Ingo Fiedler arbeitet in der letzten noch vollständig produktiven Mühle an der Pader
Der Stadt-Müller

Paderborn  (WB). Mehr Paderborn geht nicht. Der Arbeitsplatz von Ingo Fiedler verbindet im Herzen der Paderstadt all das, was Paderborn ausmacht. Bodenständigkeit und klare Linie, Tradition und Technik, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit. Fiedler ist der letzte Müllermeister mitten in der Stadt, sein Arbeitsplatz ist die Mühle von Reineke Brot direkt an der Pader.

Dienstag, 04.02.2020, 22:00 Uhr
Ingo Fiedler ist der letzte Müllermeister mitten in Paderborn. Sein Arbeitsplatz ist die Mühle von Reineke Brot. Der gebürtige Bremer wollte eigentlich Lehrer werden. Foto: Matthias Groppe

Wenn der ganz junge Fluss dort auch nur noch einen kleinen Teil der Energie liefert, damit dort Korn zu Mehl gemahlen wird, so ist es doch indirekt das letzte Stück Handwerkskunst am Wasser, das traditionell funktioniert. 1803 – da bekam die Mühle, die früher in bischöflichem Besitz war – das Wasserrecht. Seit 1957 befindet sie sich im Besitz der Familie Reineke.

Kennt den Müllerberuf von der Pike auf

Eigentlich ist an Ingo Fiedler ein Lehrer verloren gegangen. Der gebürtige Bremer ist nicht nur ein Meister seines Fachs und kennt den Müllerberuf von der Pike auf. Er erzählt auch gerne darüber. Eine große Schautafel in seinem Büro im Erdgeschoss der mehrstöckigen Mühle zeigt die einzelnen Schritte die notwendig sind, damit aus Korn Mehl wird. Mit einer Einführung vor dem Ablaufplan räumt Fiedler bei seinen Besuchern mit allerlei Volksglauben auf. Einfach Korn zwischen zwei sich drehende Mühlsteine schütten, und heraus kommt das Mehl? Wenn das so einfach wäre, dann könnte es ja jeder. Dass das Handwerk des Mahlens ein kompliziertes ist, das viel Erfahrung und Geschick benötigt, das erklärt der hochgewachsene drahtige Müllermeister beim Heraufsteigen in der Mühle. Denn wenn bis zu dreimal am Tag der Muldenkipper vorfährt und jeweils rund 20 Tonnen Getreide in die Bodenöffnung vor der Mühle schüttet, dann braucht es viele Arbeitsgänge und eine Menge Gespür, damit das Endprodukt hinterher Grundlage des besten Brotes werden kann, das ein Westfale essen kann.

Deutschlandweit wird das Getreide eingekauft, das in Reinekes Mühle vermahlen wird. Zunächst wird es im rechten Teil der Mühle hoch transportiert, gerüttelt und durchgeblasen und von allem Schmutz, Steinchen und Pflanzenresten befreit. Dann kommt es in eines der großen Silos. Die haben rund 550 Tonnen Lagerkapazität, das ist etwa der Vorrat für zwei Wochen.

Fiedlers Augen leuchten

Gründlich gereinigt kommt das Korn dann zum Vermahlen. Aus verschiedenen Lieferungen zur richtigen Qualität zusammengemischt, geht es dann im Mittelteil des Gebäudes auf die Reise durch unzählige Arbeitsgänge. Dann beginnen Fiedlers Augen auch zu leuchten. Ein bisschen gerät er auch ins Dozieren, wenn er berichtet, dass da rein gar nichts dem Zufall überlassen wird. Denn das Getreide hat sieben Schalen, die fest mit dem Mehlkern verbunden sind. Um die zu entfernen, muss das ganze Korn zerkleinert werden. Dafür läuft das Getreide auch in der Paderborner Mühle erst durch Walzenstühle. In ihnen laufen zwei Stahlwalzen in unterschiedlicher Geschwindigkeit gegeneinander und zerkleinern so die Körner.

