiv unter den Schließungen ihrer Cafés. Und Fleischereien, weil Restaurants kein Fleisch abnehmen und das Catering komplett weggebrochen ist.

Wissen Sie, wie viele Betriebe im Handwerk Kurzarbeit angemeldet haben?

Goll: Da gibt es im Moment keine belastbaren Zahlen. Wir beraten sehr viele Betriebe, die Kurzarbeit angemeldet haben. Ob es dazu kommt, das muss man nun abwarten. Das ist ja eine Vorsichtsmaßnahme.

Was sind denn die zentralen Fragen in der Beratung?

Goll: Das ist ganz klar die Kurzarbeit, weil ganz viele noch nie damit zu tun hatten. Wann und wie kann ich das beantragen? Wie funktioniert das? Das Bau- und Baunebengewerbe hat da ja eine ganz andere Situation, weil diese schon häufiger Schlechtwetter­perioden überbrücken mussten. Der zweite große Fragenblock befasst sich mit den Soforthilfen. Der dritte Bereich beschäftigt sich mit der Frage, wie die Betriebe die Hygiene- und Verhaltensmaß­regeln umsetzen können – gerade wenn es um das Abstandhalten auf Baustellen geht.

Herr Gödde, wie sieht es denn im Sanitär- und Heizungsbereich aus?

Gödde: Hier gibt es Probleme mit den Materiallieferungen, wenn diese aus dem Ausland, zum Beispiel aus Asien, kommen.

Gibt es ein konkretes Beispiel?

Gödde: Wir wissen von einem Betrieb aus dem Bereich Sanitär, Heizung, Klima, bei dem ein großes Bauvorhaben wegen der schleppenden Materiallieferung ins Stocken kommen könnte. In solchen Fällen müssen die Bauherren informiert werden, dass es zu einer Verzögerung kommen kann. Es kann dann aber passieren, dass der Bauherr trotzdem auf die vertraglich vereinbarten Bedingungen pocht.

Von welchen Erfahrungen berichten zum Beispiel Maler oder Raumausstatter?

Gödde: Manch einer wird aus Sorge vor einer Ansteckung nicht in den Privathaushalt gelassen. Dann muss die Wohnzimmer-Renovierung eben warten. Das ist alles nicht dramatisch im Vergleich zur Situation der Friseure und des Nahrungsmittelhandwerks.

Kommt das Soforthilfeprogramm bei den Handwerkern an?

Gödde: Es wird intensiv in Anspruch genommen. Hier handelt es sich nach unserer Auffassung um eine sehr schnell wirkende und tatsächlich auch bürokratisch mit geringem Aufwand zu erreichende Soforthilfe. Problematisch ist allerdings die sehr willkürliche Grenze von bis zu 50 Arbeitnehmern innerhalb der Soforthilfe. Viele Handwerksbetriebe mit mehr Mitarbeitern bekommen hier keine Soforthilfe, anders als etwa in Bayern oder Hamburg, wo die Länder diese Grenze zwischenzeitlich auf bis zu 250 Mitarbeiter erweitert haben. Wir haben im Handwerk und im Mittelstand einige Betriebe, die deutlich mehr als 50 Mitarbeiter beschäftigen. Aus meiner Hinsicht muss da nachgebessert werden.

Goll: Man muss an dieser Stelle aber auch Danke sagen, weil einige dieser Soforthilfen bereits angekommen sind. Da sind Sonderschichten gefahren worden. Das hat sehr gut funktioniert.

Sie fordern die Bundesregierung auf, das Kurzarbeitergeld für die Beschäftigten auf 80 Prozent aufzustocken. Was ist der Grund?

Gödde: Das Instrument Kurzarbeit ist gut, wenn es darum geht, Arbeitsplätze zu erhalten. Wenn ich aber Arbeitnehmer habe, die zwar mehr als den Mindestlohn verdienen und in der Kurzarbeit 60 Prozent ihres Nettolohnes – bei einem Kind 67 Prozent – bekommen, dann ist das sicherlich sehr, sehr knapp gerechnet. Im Handwerk gibt es kaum Betriebe, die das Kurzarbeitergeld aufstocken. Auch finanziell ist das derzeit gar nicht leistbar. An dieser Stelle muss der Staat mehr Kurzarbeitergeld zahlen. Das ist zwar teuer, aber in dieser Krise auch gerechtfertigt. Tut man das nicht, dann verstärkt man den Effekt, dass die Menschen noch weniger konsumieren. Das hat zur Folge, dass die Wirtschaft noch schlechter in Gang kommt. Das sind Negativeffekte, die in unserer Runde mit Vertretern aus Politik, Unternehmen und Gewerkschaften alle gesehen werden.

Was halten Sie von der Möglichkeit, die Miete auszu­setzen, ohne dass der Mieter kündigen kann?

Gödde: Im privaten Bereich sehe ich es so, dass es wichtiger wäre, den Menschen genug Geld zu geben – also die Aufstockung des Kurzarbeitergeldes. Im gewerblichen Bereich halte ich die Mietaussetzung für einen Flopp. Wir empfehlen das auch unseren Handwerkern nicht. Wenn ich mit dem Vermieter oder Verpächter über Kreuz liege, dann verdirbt man das Mietverhältnis auf lange Sicht. Darauf sollte man verzichten. Das ist sicher ein politischer Schnellschuss, der daneben geht.

Was empfehlen Sie also den Betrieben?

Gödde: Die Möglichkeit der Stundung der Sozialabgaben ist ausdrücklich ein wirksames Mittel, um die Liquidität der Handwerksbetriebe zu stützen. Dieses Instrument verschafft den Firmen über die einfach zu beantragende und zinsfreie Stundung einen Aufschub der Zahlungsverpflichtung. Die Inanspruchnahme von zusätzlichen und neuen Darlehen zählt sicherlich im Handwerk zu den letzten zu ergreifenden Mitteln. Einerseits wurde zwar die Bürgschaftshöhe seitens der KfW auf 90 Prozent erhöht, andererseits bedeuten eben zusätzliche Darlehen auch zusätzliche Zins- und Tilgungslasten und damit eine zusätzliche Hypothek auf die unsichere Zukunft.

Wie soll es mit der Ausbildung und den Gesellen­prüfungen weitergehen?

Goll: Die überbetriebliche Ausbildung kann derzeit nicht stattfinden. Geplant ist, soweit möglich, die Inhalte nachzuholen, um Nachteile bei den Gesellenprüfungen zu vermeiden. Wir treffen jetzt die Vorbereitungen für die Prüfungsausschüsse, damit wir alles geregelt haben, wenn es wieder losgeht. Wir stehen Gewehr bei Fuß zur Abnahme der Gesellenprüfungen – egal ob sie Mitte/Ende Mai oder Anfang Juni oder vier Wochen später stattfinden.

Herr Gödde, wie stehen Sie zur Debatte über eine Exit­strategie?

Gödde: Ich halte sie, wie sie teilweise geführt wird, für schräg. Man kann einerseits nicht fordern, dass die Einschränkungen zu hundert Prozent aufgehoben werden sollen. Wir können aber auch nicht sagen: Die Gesundheit geht über alles und wir machen den Laden bis Weihnachten zu. Man muss sicherlich schrittweise vorgehen. Es muss erlaubt sein, laut darüber nachzudenken, wann wir den Schalter rückwärts drehen wollen. Ich halte das für absolut geboten. Wir können nicht monatelang alles stilllegen. Die Menschen, die Handwerker, brauchen eine Perspektive.

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