Forschungsprojekt wird mit 300.000 Euro gefördert – Zeitzeugen gesucht
Wie haben die Briten Paderborn beeinflusst?

Paderborn (WB). Die britischen Streitkräfte in Deutschland sind nicht erst seit dem Brexit ein viel beachtetes Thema. Spätestens mit Beginn des Abzugs aus Deutschland ist auch ihre Bedeutung für die lokale Bevölkerung und umgekehrt deren Einfluss auf die Briten zunehmend in den ­Fokus gerückt. Ein Projekt der Universität Paderborn, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit 300.000 Euro gefördert wird, soll dazu jetzt neue Erkenntnisse liefern.

Freitag, 06.03.2020, 10:25 Uhr aktualisiert: 06.03.2020, 10:30 Uhr
Britische Soldaten marschieren durch Paderborn. Dieses Foto entstand bei einer Parade 2016. Die letzte Parade der Briten fand 2018 in Paderborn statt. Foto: Jörn Hannemann

Das DFG-Projekt, das auf drei Jahre angelegt ist, folgt auf die Ausstellung „Briten in Westfalen“ der Stadt Paderborn, des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe sowie weiterer Institutionen sowie auf die Ausstellung „Briten in Nordrhein-Westfalen“ des Landtags NRW in Düsseldorf, erklärt Dr. Bettina Blum vom Historischen Institut der Universität Paderborn, die die Ausstellungen konzipiert hat und das neue Forschungsvorhaben leitet. „Dadurch haben wir schon viel Vorarbeit geleistet, die dabei hilft, die wechselseitigen Beziehungen genauestens zu erforschen“, sagt Bettina Blum.

Viel privates Material wird genutzt

Konkret gehe es bei dem Projekt um soziale und kulturelle Auswirkungen, die die Stationierung ­britischer Truppen in Deutschland über drei Generationen hinweg sowohl auf die etwa zwei Millionen Angehörigen der britischen Streitkräfte als auch auf die lokale Bevölkerung in Nordwestdeutschland hatte.

Inhaltlich will die Historikerin vor allem der Frage nachgehen, in welchem Verhältnis die britischen Militärgemeinden zur lokalen Bevölkerung in den Garnisons­städten wie Paderborn und Gütersloh standen. „In erster Linie geht es dabei um Vorstellungen und Bilder von den jeweils ‚Anderen‘, welche Probleme es gab, aber auch welche Möglichkeiten der Begegnung wie und von wem genutzt wurden“, erläutert die Wissenschaftlerin.

Auch die Familienangehörigen und Zivilangestellten der britischen Streitkräfte sollen eine wichtige Rolle spielen: Sie hätten laut Bettina Blum die Orte, an denen die Soldaten stationiert ­waren, entscheidend mitgeprägt und viele Kontakte geknüpft.

Außer Quellen aus deutschen und britischen Archiven arbeitet Bettina Blum zu einem großen Teil mit privatem Material: Interviews mit Zeitzeugen, private Fotos und Dokumente sollen Auskunft über das deutsch-britische Verhältnis geben. Bettina Blum: „Diese privaten Perspektiven sind besonders wichtig, denn sie verdeutlichen, wie die Lebenswirklichkeit von Deutschen und Briten aussah, wie politische oder militärische Maßnahmen empfunden und wie ­Begegnungen konkret gestaltet wurden.“

400 Menschen haben sich schon beteiligt

Bisher haben sich etwa 400 Menschen am Projekt beteiligt – Deutsche und Briten unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Berufe. Manche haben die Besatzungszeit erlebt, andere die Stationierung von Truppen. Die Erfahrungen von Soldaten, Schulkindern, Ehefrauen, Lehrern, deutsch-britischen Paaren oder Freundeskreisen, Zivilisten, Demonstranten, aber auch von Kneipenbetreibern, Bürgermeistern, Verbindungsoffizieren und vielen anderen seien gefragt und sollen zentrale Perspektiven in das Projekt einbringen.

Personen, die im Zuge der weiteren Recherchen von ihren Erfahrungen berichten oder anderes Material wie zum Beispiel Fotos teilen möchten, können eine E-Mail an Bettina Blum unter ­bettina.blum@uni-paderborn.de schicken.

Bei dem Projekt soll die gesamte britische Zone, das heißt, alle Orte in Deutschland, an denen die Briten stationiert waren, im Zeitraum von 1945 bis zum Truppenabzug untersucht werden. Sowohl deutsche als auch britische Perspektiven seien dabei von Interesse. Erste Ergebnisse werden für Anfang 2021 erwartet.

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