Mindestens fünf Roma und Sinti aus Paderborn starben in Auschwitz
Verfolgt und ermordet

Paderborn (WB). »Zigeuner« galten als asozial, arbeitsscheu, rassisch minderwertig und als »Berufsverbrecher«. In der Vergangenheit wurden sie drangsaliert und verfolgt – auch in Paderborn, wie Wilhelm Grabe in der Sitzung des Kulturausschusses zeigte.

Donnerstag, 03.10.2019, 14:00 Uhr aktualisiert: 03.10.2019, 17:40 Uhr
Im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau starben Roma und Sinti auch aus der Stadt und dem Kreis Paderborn. Foto: dpa

Der Leiter des Stadt- und Kreisarchivs hat sich mit dem Schicksal der Volksgruppe der Roma und Sinti beschäftigt und stellte seine Ergebnisse jetzt den Mitgliedern des Ausschusses vor. Demnach wurden nachweisbar mindestens fünf Roma und Sinti aus Paderborn im Konzentrationslager Auschwitz umgebracht. Hinzu kommen neun weitere Todesopfer aus dem Kreisgebiet.

Sechsjähriges Mädchen unter den Opfern

Dabei schreckten die Nazis auch vor Kindern nicht zurück. Grabe erinnerte an das Mädchen Renate Weinrich, das wegen des verbrecherischen Rassenwahns des Regimes mit nur sechs Jahren in Auschwitz sterben musste. Vermutlich wurde sie ein Opfer der Menschenversuche des skrupellosen SS-Arztes Josef Mengele. Zum Glück starben nicht alle. Robert Unger aus Paderborn überlebte die Verfolgung als »Arbeitsscheuer«, um nach Ende des Krieges erleben zu müssen, wie seine Haftzeiten von den Behörden nur teilweise anerkannt wurden. Insgesamt wurden mindestens acht Roma und Sinti jahrelang in KZs gequält.

Bischof erließ Aufenthaltsverbot

Die NS-Zeit stellte den Höhepunkt der Ausgrenzung und Vernichtung der Roma und Sinti dar. Die wurden aber schon zuvor als unliebsame Minderheit angefeindet. »Roma und Sinti waren seit dem 15. Jahrhundert Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt«, sagte Wilhelm Grabe im Kulturausschuss. Er erinnerte daran, dass zum Beispiel der Paderborner Fürstbischof 1720 ein Aufenthaltsverbot für diese Volksgruppe im Hochstift erließ.

»Kesselflicker«, Akrobaten und Musiker

In Erscheinung traten Sinti und Roma als sogenannte »Kesselflicker«, die Haushaltsgegenstände reparierten, als Akrobaten, Musiker und Exoten, die Bären zum Tanzen animierten. Die einheimische Bevölkerung traf sie auf Jahr- und Viehmärkten und wenn sie durch ihr Dorf und ihre Stadt zogen. Weil sie meistens arm waren, bettelten Roma und Sinti, was den Unmut der Bürger erregte. Im Zeichen des Nationalismus verstärkte sich die Verfolgung in Deutschland mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871. In Paderborn habe die Verwaltung Ansiedlungsbemühungen von Roma und Sinti durch Druck auf Vermieter torpediert, weiß Grabe. Und als im September 1895 zwei Familien mit Wohnwagen am Kasseler Tor lagerten, habe die Polizei umgehend dafür gesorgt, dass sie wieder verschwanden. Sie steckte die Männer ins Gefängnis und schob die Frauen und Kinder nach Lichtenau und Warburg ab.

Und das alles, obwohl die Volksgruppe zahlenmäßig unbedeutend war. Unter den 42.000 Einwohnern Paderborns waren 1939 nur 35 Roma und Sinti gemeldet. Nach dem Krieg interessierte ihr Schicksal nicht sonderlich, auch in der Domstadt nicht. Bis heute fehle in Paderborn eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung, sagte Archivar Grabe, der einen ersten Versuch unternahm. Den Anstoß hatte der Sinti Giano Weiß aus Paderborn gegeben.

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