Auftakt zum Internationalen Frauentag mit Podiumsdiskussion
Digitalisierung: Chancen und Risiken für Frauen

Paderborn (WB). Das Bekenntnis von SPD-Ratsfrau Dr. Beate Röttger-Liepmann zum Auftakt der Paderborner Frauenaktionswoche wirkte ernüchternd. Seit 30 Jahren führe sie die Diskussion um die Gleichberechtigung von Mann und Frau, erklärte sie im Historischen Rathaus vor rund 150 geladenen Frauen aus Verwaltung, Politik und Gesellschaft. Der einzige Grund, warum sie nicht nachlasse, sei ihr Wunsch, es den jungen Frauen einfacher zu machen.

Sonntag, 08.03.2020, 23:36 Uhr aktualisiert: 08.03.2020, 23:50 Uhr
Francesca Schmidt, Dr. Anne Weber, Julia Ures, Christiane Boschin-Heinz und Dr. Jutta Schmitz-Kießler (von links) diskutierten im Historischen Rathaus engagiert über die Chancen der Digitalisierung für Frauen im Berufsleben. Foto: Ingo Schmitz

Seit 1921 wird der internationale Frauentag jährlich am 8. März gefeiert. In diesem Jahr steht er in Paderborn ganz im Zeichen der Digitalisierung. Welche Chancen bietet sie den Frauen? Und wie werden Frauen durch Künstliche Intelligenz sowie im Internet diskriminiert? Diesen Fragen spürten vier Expertinnen nach, die von Dagmar Drüke, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Paderborn, und ihrem Team eingeladen worden waren.

Flexibilität und Arbeitszeitmodelle

„Wir wollen Digitalisierung nicht der Digitalisierung wegen, sondern zum Nutzen der Bürger“, machte Bürgermeister Michael Dreier in seinem Eingangsstatement deutlich. Dazu gehörten eben auch Home Office-Arbeitsplätze. Dazu hat Dr. Jutta Schmitz-Kießler vom Institut Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen eine ganz andere Meinung. Denn in der Vergangenheit sei es stets darum gegangen, über die quantitative Erleichterung durch die Digitalisierung zu sprechen, anstatt die qualitative Verbesserung in den Blick zu nehmen. Home Office und Co. führten zwar zu mehr Flexibilität und Arbeitszeitmodellen, aber auch zu mehr Belastung und Überstunden, weil sich die Arbeitszeiten verlagerten. Daher setzte sie sich mit ihrem Statement für klare Regeln ein, wie digitale Arbeit aussehen sollte.

Die Effizienz von Home Office-Arbeitsplätzen – verbunden mit Zeit- und Kostenersparnis – sei unbestritten. Aber: Was nütze das Recht auf Home Office, wenn diese Beschäftigten bei Beförderungen übergangen würden? Weil sie eben nicht diejenigen seien, die in den Firmen morgens das Licht an- und abends wieder ausschalteten. Diese Präsenzkultur müsse aufgebrochen, die bislang üblichen Karrierepraktiken müssten überwunden werden.

Dr. Jutta Schmitz-Kießler wies zudem auf ein gesamtgesellschaftliches Problem hin: Die Zahl der so genannten prekären Erwerbsformen steige weiter an.

Rückgang von Tarifbindung, Zunahme von Teilzeit, Befristung und Leiharbeit bin zur Verlagerung der Beschäftigungsrisiken von Arbeitgebern auf Arbeitnehmer hätten die Folge, dass die Risiken der Altersvorsorge stiegen.

Automatische Gesichtserkennung diskriminiert Frauen

Francesca Schmidt, Referentin für Feminismus und Geschlechterdemokratie, führte mit mehreren Beispielen vor Augen, wie Frauen durch Künstliche Intelligenz diskriminiert würden. Der Online-Riese Amazon habe zum Beispiel bei Bewerbungsverfahren dafür gesorgt, dass Frauen per se schlechter bewertet wurden, als ihre männlichen Mitbewerber. In einem anderen Beispiel – diesmal war es Google – wurden bei einer automatischen Gesichtserkennung Frauen schlechter erkannt als Männer. Das Problem verschärfte sich zunehmend, je dunkler die Hautfarbe wurde, sagte Schmidt. In einem Fall seien Schwarze von der Bilderkennung sogar als Gorillas bezeichnet worden. Diskriminierung, so Schmitz-Kießler, geschehe in den meisten Fällen indirekt. Beispiele dafür seien im Internet ebenso zu finden, wie in den Lohndebatten.

Dagmar Drüke führte zur Ehrenrettung für den Home Office-Arbeitsplatz an, dass dieser zunehmend auch von Männern eingefordert werde, die sich ins Familienleben stärker einbringen wollten. „Das ist ein positives Beispiel, wo Frauen voran gegangen sind“, stellte Drüke fest.

Für Dr. Beate Röttger-Liepmann ist dies längst überfällig. Auf die Frage, was Frauen für die Gleichberechtigung denn tun könnten, richtete sie einen Appell an die Mütter: „Erzieht Eure Söhne dahin, dass für sie die Familienarbeit einfach mit dazu gehört.“

Zitate aus der Diskussions Runde

„Digitalisierung löst nicht alle Probleme, macht aber manche deutlicher.“

      Christiane Boschin-Heinz

 

„Diskriminierung können nur wir selber bekämpfen.“

                              Francesca Schmidt

 

„Viele Gerichte sind zu lasch, wenn es um strafrechtliche Inhalte im Internet geht.“

                                           Dr. Anne Weber

 

„Um gegen frauendiskriminierende Algorithmen vorzugehen, bräuchte es mindestens 50 Prozent Programmiererinnen. Die sehe ich aber in den Hörsälen nicht.“

                                                           Petra Tebbe

 

„50 Prozent Frauen in einer Fraktion sind noch kein Erfolgsgarant dafür, dass es in einer Partei keine Diskriminierung gibt.“

 

„Weibliches Einfühlungsvermögen und soziale Kompetenz werden beim Lohn nicht bewertet.“

                                                                          Dr. Jutta Schmitz-Kießler

 

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