Erzbistum wehrt sich gegen Kritik: »Beerdigung ist Akt der Nächstenliebe«
Wenn Laien den letzten Weg begleiten

Paderborn (WB). Der Priestermangel im städtischen und ländlichen Raum stellt Bistümer und Gemeinden vor die Frage: Wer soll Verstorbene beerdigen, wenn es dafür immer weniger hauptamtliches Personal gibt? Die Antwort ist überraschend simpel: Eigentlich jeder. Doch Laien im Begräbnisdienst stoßen auch auf Kritik.

Donnerstag, 03.10.2019, 07:47 Uhr aktualisiert: 03.10.2019, 07:50 Uhr
Wollen Hoffnung weitergeben, wie es auch die Osterkerze tut: Sabine Peitz (links) und Elisabeth Jakobsmeyer sind Laien im Begräbnisdienst. Bei Beerdigungen tragen sie die geweihten Roben, die sie zu geistlichen Zelebranten machen. Foto: Timo Gemmeke

Als vor einigen Wochen bei der Beerdigung ihres Mannes plötzlich kein Priester, sondern eine Laiin am Grab stand, war die Paderbornerin Helga Klatte nach eigenen Worten entsetzt. »Die Dame hat das sicher gut gemacht. Aber es kann doch nicht sein, dass man bei der Trauerfeier, in der Kapelle des Westfriedhofs und am Grab statt von einem Pastor von einer Referendarin verabschiedet wird. Wir stammen aus einer sehr religiösen Familie, in der viel gebetet und mit der sonntäglichen Messe der Tag begonnen wurde. Die Kirche hat uns immer begleitet. Und am Ende des Lebens ist noch nicht Mal ein Pastor mit am Grab«, sagt die Witwe. »Kirche muss sich auch um die alten Mitglieder kümmern«, fordert sie.

»Christen haben ar die Pflicht, ihren Nächsten zu beerdigen«

Doch was ist der Grund für den Begräbnisdienst durch Laien? »Da wir immer weniger Priester und Diakone haben, ist es der ausdrückliche Wunsch des Erzbistums, dass auch Laien diese Aufgabe übernehmen«, sagt Andreas Kreutzmann, Priester, Trauerbegleiter und Diözesanbeauftragter für die Ständigen Diakone. Denn: Schon aus der Taufberufung her­aus hätten Christen nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, ihren Nächsten zu beerdigen. Kreutzmann: »Auch wenn es eigentlich die Aufgabe des Priesters ist: Jemanden zu beerdigen, das ist ein Akt der Nächstenliebe, den jeder gläubige Christ ausführen kann.«

Bereits 2006 wurde im Erzbistum Paderborn erstmals eine Ordnung erlassen, die Laien zum Begräbnisdienst aufruft. »Das hat sich damals aber fast nur auf Gemeindereferenten bezogen, die dem priesterlichen Dienst schon sehr nahe kommen«, erklärt er. Mit einer zweiten Ordnung – zwölf Jahre später – sollten dann auch ganz »normale« Gemeindemitglieder angesprochen werden.

Mittlerweile sind im Erzbistum Paderborn 90 Laien – Gemeindereferenten mit einbezogen – dazu berechtigt, eine Beerdigung durchzuführen. Dazu gehören seit kurzem auch Elisabeth Jakobsmeyer und Sabine Peitz aus der Gemeinde Heiliger Martin in Schloß Neuhaus,. Sie hatten sich vergangenes Jahr mit 15 anderen Ehrenamtlern in einem Kursus ausbilden lassen.

Ausbildung beinhaltet sechs Wochenendkurse

»Am Anfang steht ein Bewerbungsverfahren: Wir mussten einen Lebenslauf abgeben und zeigen, was wir an ehrenamtlicher Arbeit in der Gemeinde geleistet haben«, erklärt Peitz. Zudem muss der zuständige Pfarrer einen Antrag an das Erzbistum stellen, in dem er die jeweilige Person vorstellt und deren Wahl begründet. Erst wenn von oberster Stelle das Okay komme, könnten die Anwärter an den sechs Wochenendkursen teilnehmen, die den Großteil ihrer Ausbildung darstellten. »Dabei widmen wir uns verschiedenen Fragen: Was bedeutet Trauer für uns? Wie gehen wir damit um? Unsere Erfahrungen werden dann mit theologischen Aspekten verknüpft«, erklärt Jakobsmeyer.

Im Mittelpunkt steht dabei auch der liturgische Ablauf einer Beerdigung selbst, an dem sich die Laien später orientieren können. Während der Ausbildung begleiten die Anwärter außerdem Priester, Diakone und ausgebildete Gemeindereferenten bei Kondolenzgesprächen und Beerdigungen, um praktische Einblicke zu erhalten. Nach einem Abschlussgespräch mit ihrem Mentor – der auch über die Tauglichkeit des Aspiranten entscheidet – wurden die Neuen in allen Gemeinden ihres Zuständigkeitsbereiches mit ihrem Dienst vorgestellt.

Vorbereitung einer Trauerfeier dauert einige Stunden

Fertig ausgebildet, übernehmen die Laien alle Aufgaben eines Amtsträgers: Kontakt mit den Hinterbliebenen aufnehmen, ein Kondolenzgespräch führen, die Trauerfeier planen und abhalten. Die Vergabe der Beerdigungen übernimmt das Sekretariat des Pfarrbüros – auch mit Blick darauf, welche Trauergemeinde kein Problem mit einem Laien haben könnte. »Außerdem haben wir einen weiteren kleinen Vorteil: Wenn uns Todesfälle selbst zu nahe gehen, können wir eine Beerdigung auch ablehnen«, erklärt ­Jakobsmeyer. Priester und Diakone können das nicht – sie sind qua Berufsstand dazu verpflichtet, ein Gemeindemitglied zu beerdigen.

Dass sich die beiden Frauen für den Begräbnisdienst entschieden haben, hat mehrere Gründe. »Ich möchte das Evangelium umsetzten und die Botschaft Gottes auch oder gerade den Trauernden verkünden«, sagt Peitz. Für Jakobsmeyer ist es die Nächstenliebe, die sie antreibt. »Man kann Trauer nicht stoppen. Sie kann nur in etwas anderes verwandelt werden, und dabei möchte ich helfen. Als Christ verstehe ich das als eine meiner Aufgaben.« Eine ambitionierte wie zeitintensive Ar­­beit: Die Vorbereitung einer Trauerfeier mit Ansprache dauere schon einige Stunden, sagt Jakobsmeyer.

Erzbistum hat Verständnis für Wunsch der Hinterbliebenen

Eine Aufgabe, die auch Hindernisse mit sich bringt, wie Pastor Kreutzmann weiß. »Manchmal ist es schwer, alle Wünsche der Hinterbliebenen bei einer Trauerfeier zu berücksichtigen. Manchmal muss man dann sagen: Das ist ein christlicher Ritus, dieser Musikwunsch passt hier nicht rein.«

Dass manche Angehörige lieber den vertrauten Priester am Grab des Verstorbenen sehen, kann Andreas Kreutzmann nachvollziehen. »Wer das noch nicht kennengelernt hat, reagiert meistens erstaunt. Aber das ist ja bei allen neuen Dingen so. Ich kann allen Trauernden dann immer nur sagen: Die sind ausgebildet und machen das genau so gut wie wir Priester.« Bei Sabine Peitz und Elisabeth Jakobsmeyer sei die Resonanz bisher »durchweg positiv«.

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