Sachverständiger widerlegt falsches Gutachten vor Paderborner Landgericht
Unfallgegner fliegt mit Lüge auf

Paderborn (WB). Nirgendwo wird so viel gelogen, wie vor Gericht, lautet eine Erkenntnis. Dass aber auch Gutachter ins Zwielicht geraten, ist selten. In einem Zivilprozess vor dem Paderborner Landgericht um einen Verkehrsunfall ist jetzt nicht nur die dreiste Lüge eines Autofahrers, sondern auch ein falsches Gutachten aufgeflogen. „Das wird für die Betroffenen weitreichende Folgen haben“, kündigt Rechtsanwalt Dr. Andreas Jolmes aus Paderborn an. Er hat zusammen mit seiner Kollegin, Rechtsanwältin Diana Neufeld, den Kläger vertreten.

Sonntag, 05.01.2020, 08:00 Uhr
Rechtsanwalt Dr. Andreas Jolmes und seine Kollegin Diana Neufeld schauen sich die Unfallakte an. Auf den Fotos ist der völlig zerstörte BMW zu sehen. Ihr Mandant aus Bad Wünnenberg hat nun auch dank der Hartnäckigkeit vor Gericht gesiegt. Foto: Ingo Schmitz

Der Unfall hat sich bereits im September 2018 auf der Haarener Straße (L 636) zwischen Niederntudorf und Haaren ereignet. Im Begegnungsverkehr stießen die Fahrer eines BMW und eines Mercedes in einer lang gezogenen Linkskurve mit den Autos seitlich zusammen. Die Bilanz: zweimal Totalschaden. Beide Fahrer beharrten sowohl gegenüber der Polizei als auch vor Gericht darauf, auf ihrer jeweiligen Fahrspur geblieben zu sein.

Hartnäckigkeit zahlt sich aus

Der Fahrer des BMW, ein 57-Jähriger aus Bad Wünnenberg, wählte Dr. Andreas Jolmes zu seinem Anwalt und reichte Klage gegen den Mercedes-Fahrer aus Salzkotten ein. Weil aber die Sachlage völlig unklar war, gab das Gericht ein Gutachten in Auftrag. Als dieses erstmals in der mündlichen Verhandlung präsentiert wurde, gab es eine große Überraschung für den Kläger aus Bad Wünnenberg.

Der Gutachter kam zu dem Ergebnis, „dass die Kollision ganz nah im Bereich der Fahrbahnmitte stattgefunden hat. Tendenziell ist es eher die Fahrbahn des Mercedes gewesen.“ So steht es im Protokoll. Auf Basis dieser Aussage fällte das Paderborner Landgericht die Entscheidung, dass der Kläger zu 75 Prozent auf seinen Kosten sitzen bleiben sollte. Der Salzkottener Mercedes-Fahrer sollte nur 2235 der insgesamt geforderten 8940 Euro an den Kläger zahlen. „Mein Mandant blieb aber hartnäckig dabei, nicht die Fahrspur verlassen zu haben. Deswegen habe ich ihm empfohlen, auf eigene Kosten ein weiteres Gutachten in Auftrag zu geben“, berichtet Dr. Jolmes, der beim Oberlandesgericht in Berufung ging.

Prozessgegner knickt vor Gericht ein

Und das hat sich gelohnt: Der neue Sachverständige Dr. Marcus Berg habe in dem Privatgutachten eindeutig nachgewiesen, so Jolmes, dass nicht sein Mandant, sondern der Salzkottener den Unfall verursacht hat. „Und dann ist etwas geschehen, was ich in meiner langjährigen Praxis noch nie erlebt habe: Der Gegner, der klipp und klar im Prozess erklärt hatte, dass der Zusammenstoß auf seiner Fahrspur erfolgt sei, knickte ein und gab ein Anerkenntnis ab. Das, was der Gegner in erster Instanz getan hat, nennt man Prozessbetrug. Eine Strafanzeige ist erstattet“, macht der Anwalt die weitreichenden Folgen deutlich.

Doch damit nicht genug: Der Beschuldigte, der ursprünglich aus der Ukraine kommt, musste sich zwischenzeitlich auch wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis verantworten. „Wer sich länger als sechs Monate in Deutschland mit einem nationalen Führerschein aufhält, muss hier eine neue Fahrprüfung absolvieren. Viele vergessen das“, erläutert Anwältin Diana Neufeld. Außerdem muss der Beklagte auf Entscheidung des Oberlandesgerichts Hamm noch die Restsumme für den Schaden an dem BMW in Höhe von 6700 Euro sowie sämtliche Gerichts- und Gutachterkosten bezahlen. Jolmes: „Da kommt einiges zusammen: zwei Gutachten sowie Prozess- und Anwaltskosten dürften sich auf weitere gut 10.000 Euro summieren.“

Beschwerde gegen Sachverständigen eingereicht

Nicht zuletzt kämen auch auf den Kfz-Verkehrssachverständigen aus der ersten Instanz unangenehme Folgen zu. Der Paderborner Anwalt hat bei der Industrie- und Handelskammer Nord-Westfalen Beschwerde gegen ihn eingereicht und gefordert, dass er von jeglicher Liste als öffentlicher Sachverständiger gestrichen wird.

Mit dem Erfolg sei sein Mandant sehr zufrieden, betont Jolmes. „Hier hat das Recht gesiegt. Allerdings zeigt der Fall auch, dass man einen langen Atem haben und unter Umständen Geld in ein weiteres Gutachten investieren muss“, fasst der Paderborner zusammen.

Kommentare

ö-Buff  wrote: 07.01.2020 14:56
Nur zum Teil richtig, aber auch nicht falsch
Wenn in einem Gutachten zumindest die Variante für möglich gehalten wird, dass auch die Schilderung des Klägers zutreffen kann, ist es doch nicht falsch. Interessant zu wissen wäre hier natürlich, aufgrund welcher Spuren der zweite Sachverständige die Lage des Kollisionsorts so genau festlegen konnte. Das ist bei Gegenverkehrsunfällen - so die einschlägige Literatur - nur in seltenen Fällen möglich.
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