Vom Leben auf der Straße: Ein 36-Jähriger erzählt Was Obdachlose über das Gitter am Paradiesportal denken

Paderborn (WB). Freundlich begrüßt er die Gottesdienstbesucher. Genauso verabschiedet er sie auch und wünscht einen »Schönen Abend«. In seinen Händen hält er einen leeren Kaffeebecher – in der Hoffnung, eine Münze zu ergattern. Thorsten (36) ist einer von mehreren Obdachlosen, die am Paradiesportal des Paderborner Doms betteln. Die Debatte über das neue Gitter ärgert ihn.

Von Ingo Schmitz
Im Paradiesportal am Dom betteln an den Wochenenden mehrere Obdachlose.
Im Paradiesportal am Dom betteln an den Wochenenden mehrere Obdachlose. Foto: Oliver Schwabe

Es ist Abend, die Messfeier ist beendet. Im Dom spielt noch die Orgel, während die Besucher durch das Paradiesportal das ehrwürdige Gotteshaus verlassen. Viele von den Gläubigen kennt Thorsten vom Sehen. Egal ob sie ihm was geben, oder nicht: Alle werden unaufdringlich gegrüßt. Viele gehen wortlos an ihm vorbei. Manche werfen ihm aber ein Geldstück in den verknickten Behälter. »Danke!«, ruft er einer Frau hinterher, die ihm sogar einen »Fünfer« zusteckt. So spendabel seien nur wenige.

Heftige Debatte über das neue Gitter am Paradiesportal

Die heftige Debatte über das neue Gitter am Paradiesportal, das im Zuge des Umbaus angebracht worden ist, kann Thorsten nicht nachvollziehen. Die Obdachlosen hätten nichts damit zu tun und seien auch nicht betroffen. Das Gitter soll, wie berichtet, nachts dafür sorgen, dass das Paradiesportal nicht von Partygängern verschmutzt wird. Auch einer Zerstörung soll vorgebeugt werden.

Er habe Verständnis dafür, dass die Kirche das Gitter habe montieren lassen, sagt Thorsten. Immer wieder hätten in der Vergangenheit Unbekannte dort ihre Notdurft verrichtet. Das seien aber keine Obdachlosen gewesen, beteuert er. Keiner seiner »Kollegen« würde so etwas tun. Es gebe ­zudem genügend andere Orte, an denen man schlafen könne. »Wir haben hier nie etwas verschmutzt. Ich habe hier auch noch nie geschlafen. Mir tut es weh, wenn andere Menschen so etwas behaupten. Und ich kenne auch keinen, der das macht«, wehrt sich der junge Mann, der deutlich älter aussieht, als er ist, gegen die Vorurteile.

Gutes Verhältnis zum Dompropst

Die Obdachlosen hätten außerdem ein sehr gutes Verhältnis zum Dompropst, berichtet er. Monsignore Joachim Göbel bringe schon mal einen Kaffee vorbei oder auch eine Waffel. »Der ist total cool«, betont Thorsten. Doch damit nicht genug. Hin und wieder gebe es Freunde, die ihm ein Essen spendierten. Er schlafe am liebsten unter freiem Himmel. Aber auch dort habe er keinen festen Schlafplatz, sagt er. Im Winter verbringe er die Nächte in der Obdachlosenunterkunft B2 (KIM).

Zehn-Tage-Bart, unfrisierte Haare, angeschmuddelte Kleidung, geröteter Kopf: Vom Leben auf der Straße ist Thorsten deutlich gezeichnet.

Seit zwei Jahren ist er ohne festen Wohnsitz und tippelt durch Paderborn. Wie ist es dazu gekommen? »Ich habe meiner Ex-Freundin und unserem Sohn die Wohnung überlassen. Ich dachte, ich bekomme schnell eine neue Wohnung. Daraus wurde aber nichts«, berichtet er. Durch die Trennung sei er vollkommen abgestürzt. Die Drogensucht sei ein großes Problem, sagt er. Seinen Sohn dürfe er nicht sehen, das belaste ihn. »Der ist jetzt sechs Jahre alt«, sagt der Obdachlose nachdenklich.

»Jetzt versuche ich es auf ehr­liche Art und Weise«

»Ich habe in meinem Leben sehr viel Scheiße gebaut«, gesteht er kurz darauf. Das habe in seiner Kindheit und Jugend angefangen. Kein richtiges Elternhaus, Pflegefamilie, der falsche Umgang, Missbrauchserfahrung. Zu einer Ausbildung reichte es nicht. Also jobbte er bei einem Dachdecker – aber auch das war nur ein kurzes Kapitel. 13 Jahre saß er schließlich im Knast. Wegen Totschlags.

»Jetzt versuche ich es auf ehr­liche Art und Weise«, sagt Thorsten. Das sei aber gar nicht so einfach, denn er müsse auch noch sein Drogenproblem in den Griff bekommen. »Von Heroin runter zu kommen, ist verdammt schwer.« Und wie kommt er an das Geld? »Es gibt genug Leute, die klauen oder ziehen alte Leute ab. So etwas mache ich aber nicht«, betont er. Er habe stattdessen andere Einnahmequellen. Unter der Woche ist der 36-Jährige in Paderborn als Flaschensammler unterwegs und lebt vom Pfandgeld. Am Wochenende steht er dann am Dom und bettelt. Ob er noch Träume hat? Darüber möchte Thorsten nicht sprechen.

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