14-Jähriger fasste selbst andere Kinder an – Landgericht Paderborn: »Keine Einsichtsfähigkeit«
Lügde-Opfer freigesprochen

Paderborn (WB). Das Landgericht Paderborn hat – wie berichtet – am Donnerstag einen Jugendlichen freigesprochen, der als Kind von einem der Lügde-Täter jahrelang missbraucht und dann selbst zum Täter wurde.

Freitag, 01.11.2019, 04:00 Uhr aktualisiert: 01.11.2019, 08:54 Uhr
Ein 17-jähriges Opfer des Missbrauchsfalls stand selbst als Angeklagter vor dem Landgericht Paderborn. Er ist freigesprochen worden, weil er aufgrund seiner eigenen schweren Misshandlung »nicht einsichtsfähig« sei. Foto: dpa

Der Junge war zehn Jahre, als er zum ersten Mal missbraucht wurde. Als seine Mutter 2012 in Steinheim (Kreis Höxter) umzog, bot sich Hilfsarbeiter Mario S. als Helfer an. Am Abend des Umzugstages lockte er das Kind in seinen Keller, keine 200 Meter von der neuen Wohnung der Mutter entfernt. Dort verging er sich an dem Zehnjährigen – der Beginn einer Serie von Verbrechen an diesem Kind, die vier Jahre dauern sollte.

Als der Junge 14 war, wurde er selbst zum Täter, indem er sexuelle Handlungen an drei Jungen aus seinem Bekanntenkreis vornahm – nach Angaben dieser Opfer ohne Gewalt. Angezeigt wurde der Jugendliche nicht: Er offenbarte sich, als die Ermittlungskommission »Eichwald«, die den hundertfachen Kindesmissbrauch auf dem Campingplatz aufklärte, ihn als Opfer von Mario S. befragte.

Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Zum Schutz des Minderjährigen fand der Prozess am Freitag ohne Zuschauer statt. Landgerichtssprecher Dr. Oliver Neuwinger teilte anschließend mit, der Angeklagte habe die Vorwürfe der Anklage »umfassend gestanden«. Trotzdem habe er freigesprochen werden müssen.

Paragraf 3 des Jugendgerichtsgesetzes schreibt vor: »Ein Jugendlicher ist strafrechtlich verantwortlich, wenn er zur Zeit der Tat nach seiner sittlichen und geistigen Entwicklung reif genug ist, das Unrecht der Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln.«

Diese Reife sahen die Paderborner Richter, die zu der Frage auch einen Sachverständigen gehört hatten, bei dem Angeklagten nicht. Verteidiger Thorsten Fust: »Durch den jahrelangen Missbrauch hatte mein Mandant überhaupt keine Richtschnur. Er wusste nicht, was normal ist und was nicht. Er war ja noch ein Kind, als er missbraucht wurde.« Die Taten, die die Staatsanwaltschaft seinem Mandanten vorgeworfen habe, seien nicht mit dem gleichzusetzen, was sein Mandant durch Mario S. erlitten habe.

Kammer betont, es sei eine Einzelfallentscheidung

Ähnlich äußerte sich Dr. Neuwinger: Gerade mit Rücksicht auf die Umstände und das Ausmaß des Missbrauchs zu Lasten des Angeklagten seien bei den Richtern Zweifel geblieben, dass der Angeklagte zur Tatzeit verantwortungsreif gewesen sei. »Dabei hat die Kammer ausdrücklich betont, dass dies eine Einzelfallentscheidung ist, die sich nicht ohne Weiteres auf andere Sachverhalte übertragen lasse.«

Rechtsanwalt Fust hatte Freispruch beantragt, die Staatsanwaltschaft eine Haftstrafe auf Bewährung. Der Jugendliche ist in einer Therapie, in der er voraussichtlich noch Jahre bleiben wird.

Bereits im Juli hatte das Amtsgericht Detmold das Verfahren gegen ein Lügde-Opfer eingestellt, das ebenfalls in einem Fall zum Täter geworden war. Die Tat lag sieben Jahre zurück, der Jugendliche hatte unter dem Druck der Lügde-Täter gehandelt und war seitdem nicht mehr aufgefallen.

Die beiden Haupttäter im Fall Lügde, Andreas V. (56) und Mario S. (34), wurden im September zu 13 bzw. zwölf Jahren Haft und Sicherungsverwahrung verurteilt.

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