Kreis Paderborn plant federführend für die Kreise Höxter und Lippe
Pilotprojekt: Telenotarzt auf dem Land

Paderborn (WB/bel). 11.333 Mal rückte 2018 im Kreis Paderborn ein Notarzt aus, um den Rettungsdienst bei Notfällen zu unterstützten. Doch nicht immer muss zwingend ein Notarzt vor Ort sein. Deshalb will der Kreis Paderborn das System des Telenotarztes einführen.

Dienstag, 08.10.2019, 10:50 Uhr aktualisiert: 08.10.2019, 18:03 Uhr
2017 ist in Greifswald das Telenotarzt-System fürs Land eingeführt worden. Im Bild dirigiert der Mediziner Michael Gillner von seinem Arbeitsplatz den Rettungsdienst an der Unfallstelle.

Bei einer Auftaktveranstaltung im Kreis mit Vertretern des Gesundheitsministeriums, der Ärztekammern, Krankenkassen und den Nachbarkreisen Höxter und Lippe wurde das Projekt erörtert. Jetzt sollen zunächst die erforderlichen Voraussetzungen für den Einsatz eines Telenotarztes im ländlichen Raum als Pilotprojekt des Landes NRW geklärt werden.

Die Zahl der Einsätze im Kreis Paderborn (ohne Stadt Paderborn) steigt stetig. Nach den jüngsten Zahlen gab es im Jahr 2018 insgesamt 56.469 Einsätze für die Rettungskräfte. In 29.347 Fällen war ein Rettungswagen mit den Fachpersonal vor Ort und in 11.333 Fällen kam ein Notarzt hinzu. Doch nicht alle Alarmierungen erfordern einen Notarzt vor Ort und gerade im ländlichen Raum will wie anderen Bundesländern auch NRW Ressourcen sparen. Erfolgreiches Pilotprojekt in NRW für die Stadt war vor fünf Jahren die Einführung des Telenotarztes in Aachen, von dessen Arbeit sich jüngst auch die Vertreter aus Paderborn ein Bild vor Ort zusammen mit NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann machten.

Positive Bilanzen

Das System funktioniert so, dass ein speziell mit der erforderlichen Technik ausgestatteter Rettungswagen vor Ort per Video unter anderem Vitaldaten wie beispielsweise EKG-Werte direkt an den Notarzt übermittelt und dieser dann je nach Lage eine erste Diagnose sowie Maßnahmen an das Personal vor Ort geben kann, so beispielsweise bei akuten Kreislaufproblemen Wenn die Lage es jedoch erfordert, kann aber auch ein fahrender Notarzt sofort zum Ort nachrücken.

Auch andere Bundesländer haben bereits vor Jahren solche Telenotarztsysteme teilweise auch in ländlichen Räumen mit positiven Bilanzen eingeführt. Das Beispiel Greifswald führte beim Treffen in Paderborn NRW-Ministerialrat Bernhard Schnäbelin an. Dort hätten nach der Einführung des telemedizinischen Notfallsystems beispielsweise in 19 Prozent der Fälle die Patienten zu Hause bleiben können.

Auftaktkonferenz in Paderborn (vorne, von links): Kreis-Ordnungsdezernent Michael Beninde, Dr. Michael Schwarzenau (Ärztekammer Westfalen-Lippe), Dr. Ulli Polenz (Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe), Dr. Theodor Windhorst (Präsident Ärztekammer Westfalen-Lippe), Bernd Schnäbelin (NRW-Gesundheitsministerium), Landrat Manfred Müller, Daniel Fischer (Ärztlicher Leiter Rettungsdienst Lippe) sowie (hinten, von links) Matthias Kämpfer (Kreis Höxter), Ingo Christiansen (Ärztlicher Leiter Rettungsdienst Kreis Paderborn), Marc Hammerstein (Leiter Kreisfeuerwehrzentrale), Dr. Stefan Beckers (Ärztlicher Leiter Rettungsdienst Aachen), Düning Gast (Kreis Lippe), Dr. Hendrik Fokke Hinrichs (Ärztlicher Leiter Rettungsdienst Höxter), Matthias Krämer (Kreis Höxter), Jörg Müssig (Justiziar Feuerwehr NRW), Ralf Hilker (Kreis Paderborn), Heike Schönfeld (Bezirksregierung), Andre Brüninghoff (AOK), Jörg Steingrefer (IKK Classic) und Kreis-Ordnungsamtsleiter Herbert Temborius.

