Paderborner lassen ihre „Kunstschätze“ im Stadtmuseum begutachten
Alt ja, aber nur selten wertvoll

Paderborn (WB). Das passte! Ins Stadtmuseum brachte Oliver Hager ein Buch zur Paderborner Stadtgeschichte aus dem Jahr 1741 mit. Wieviel ist es wohl wert? Nach der Kunstsprechstunde am Sonntag wusste er Bescheid.

Montag, 02.03.2020, 11:22 Uhr aktualisiert: 02.03.2020, 11:30 Uhr
Gerhard und Markus Wieczorek legten Oliver Gradel (von links) eine ungewöhnliche Kreuzigungsdarstellung vor. Foto: Oliver Schwabe

„Alte religiöse Literatur, die auch noch auf Latein ist und bei der es sich um eine reine

Oliver Hager ließ unter anderem einen Zinnkessel begutachten.

Oliver Hager ließ unter anderem einen Zinnkessel begutachten. Foto: Schwabe

Textausgabe ohne Holzschnitte handelt, hat es auf dem Antiquariatsmarkt schwer“, erläuterte der Kunsthistoriker Oliver Gradel. Obwohl fast 300 Jahre alt, kostet das Buch im Antiquariat deshalb nur etwa 380 Euro.

„Mein Opa hat alles, was schön und alt war, gesammelt“, sagte Oliver Hager. Der 53-jährige Informatiker aus Paderborn stellte Gradel noch eine Lohengrin-Bronzefigur von Rufino Besserdich aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und einen Zinnkessel vor. Die „gut gemachte“ Figur bringe bei Auktionen zwischen 200 und 300 Euro, und im Gegensatz zum Dekozinn sei Hausrat aus echtem, gebrauchtem Zinn durchaus noch etwas wert, klärte Gradel auf.

Mehr als 30 Anmeldungen gingen ein

Mehr als 30 Personen hatten sich zur Begutachtung ihrer echten oder nur vermeintlich echten Kunst im Stadtmuseum angemeldet. Oliver Gradel und Silke Köhn betreiben das Unternehmen Kunstdienstleistungen in Beverungen und arbeiten seit Jahren mit den Ausstellungsmachern in Paderborn zusammen, zuletzt zum Beispiel bei „Jäger und Beute“ im Residenzmuseum in Schloß Neuhaus.

In den Kunstsprechstunden bieten sie Bürgern die Verkaufsbegleitung bei interessanten Exponaten an. Sie beschreiben den Wert und vermitteln die Objekte an Auktionshäuser. Aber wie oft ist überhaupt ein wertvolles Stück dabei? „Zehn von 100 Objekten sind für Sammler interessant“, antwortete Oliver Gradel.

Berglandschaften sind oft Kitsch

Kitsch in der Malerei erkennt der 55-Jährige sofort. „Kitsch sind Sachen, die neben der künstlerischen Entwicklung liegen und Sehnsuchtsgefühle bei nicht kunstaffinen Betrachtern auslösen sollen“, definiert er. In den 1960er Jahren seien viele Landschaftsbilder aufgetaucht, während in der offiziellen Kunst das Abstrakte angesagt gewesen sei. „Berglandschaften, Pfeifenraucher und Blumenvasenbilder“ stellten sich meist als wertloser Kitsch heraus.

Manchmal geraten aber auch die Experten ins Staunen. „Vor einigen Jahren kam hier in Paderborn ein Ölgemälde aus der Renaissance zum Vorschein, ich war erstmal sprachlos, als das Bild ausgepackt wurde“, erinnerte sich die Kunsthistorikerin Silke Köhn. Das Ölgemälde hatte einen sechsstelligen Wert, blieb aber in Familienbesitz.

 

„Bares für Rares“ hat die Neugier geweckt

Sendungen wie „Bares für Rares“ mit Horst Lichter haben das Interesse an der Begutachtung älterer Gegenstände spürbar befeuert. Gerhard Wieczorek (67) wollte am Sonntag wissen, was es mit dem Maler Hans Geilen und dessen expressionistisch anmutender Darstellung der Kreuzigung Jesu auf sich hat. Oliver Gradel konnte helfen: „Das Bild ist von 1942 und die Art der Malerei passt überhaupt nicht in die Zeit des Dritten Reiches, in dem so eine Kunst als entartet galt.“ Hans Geilen sei ein Heimatmaler in Niedersfeld gewesen – „ein Begriff in dem Ort, aber nicht im Kunsthandel.“

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