Grundstück im Ükernviertel hat eine bewegte Geschichte
Gericht, Schule, Geschäft – Abriss

Paderborn (WB). Die Dachpfannen sind bereits entfernt, die Fenster ausgebaut: Das Haus Heiersstraße 15 steht kurz vor dem Abriss. Das Erzbistum plant hier den Neubau eines Verwaltungsgebäudes. Nur wenige wissen, dass es sich hier um ein historisch bedeutendes Grundstück handelt.

Mittwoch, 04.09.2019, 23:40 Uhr
»Hier werden viele Erinnerungen wach«, sagt Christian Lüke. Im Haus Heiersstraße 15, das jetzt vom Erzbistum für einen neuen Verwaltungsbau abgerissen wird, hat er mit seiner Familie über viele Jahre gelebt. Foto: Oliver Schwabe

Der Paderborner Christian Lüke kennt die Geschichte in- und auswendig. Seine Eltern haben in dem Haus über viele Jahre gewohnt. Daher weiß er nicht nur, was in den letzten Jahren in dem Ladenlokal verkauft wurde. Er kennt auch die historischen Ereignisse, die bis ins 16. Jahrhundert zurück gehen und auch schon von Ulrich Stohldreier im Jahr 2011 niedergeschrieben worden sind – das Jahr in dem Christian Lüke Schützenkönig des PBSV wurde.

Blick in die Straße Thisaut.

Blick in die Straße Thisaut. Foto: Oliver Schwabe

Das Eckgrundstück zur Thisaut hatte demnach im Laufe der Jahrhunderte immer eine Bedeutung für das Ükernviertel. Es war Ükernrathaus mit Gerichtsstätte, Dommädchenschule und sogar königliches Geburtshaus, erzählt Christian Lüke und schmunzelt.

Ursprungsgebäude aus dem Jahre 1527

Das Ursprungsgebäude aus dem Jahre 1527 war ein Fachwerkständerbau und zugleich eines der ältesten in der Stadt Paderborn. Hier wurden Versammlungen abgehalten und Recht gesprochen. »Nebenan befand sich das Spritzenhaus, das zugleich Gefängnis war«, sagt der 41-Jährige und deutet auf die heutige Zufahrt zum Parkhaus des Erzbistums. Um 1843 entstand auf dem Grundstück Heiersstraße 15 die Dommädchenschule. Doch schon nach wenigen Jahren stellte sich her­aus, dass das Gebäude zu klein war. Um 1875 wurde beschlossen, in der Hathumarstraße eine neue Schule zu bauen. Doch als man sie eröffnen wollte, stellte man fest, dass die Bänke zu klein waren. Und so ging der Unterricht bis 1880 an der Heiersstraße weiter.

Die Dommädchenschule wurde 1843 errichtet.

Die Dommädchenschule wurde 1843 errichtet. Foto: WB

»Nach dem Zweiten Weltkrieg befand sich das Gebäude im Besitz der Familie Seifert, die dort einen Farbenhandel betrieb. 1972 wurden meine Eltern Mieter der oberen Wohnung«, erzählt der amtierende Hauptmann der Maspernkompanie. Das Besondere: Elisabeth und Heinrich Lüke brachten nicht nur ihre Kinder Heiner und Sonja mit, sondern auch die Großmutter. Als dann Christian Lüke 1978 geboren wurde, lebten drei Generationen und sechs Familienangehörige in der oberen Etage und im Dachgeschoss auf mehr als 140 Quadratmetern.

Das Filmteam im Wohnzimmer

»Bei uns war immer etwas los. Die Bude war immer voll«, erinnert sich der Paderborner. Oma Käthe habe dabei eine besondere Rolle gespielt. Nicht nur, dass sie bis zu ihrem Tod jeden Tag mit am Essenstisch gesessen habe. Sie sei auch diejenige gewesen, die bei Streit geschlichtet habe. Als der WDR 1992 nach einer Familie gesucht habe, die mit mehreren Generationen unter einem Dach wohnt, kamen die Lükes sogar ins Fernsehen – samt Filmdreh im Wohnzimmer.

Das Bild stammt aus Mitte der 80er Jahre.

Das Bild stammt aus Mitte der 80er Jahre. Foto: WB

Im Ükern war schon immer viel los. Das gilt auch für das gegenüberliegende Eckgebäude. »Da war die Gaststätte Zur Hölle«, sagt Christiann Lüke und zeigt auf die heutige Gaststätte »Globetrotter«. Die Hölle sei nicht nur legendärer Treffpunkt für die Maspernschützen gewesen, sondern auch der Ort, wo Oma Unterhalt den Zapfhahn bediente und viele Männer nach Feierabend einkehrten.

Natursteinhändler und Kunstschmied

Nach Farben und Lacken zog ein Natursteinhändler in das Geschäft Heiersstraße 15 ein. Ihm folgte ein Rahmenatelier sowie danach der Kunstschmied Bruno Eikel, der in seiner »Pinacotheca« Ausstellungsstücke zeigte.

Der Abriss wird vorbereitet.

Der Abriss wird vorbereitet. Foto: Oliver Schwabe

Anfang der 90er Jahre kaufte das Erzbistum das Haus und plante den Abriss. Doch dazu kam es vorerst nicht. So konnte Familie Lüke das Haus weiter bewohnen. Erst zogen dann die Geschwister aus, danach starb im Jahr 2001 Vater Heinrich Lüke und nachdem auch seine Mutter ausgezogen war, bewohnte der jüngste Spross die Wohnung allein. Am 1. April 2004 war Schluss: Auch Christian Lüke zog aus. Zuletzt, nach kurzer Zwischenvermietung, stand die Wohnung leer. Und im Ladenlokal war die Caritas-Kleiderkammer untergebracht. Jetzt bricht ein neues Kapitel an: Das Haus wird endgültig abgerissen.

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