Auftaktkonferenz in Paderborn (vorne, von links): Kreis-Ordnungsdezernent Michael Beninde, Dr. Michael Schwarzenau (Ärztekammer Westfalen-Lippe), Dr. Ulli Polenz (Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe), Dr. Theodor Windhorst (Präsident Ärztekammer Westfalen-Lippe), Bernd Schnäbelin (NRW-Gesundheitsministerium), Landrat Manfred Müller, Daniel Fischer (Ärztlicher Leiter Rettungsdienst Lippe) sowie (hinten, von links) Matthias Kämpfer (Kreis Höxter), Ingo Christiansen (Ärztlicher Leiter Rettungsdienst Kreis Paderborn), Marc Hammerstein (Leiter Kreisfeuerwehrzentrale), Dr. Stefan Beckers (Ärztlicher Leiter Rettungsdienst Aachen), Düning Gast (Kreis Lippe), Dr. Hendrik Fokke Hinrichs (Ärztlicher Leiter Rettungsdienst Höxter), Matthias Krämer (Kreis Höxter), Jörg Müssig (Justiziar Feuerwehr NRW), Ralf Hilker (Kreis Paderborn), Heike Schönfeld (Bezirksregierung), Andre Brüninghoff (AOK), Jörg Steingrefer (IKK Classic) und Kreis-Ordnungsamtsleiter Herbert Temborius.

Im Fall Aachen konnte laut Dr. Stefan Becker, Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes der Stadt, die Notarztquote vor Ort von 36 auf 19 Prozent gesenkt werden. Seit der Einführung dieses Telenotarztes vor fünf Jahren wurden insgesamt 15.000 Patienten in Aachen so versorgt. Nach Angaben aus Aachen arbeite man in zehn Prozent aller Einsätze mit einem Telenotarzt zusammen. Ein weiterer Vorteil des Systems ist, dass die Rettungskräfte vor Ort, für die auch im Kreis Paderborn die Regelfrist von maximal zwölf Minuten gilt, nicht auf das Eintreffen des Notarztes warten müssen, sondern ihn in bestimmten Fällen sofort zuschalten können.

Frühzeitig informieren

Beim Treffen in Paderborn unterstrich Dr. Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, dass die Telemedizin kein Instrument sei, den Landarzt zu ersetzen und auch nicht die kompletten Probleme in der Notfallversorgung lösen könne. Deshalb sei es wichtig, alle Beteiligten mitzunehmen und die Bevölkerung frühzeitig zu informieren und aufzuklären. Die Vertreter der Krankenkassen bekräftigten, dass sie die Telemedizin grundsätzlich befürworteten, vor ihrer Einführung aber gut geprüft werden müsse, wo genau Telenotarztsysteme Sinn ergäben und ob tatsächlich Ressourcen eingespart werden könnten. Außerdem, so auch eine Erfahrung aus anderen Bundesländern, könne ein Einsatz nur bei niedrigschwelligen Versorgungen erfolgen.

Mit dem System sind auch erhebliche Kosten verbunden: Die Kosten der Ausrüstung pro Fahrzeug belaufen sich auf etwa 50.000 Euro. Außerdem brauche man zusätzliche Mediziner, denn die Arbeit in der Notrufzentrale kann nicht neben dem normalen Stationsdienst oder Notarztdienst erfolgen. Das bedeutet ein »Vorhalten« über 24 Stunden.

Netzstruktur erforderlich

Ein weiterer Knackpunkt insbesondere im ländlichen Raum ist die erforderliche Netzstruktur. So bemängelte jüngst ein langjähriger Notarzt in der Ärztezeitung zu dem System, dass in seinem Bereich eine sichere mobile Telekommunikaiton nicht immer gewährleistet sei. So sei er schon manchmal beim Einsatz gezwungen, auf das Festnetztelefon des Patienten zurückzugreifen, um eine Anmeldung im Krankenhaus zu erreichen.

Zum Abschluss des Treffens in Paderborn zog Landrat Manfred Müller ein erstes positives Fazit: »Ich nehme hier mit, dass alle Beteiligten grundsätzlich die Einführung des Telenotarztsystems positiv sehen. Die Vorbereitungen können beginnen.«

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