Prozess um Vergewaltigung der Freundin: Jugendkammer des Landgerichts Paderborn spricht 23-Jährigen frei Eine unglückliche Beziehung

Paderborn (WB). Zwei junge Menschen, die nicht wissen, was sie mit sich selbst und mit dem anderen anfangen sollen – und so läuft die Beziehung völlig aus dem Ruder. Die 5. Große Jugendkammer des Landgerichts Paderborn musste sich am Dienstag mit zwei mutmaßlichen Vergewaltigungen beschäftigen und dabei auch versuchen, eine höchst komplizierte Konstellation zu durchschauen. Am Ende blieben nur noch eine Bedrohung und eine versuchte Nötigung – mit Geldbuße.

Von Ulrich Pfaff
Am Landgericht Paderborn wurde nun ein 23-Jähriger vom Vorwurf der Vergewaltigung seiner Freundin freigesprochen.
Am Landgericht Paderborn wurde nun ein 23-Jähriger vom Vorwurf der Vergewaltigung seiner Freundin freigesprochen. Foto: Jörn Hannemann

»Diese Beziehung werden wir als Außenstehende nie verstehen können«, stellte Verteidiger Matthias Cramer ziemlich am Ende der Verhandlung in seinem Plädoyer fest – und fasste damit den größten Knackpunkt des Prozesses zusammen. Sein heute 23 Jahre alter Mandant und die junge Frau, die vor drei Jahren mal seine Freundin war, und nun zwei Stunden lang als mutmaßliches Vergewaltigungsopfer aussagen musste, hatten als Paar bei aller Zuneigung wohl nie wirklich zueinander finden können.

Ohrfeigen und ein rabiat formulierter Chat

Letztlich hatte die damals 16-Jährige die sechs Monate dauernde Beziehung im Februar 2017 beendet, eine Anzeige wegen Stalking gestellt und schließlich auch angegeben, irgendwann trotz ihrer Gegenwehr zwei Mal zum Sex gezwungen worden zu sein – in der Nähe eines Reitstalls in Schloß Neuhaus. Gewalt spielte wohl in der Erinnerung der jetzt 18-Jährigen eine gewichtige Rolle: Ohrfeigen habe es gegeben, und der Auslöser für die Trennung sei ein ziemlich rabiat formulierter Chat ihres Freundes gewesen, in dem dieser sie aufs Übelste beschimpfte und drohte, sie auf »Vernichtungsstatus« zu setzen.

Den 23-Jährigen brachten die Vorwürfe auf die Anklagebank des Landgerichts. Sex habe es zwischen ihm und seiner damaligen Freundin gegeben – heimlich, weil die Eltern des zu Beginn 15 Jahre alten Mädchens gegen die Beziehung gewesen seien. Deshalb hätten sich beide zu den Schäferstündchen meist in der Nähe des Reitstalls getroffen. Zwang habe er keinen ausgeübt, der Sex sei immer einvernehmlich gewesen.

Junge Frau sagt unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus

Dass er damals ein Drogenproblem gehabt habe, gab der 23-Jährige unumwunden zu. Und dass er auch übel beleidigend habe sein können, aus seiner damaligen allgemeinen Unzufriedenheit mit seinem Leben. Vieles, sagte der Angeklagte, habe er heute verdrängt – seine Chats empfinde er als furchtbar. Die junge Frau selbst sagte unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus. Sie habe berichtet, sie habe sich immer gegen Sex versucht zu wehren, aber dann auch dem Druck ihres Freundes nachgegeben – in Briefen aber habe sie die Zärtlichkeiten als schön beschrieben.

»Wir sind sicher, dass der Angeklagte nicht erkennen konnte, dass sie das nicht wollte«, fasste Richterin Nicole Klein das Ergebnis der Beratung der Jugendkammer zusammen. Sie folgte damit den Plädoyers von Staatsanwalt Frank Stegen und Verteidiger Cramer, die beide hinsichtlich der Vergewaltigungsvorwürfe einen Freispruch beantragten. Auch für die Körperverletzungen in Form von Ohrfeigen fand die Kammer keine Beweise. So blieb es bei einer Geldbuße von 300 Euro für Bedrohung und versuchte Nötigung in dem WhatsApp-Chat.

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