Gertrud Höhler hat ein weiteres Buch über die Bundeskanzlerin veröffentlicht „Bei Merkel gibt es Jünger und Jäger“

Berlin/Paderborn (WB). Nach „Die Patin“ hat die langjährige Professorin der Gesamthochschule Paderborn und Politikberaterin Gertrud Höhler (79) jetzt ihr zweites Buch über Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) veröffentlicht. Es trägt den Titel „Angela Merkel – Das Requiem“ (Econ-Verlag Berlin, 352 Seiten, 24,99 Euro). Die Autorin geht der Frage nach, warum Deutschland ihr immer wieder Vertrauen geschenkt hat. Andreas Schnadwinkel hat mit Gertrud Höhler gesprochen.

Gertrud Höhler, von 1976 bis 1993 Professorin in Paderborn, sieht Angela Merkels Kanzlerschaft kritisch. Ihre Überzeugung: „Die Ära Merkel ist ein Stresstest für Deutschland, aus dem wir geschwächt in die Zukunft gehen.“
Gertrud Höhler, von 1976 bis 1993 Professorin in Paderborn, sieht Angela Merkels Kanzlerschaft kritisch. Ihre Überzeugung: „Die Ära Merkel ist ein Stresstest für Deutschland, aus dem wir geschwächt in die Zukunft gehen.“ Foto: Sven Darmer

Sie haben jetzt Ihr zweites Buch über die Kanzlerin veröffentlicht. Warum?

Gertrud Höhler : Wir haben seit fast eineinhalb Jahrzehnten Merkel-Regierungen, und in dieser Zeit hat sich Deutschland verändert wie in keiner Phase zuvor, abgesehen von der unmittelbaren Nachkriegszeit. Diese Veränderungen sind durch ein meta-demokratisches Verhalten von Frau Merkel entstanden. Sie hat beim Start ihrer Großprojekte – Energiewirtschaft verstaatlichen, Grenzen öffnen – in schwerstwiegender Weise Gesetze gebrochen. Und das hat viele Betroffene geschädigt. Bei der sogenannten Energiewende sind zum Beispiel Eigentumsrechte verletzt worden. Die über viele Jahre wirkenden Erosionserscheinungen gipfeln vorläufig in der Klimapolitik. Rettung durch Zerstörung, so heißt das neue Credo.

Das klingt aber doch so, als zielten Sie nur auf Merkel, oder?

Höhler : Die politische Führung in Deutschland nimmt sich übergesetzliche Lizenzen. Und ob der Mensch Merkel heißt oder anders, spielt für mich keine Rolle. Ich gehe der Frage nach, ob dieses Handeln dem Wohl der Demokratie dient. Mittlerweile haben wir ja begriffen, dass die Demokratie kein unsinkbarer Tanker ist. Ich sehe das Verhältnis zwischen Staat und Bürger bedroht, weil die Regierung Verluste im Wirtschaftssystem und im Wertesystem verursacht. Und so entsteht Unsicherheit in den Köpfen der Leute. Unser Problem mit der Meinungsfreiheit ist ohne die Regierung Merkel nicht vorstellbar. Und wir haben dieses Problem, weil Tabuzonen errichtet werden, in denen man flüstert oder besser gar nichts sagt. Das passt nicht in eine Demokratie.

In Ihrem Buch nennen Sie Angela Merkel „Die Botin des Kommenden“. Was meinen Sie damit?

Höhler : Merkels „multilaterales“ Konzept stellt den Gegensatz der Menschenbilder nicht zur Diskussion. Wir haben eine autokratische Welttendenz, die den Beweis liefert, dass Diktaturen erfolgreicher ihre Macht erweitern als Demokratien.

Sie erklären die Politik und die Entscheidungen Angela Merkels auch mit der Sozialisation in der DDR. Gehört dazu auch, dass die Kanzlerin drei von vier Legislaturperioden mit Großen Koalitionen regiert hat, die Ausnahmen und nicht Regel sein sollen?

Höhler : Aus der Perspektive des alten Westens wurde Frau Merkel in einem feindlichen System sozialisiert. Dabei hat sie eines gelernt und nie vergessen: Systeme sind vergänglich. Merkel ist mit der Vorstellung in den Westen gekommen, dass alles transitorisch ist. Das ist kein typisch westliches Denken. Der Westen glaubt daran, dass der Kern der Beständigkeit der Demokratie die Freiheiten des Einzelnen sind. Merkel hat ein Bewusstsein der Vorläufigkeit aller Systeme mitgebracht. Damit hängt auch zusammen, dass sie die Parteigrenzen aufgelöst hat. Merkel ist eine relativ indifferente Beobachterin des demokratischen Parteiensystems. Faszinierend finde ich, dass sie für Deutschland eine tendenziell autokratische Zukunft präpariert, die ein Chinese richtig gut finden würde.

Würden Sie so weit gehen zu sagen, dass Merkel aus dem Bundestag ihre Volkskammer gemacht hat?

Höhler : Nein, Sie sieht den Zerfall der demokratischen Werteordnung und unternimmt nichts zu ihrer Rettung. Das Problem sehe ich eher in Brüssel. Die Europäische Union erinnert die osteuropäischen Länder an das, was sie zu Zeiten des Warschauer Pakts erlebt haben. Einige von ihnen misstrauen Brüssel fast wie damals Moskau.

Glauben Sie, dass es nach der Ära Merkel eine Art Phantomschmerz inklusive Verklärung der Amtszeit bei der CDU geben wird?

Höhler : Davon ist auszugehen. Aber es gibt es ja jetzt schon den gemischten Chor, wir haben die Jünger und die Jäger. Der Klartext, der nach Merkel kommen wird, klingt ja schon an. Ihr werden aus der Wirtschaft und vom Wirtschaftsflügel der Union planwirtschaftliche Tendenzen vorgeworfen.

Sehen Sie Ihre These, dass sich Männer von der politischen Spitze zurückziehen, durch Ursula von der Leyen und Christine Lagarde als Führerinnen Europas bestätigt?

Höhler : Europa wird von drei Frauen regiert. Von der Leyen, Lagarde und Merkel. Die Männer entweichen, wenn sie sehen, dass ihr möglicher Beitrag nicht mehr gefragt ist. Es stimmt doch was nicht, wenn der „Green Deal“ der EU-Kommission das beherrschende Projekt der nächsten fünf Jahre sein soll. Da sollte mehr möglich sein als grüne Wiese. Ursula von der Leyen und Christine Lagarde sind für ihre Ämter nicht ausreichend qualifiziert. Auch das ist ein neues Prinzip. Und diese Entwicklung spiegelt auch ein Ausweichmanöver der Männer: Wenn Weltbilder zerfallen, geben sie die Trümmerfelder frei für Frauen. Historisch erinnert das an die Phase im späten Rom, als Frauen plötzlich in Richterämter und andere hohe Positionen berufen wurden, was vorher undenkbar war.

Gehört Annegret Kramp-Karrenbauer auch schon in diese Reihe?

Höhler : Man kann noch nicht sagen, was aus Kramp-Karrenbauer wird, weil wir nicht wissen, über welche Vorstufen der Wechsel zur nächsten Bundesregierung verlaufen wird. Jedenfalls kann man den Eindruck haben, dass auch sie den Aufgaben nicht gewachsen ist. Als Kanzlertalent scheint sie mir überschätzt. Aber sie stellt sich den Zumutungen ihrer beiden Ämter mit einer Zähigkeit, die man nur bei Frauen findet.

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