In großen Siebmaschinen, den sogenannten Plansichtern werden das bereits fertige Mehl und die Schalen, an denen weiterhin Mehl haftet, auseinander sortiert. Diese Teile werden in anderen Walzenstühlen weiter zerkleinert und wiederum wird das Mehl ausgesiebt, die verbliebenen Schalen kommen in die nächsten Walzenstühle. Dieser Vorgang wird sooft wiederholt, bis alles Mehl rausgesiebt ist. Das kann, so berichtet Fiedler, bis zu 16 Mal hintereinander notwendig sein.

85 Prozent frisches Mehl aus der Mühle

Wenn er gut aufpasst und das Geschehen in den Sichtern gut unter Kontrolle hat, dann kommen zum Schluss 85 Prozent frisches Mehl aus der Mühle. Das hat seine ganz eigene Qualität, auf die Fiedler besonders stolz ist. Denn die hohe Kunst des Müllermeisters lässt sich an seinem Endprodukt ablesen. Um dort mit den besten zu arbeiten hat Mühlenbesitzer Werner Reineke Fiedler extra aus der Mühlenstadt Bremen abgeworben. Seit elf Jahren hat der 53-Jährige nun das Sagen an der Pader. Drei Gesellen arbeiten mit ihm in dem dreiteiligen Gebäudekomplex, das durchflossen wird von der Dielenpader. In ihr hängen auch die beiden Generatoren, die immerhin sechs Kilowatt Strom am Tag produzieren. Um die bis zu 60 Tonnen Korn am Tag zu mahlen, ist mehr als das Zehnfache an Strom notwendig.

Das Mehl geht nach der Lagerung im linken Gebäudeteil übrigens auf direktem Weg im firmeneigenen Silowagen mit dem berühmten roten Reineke-Fuchs an der Seite nach Salzkotten. Dort landet es in der Backstube, heraus kommt Toastbrot oder das berühmte Paderborner Brot. Was beim Mahlen übrig bleibt, die 15 bis 20 Prozent Schalen und letzten Mehlreste, werden als Weizenkleie in die Futtermittelindustrie gegeben.

Im Sommer liebt Fiedler seinen Arbeitsplatz besonders

Im Sommer liebt Ingo Fiedler seinen Arbeitsplatz besonders. Direkt an der Pader gelegen, steigt kühle Luft vom Wasser auf, welche sogar seine kleine Wohnung, die ganz oben unterm Dach der Mühle liegt, erreicht. Bei aller Liebe für Reinekes Mühle und seinen Arbeitsplatz, am Wochenende zieht es Fiedler raus aus der Stadt. Dann fährt er heim nach Bremen zur Familie, um pünktlich am Montag Morgen wieder da zu sein – an dem Arbeitsplatz, an dem mit der Kraft auch der Pader Mehl für echtes Paderborner Brot gemahlen wird. Darauf ist Fiedler stolz, er arbeitet in der letzten noch vollständig produktiven Mühle an der Pader. Mit einem Blick zum Dom und über das Quellgebiet, der einmalig ist. Dort lässt es sich aushalten.

Neues Paderborn-Buch

Dieser Text ist die exklusive Langfassung einer Bildbeschreibung in dem neuen Bildband „Paderborn – Bilder einer Stadt“, der jetzt im Tertulla Verlag erschienen ist. Der Paderborner Fotograf Matthias Groppe hat darin die besonderen Orte dieser Stadt aufgenommen und mit sehr pointiertem Blick überraschende und neugierig machende Ansichten gefunden. Dazu hat er immer auch Menschen portraitiert, die für ihn diese Stadt besonders machen. Der Journalist Christian Schlichter hat dazu recherchiert und die Texte geschrieben. In der ersten Folge unserer Serie wurde am 19. Dezember die „Schuh Bar“ in der Widukindstraße vorgestellt. „Paderborn – Bilder einer Stadt“, Tertulla Verlag, 160 Seiten, DIN A 4 Querformat, gebunden, 29,90 Euro.

 

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