Jochen Malmsheimer und Uwe Rössler amüsieren das Publikum im Museum Lustiges Mittelalter

Paderborn (WB). Angst vor der Hölle, rohe Gewalt, Seuchen, kurze Lebenserwartung: Das Mittelalter war nicht lustig. Aber wenn die angeblich so dunkle Zeit witzig aufbereitet wird, kommt Freude auf. So wie am Sonntagabend im Diözesanmuseum.

Von Dietmar Kemper
Das Diözesanmuseum ist der ideale Schauplatz, um aus dem Mittelalter zu berichten. Jochen Malmsheimer macht das auf unnachahmliche Weise.
Das Diözesanmuseum ist der ideale Schauplatz, um aus dem Mittelalter zu berichten. Jochen Malmsheimer macht das auf unnachahmliche Weise. Foto: Dietmar Kemper

»Jeden Tag Grütze«, flucht der kleine Heinrich, der später Heinrich IV. genannt werden wird. Jochen Malmsheimer gibt dem Kind und dem Herrscher eine Stimme. Er hat bei einer Verbenausgrabung das Tagebuch des deutschen Königs und römischen Kaisers (1050-1106) entdeckt. Der »Stern«, seit den Hitler-Tagebüchern ja bekanntlich eine Autorität auf diesem Gebiet, habe ihm bestätigt, dass die Buchstabenkombination »HIV« nur Heinrich IV. bedeuten könne, witzelt Malmsheimer.

»Der Koch kann nur Grütze«

Der Kabarettist stellt das Mittelalter vom Kopf auf die Füße, beschreibt nicht die hohe Politik, sondern den Alltag. Und das aus den Augen eines Königs, der an allem etwas zu meckern hat: an der Grütze (»Der Koch kann nur Grütze. Was nützen einem da die Privelegien?), an der Musik (»Dieses variationslose Gefiepe und Gehupe ist so wie die Gesichter der Menschen«), am Reisen (»Das ganze Reich ist ein einziges Schlammloch«) und an den Sachsen (»Der Name kommt von Auf-den-Sack-gehen«). Er spottet über Städte (»Halberstadt? Zu einer ganzen hat es wohl nicht gereicht«) und über seine Frau Bertha, die mit ihm zum Papst nach Canossa aufbricht (»Die Reise mit dieser Frau ist allein schon ein übermenschlicher Bußgang«).

Malms­heimer (57) ist mit dem Mund so mächtig, wie es mittelalterliche Kaiser mit dem Schwert waren. »Itzt« übernimmt er die Sprache des Mittelalters, dann wechselt er ins Lateinische und beklagt in »Omnia pecatum est« (Alles ist Sünde) die Freudlosigkeit der damaligen Zeit.

Erinnerungen an die »Canossa«-Ausstellung kommen auf

Die 250 Besucher im vollbesetzten Diözesanmuseum genießen den urkomischen Ausflug in eine vergangene Epoche. Einige werden sich bei dem Programm »Zwei Füße für ein Halleluja – mit einem Regenten unterwegs« erinnert haben. Es entstand nämlich vor 13 Jahren, passend zur Ausstellung »Canossa 1077 – Erschütterung der Welt. Geschichte, Kunst und Kultur am Anfang der Romanik«. Die Geschichte von Heinrich, der im Winter nach Canossa pilgert, um von Papst Gregor VII. die Aufhebung der Exkommunikation zu erwirken, lockte 2006 rund 185.000 Besucher nach Paderborn.

Das Mittelalter hätte solche Narren gebraucht

Aber nicht nur Malmsheimer machte den Abend so unterhaltsam. Für die an die Musik der Zeit angelehnte Untermalung der Tagebuchaufzeichnungen griff Uwe Rössler in die Tasten von Piano und Keyboard. Virtuos variierte er zeitgenössische Klänge mit Bach, Brahms, Beethoven, Mozart und Liszt. Was soll Heinrich IV. in sein Tagebuch gekritzelt haben: »Was diese Epoche braucht, ist Jazz.« Sie hätte auch Narren wie Malmsheimer gebraucht. Dann wäre es damals lustiger zugegangen.

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