Ausstellungen in Paderborn zeigen, wie Künstler das Ende der Weltkriege verarbeiteten
Radikale Abkehr

Paderborn (WB). Wie haben Künstler auf das Ende der beiden Weltkriege reagiert? Zwei Ausstellungen in Schloß Neuhaus geben die Antwort. Die einen wählten nach 1918 beißende Satire auf Militarismus und Wirtschaftsbonzen, die anderen setzten nach 1945 gezielt auf abstrakte Kunst, die die Nazis zuvor als »undeutsch« gebrandmarkt hatten.

Dienstag, 01.10.2019, 04:00 Uhr
Roland Knirr steht im Kunstmuseum zwischen der Großstadtimpression »Schwüle« von Fritz Stuckenberg (links) und Karl Völkers Bild vom Bahnhof in Halle an der Saale. Foto: Oliver Schwabe

»Aufbruch 1919 – 100 Jahre Sezession in Berlin und Dresden« und »Kunst nach 1945 – das Wiederaufleben der Moderne und die Künstlergruppe ›junger westen‹« heißen die Ausstellungen im Kunstmuseum im Marstall und in der Städtischen Galerie in der Reithalle, die bis zum 26. beziehungsweise 5. Januar zu sehen sein werden und am Wochenende eröffnet wurden. Schon zur Vernissage kamen 170 Besucher. »Das hat mich umgehauen«, sagte An­drea Brockmann, die Leiterin der Städtischen Museen und Galerien, erfreut über das schon jetzt große Interesse.

Werke von Götz, Schumacher, Grochowiak, Winter und Baumeister

Andrea Brockmann sitzt zwischen der Skulptur »Verbindung« von Ernst Hermanns und der »Dünenlandschaft« von Georg Meistermann. Fotos: Oliver Schwabe

Andrea Brockmann sitzt zwischen der Skulptur »Verbindung« von Ernst Hermanns und der »Dünenlandschaft« von Georg Meistermann. Fotos: Oliver Schwabe Foto: Oliver Schwabe

In der Schau »Kunst nach 1945« in der Reithalle sind Werke unter anderem von K.O. Götz, Emil Schumacher, Thomas Grochowiak, Fritz Winter und Willi Baumeister zu sehen. Unter den 57 Arbeiten befinden sich vier Skulpturen wie Ernst Hermanns »Verbindung«. Die Künstler verband damit die radikale Absage an die »Blut-und-Boden-Kunst« der Nationalsozialisten, an die stählernen, kampfbereiten Körper.

»Die Künstler haben sich von der gegenständlichen, durch den Nationalsozialismus belasteten Bildsprache vom Naturalismus und dem ›Deutschen‹ verabschiedet und sich an das Abstrakte, Amorphe herangetastet«, erläuterte Andrea Brockmann am Montag. »Freiheit war das große Thema«, sagte sie. Nach der Indoktrination durch das NS-Regime und Malverboten wollten die Künstler die neugewonnene politische und gesellschaftliche Freiheit in ihren Werken sichtbar machen; sie ließen den Linien freien Lauf und sich von den Farben mitreißen. Bei den Bildern handelt es sich um Werke der Künstlergruppe »junger westen«, die sich 1947/48 in Recklinghausen gegründet hatte und die Ideen der Moderne wiederaufleben lassen wollte. Die Leihgaben stammen zum Beispiel aus der Kunsthalle Recklinghausen und dem Emil-Schumacher-Museum in Hagen.

Apropos Emil Schumacher: An ihm lässt sich der schrittweise Abschied von der gegenständlichen zugunsten der abstrakten Malerei ablesen. Zeigte das Bild »Bombenangriff« (1946) noch leidende Menschen, so mutet »Stadtgefüge« acht Jahre später wie ein Farb- und Formenexperiment an. Was in Deutschland informelle Malerei heißt, wird in den USA abstrakter Expressionismus genannt, um die Wurzeln zu verdeutlichen.

Künstler reagieren 1945 anders auf das Kriegsende

Verzichteten die Künstler nach 1945 angesichts des Schreckens und der beispiellosen Gewalt weitgehend auf politische Kommentare, so war das nach dem Ersten Weltkrieg anders. Davon zeugen in der Ausstellung »Aufbruch 1919 – 100 Jahre Sezession in Berlin und Dresden« im Kunstmuseum im Marstall die Erschießungsbilder von Heinrich Ehm­sen, die Totenschädel von Otto Dix und die Lithografie »Zeitungsträger« (1921/22) von Georg Scholz. Darauf ist zu sehen, wie ein dickbäuchiger Kriegsgewinnler mit Zigarre abschätzig auf einen alten ausgemergelten Mann blickt, der Zeitungen austragen muss, um zu überleben. 119 Aquarelle, Gemälde, Lithografien, Radierungen und Zeichnungen spiegeln das Schaffen der Sezessionen in Berlin und Dresden wider. Die »Novembergruppe« in Berlin und die Dresdner Sezession waren Vereinigungen, die das Kunstverständnis der Akademien ablehnten.

Avantgarde-Kunst der jungen Weimarer Republik

In Paderborn sind Werke von Conrad Felixmüller, Otto Griebel, Fritz Stuckenberg und Wassily Kandinsky zu sehen. In der Avantgarde-Kunst der jungen Weimarer Republik ging es nicht nur um Abrechnung mit dem Wilhelminismus, sondern auch um das Großstadtleben, um Mobilität, die Begeisterung für die Technik und den Aufbruch in der Gesellschaft, sagte Roland Knirr, Wissenschaftlicher Volontär des Kunstmuseums. Ein Beispiel dafür ist Karl Völkers Gemälde mit der Menschengruppe, die die Treppen des Bahnhofs in Halle an der Saale hin­unterläuft. Das Kunstmuseum und die Städtische Galerie in der Reithalle sind dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

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