Die Querschläger erhalten die Paderborner Kulturnadel – Auftritt bei Libori
Umstritten und doch preiswürdig

Paderborn (WB). Die Kulturnadel der Stadt Paderborn ist für Jochen Carl »auf jeden Fall eine Genugtuung«. Er wird den Preis Ende des Jahres stellvertretend für die Querschläger in Empfang nehmen – für die Samba-Trommlergruppe, die in der Stadt umstritten ist.

Freitag, 02.08.2019, 20:16 Uhr aktualisiert: 02.08.2019, 20:30 Uhr
Wenn die Querschläger, wie im vergangenen Jahr, an Libori vor dem Rathaus auftreten, herrscht pure Partystimmung. Foto: Jörn Hannemann

Im vergangenen Jahr wurden die Querschläger 20 Jahre alt – die Zeit davor war nervenaufreibend. Vor drei Jahren drohte der Gruppe ein Auftrittsverbot in der Stadt und das ausgerechnet zu Libori. »Einige Anwohner und Schausteller haben uns als rotes Tuch angesehen und warfen uns Ruhestörung und Einbußen beim Verkauf vor«, erinnert sich Jochen Carl. Er bedauert, dass es Leute gibt, »die uns nicht mögen, weil wir zu laut sind und angeblich zu lange an einem Ort spielen«.

Ärger mit Anwohnern

Weil die heimischen Medien und die Fraktionen im Kulturausschuss gegen die Pläne des Stadtmarketings Front machten, mussten die Verantwortlichen eine andere Lösung finden. Die sah so aus, dass die Querschläger während des Libori-Festes nur am zweiten Samstag auftreten dürfen. Jochen Carl ist mit der Regelung »zufrieden«, aber nicht unbedingt glücklich. Ärger mit Anwohnern gab es auch außerhalb der Libori-Festmeile. Früher probten die Querschläger in der Gesamtschule Elsen, aber das gefiel einem Bürger nicht. Die Gruppe musste weichen und bereitet sich seitdem in der Lise-Meitner-Schule auf ihre Auftritte vor.

Jochen Carl dirigiert die Querschläger.

Jochen Carl dirigiert die Querschläger. Foto: Jörn Hannemann

»Kultur muss in verschiedenen Richtungen ausgelebt werden können«, betont Jochen Carl. Da dürfe kein Unterschied zu einer Lesung oder einem Kammerkonzert gemacht werden. Samba sei kein Krach. »Wir zelebrieren Samba sehr energiegeladen und versprühen Lebensfreude. Samba steht für Weltoffenheit«, erläutert der 48-Jährige. Sozialer Status, Beruf oder sexuelle Ausrichtung eines Menschen spielten keine Rolle. Samba sei Tanzmusik, die Leute dürften ruhig ausflippen.

In Paderborn tun sie das eher selten, in Brasilien regelmäßig. »Ich war dreimal in Rio. Wenn man da in einer Sambaschule steht, ist das das bessere Schützenfest für mich«, schwärmt Jochen Carl, der von Beruf Grafikdesigner und DJ ist. Den Querschlägern gehören inzwischen mehr als 60 Trommler und Tänzer an. Innerhalb des Vereins wurde eine Tanzabteilung eingerichtet, die von Jochen Carls Frau Simone geleitet wird.

Aus ganz Europa kommen die Trommler zusammen

Zu Libori schwillt die Gruppenstärke auf 120 an, denn dann trommeln und tanzen Gäste mit. Im vergangenen Jahr kamen sie aus Samba-Gruppen aus 13 Nationen. »Bei uns lebt das Europafestival weiter«, sagt Carl. Der Verein kümmere sich um Unterkunft und Verpflegung der Gäste, organisiere für sie eine Stadtführung, richte im Schwimmbad den Arschbomben-Wettbewerb aus, probe mit ihnen Stücke ein und führe sie dann zu Libori auf.

Wenn die Surdo-, Repinique-, Caixa-, Shaker-, Tambourin- und Cuica-Trommeln geschlagen und gerieben werden, wird es natürlich laut, aber wie sagte der verstorbene Kabarettist Stani doch so treffend: »Krach machen ist leise schwer.« Angesichts von Lautstärken von bis zu 130 Dezibel spielen die Querschläger selbst mit Gehörschutz. Mal trommeln sie nur, mal werden die Ukulele und Gesang integriert. Ihre Musik eigne sich als Medizin gegen »akute und chronische Spaßmangelleiden und Griesgrämigkeit, Antriebslosigkeit und Übermüdung«, heißt es auf der Internetseite ironisch. Bei »absoluter Bewegungsabneigung, Lautstärkeempfindlichkeit oder unheilbarem Pessimismus« könnten die Querschläger aber auch nichts ausrichten.

Die treten regelmäßig bei Festivals im In- und Ausland auf. Das Samba-Festival im Juni in Helsinki hat Jochen Carl noch in bester Erinnerung. Bei der offiziellen Party nach der Parade habe mit den Querschlägern erstmals seit 1997 wieder eine Gruppe aus Deutschland auftreten dürfen.

»Ich möchte nicht everybody`s darling sein«

Zurück nach Paderborn: Die Querschläger, die ihren Namen der Musikschule am Querweg und dessen Lehrer Stefaan Hollevoet verdanken, scheuen nicht davor zurück, auch mal die Querulanten zu spielen. »Ich möchte nicht everybodys darling sein«, gibt Jochen Carl zu. Die Kulturnadel dürfen er und seine Mitstreiter als Rückendeckung der Stadt empfinden.

Wer die Querschläger an diesem Samstag live erleben möchte, hat dazu mehrere Gelegenheiten. Um 14 Uhr sind sie beim »Samba-Kaffeekränzchen« im Haxthausengarten hinter der Paderhalle. Dann führt sie ihr Weg auf die Außenbühne des Capitols, wo sie ab 17 Uhr trommeln. Auf dem Rathausplatz zeigen sie um 20 Uhr ihre »Samba-Batucada-Show«, und ein weiteres Mal sind die Querschläger zwischen 21 und 22 Uhr vor der Herz-Jesu-Kirche zu sehen.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6823373?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198401%2F2512560%2F
Behinderungen wegen bundesweiter Warnstreiks im Nahverkehr
Mitarbeiter der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) streiken vor einem BVG Betriebshof in der Stadt.
Nachrichten-Ticker