Paderborner Ozeanschwimmer André Wiersig steht kurz vorm Ziel der Ocean’s Seven – mit Video
»Alles in deinem Körper sagt: Hör auf!«

Paderborn (WB). Der Paderborner André Wiersig (46) steht kurz davor als erster Deutscher die »Ocean’s Seven«, die sieben am schwierigsten zu durchschwimmenden Meerengen, zu meistern. Nach der Cook Strait in Neuseeland will er die Herausforderung in fünf Wochen mit der Straße von Gibraltar abschließen. Im Gespräch mit WB-Redakteurin Maike Stahl verrät er, was dafür noch wichtiger ist als Schwimmtraining.

Donnerstag, 09.05.2019, 19:59 Uhr aktualisiert: 12.05.2019, 13:26 Uhr
Allein im Meer: Sechs Meerengen hat der Paderborner André Wiersig bereits durchschwommen – nur mit Badehose und Schwimmbrille ausgerüstet. Foto: Dennis Daletzki

Nachdem Sie sechs Meerengen durchquert haben, stehen Sie kurz vorm Ziel. Sehen Sie sich als Held oder sind Sie einfach ein bisschen verrückt?

André Wiersig: Weder noch. Ich fühle mich nicht als Held und halte mich und das, was ich mache, auch für völlig normal. Es gab immer Leute, die das für andere Unmögliche möglich gemacht haben, die mit Segelschiffen neue Welten entdeckt oder eine Insel gesehen haben und hingeschwommen sind. Einige sind natürlich nicht zurückgekommen, ich bin es zum Glück. Deshalb sehe ich meine Aufgabe darin, anderen davon zu erzählen. Denn wenn du so unmittelbar Teil des Ozeans bist, macht das was mit dir. Das Meer spricht mit dir. Und du kannst aus dieser einmaligen Perspektive berichten.

Welche Perspektive durften Sie kennenlernen, als Sie sich vergangene Woche die Cook Strait erschwommen haben?

Wiersig : Ich nehme immer eine Riesenportion Demut und Dankbarkeit mit. Für mich ist das keine Selbstverständlichkeit. Ich sehe es vielmehr als absolutes Privileg an, da draußen sein zu dürfen. Ich bin Gast im Ozean, und als Gast beschwert man sich nicht zum Beispiel über Quallen oder Haie. Ich hege niemals Groll.

Die Ocean’s Seven

Sechs von sieben Strecken der weltweit am schwersten zu durchschwimmenden Meerengen hat André Wiersig bereits erfolgreich absolviert.

2014: Ärmelkanal zwischen England und Frankreich (34 Kilometer) in 9 Stunden 43 Minuten für 52 Schwimmkilometer.

2015: Kaiwi-Kanal zwischen den Inseln Molokai und Oahu, Hawaii (44 Kilometer) in 18 Stunden 26 Minuten für 52 Schwimmkilometer.

2016: Nordkanal zwischen Irland und Schottland (34 Kilometer) in 12 Stunden 17 Minuten für 39 Schwimmkilometer.

2017: Santa Catalina-Kanal zwischen Santa Catalina Island und Los Angeles (34 Kilometer) in 9 Stunden 48 Minuten für 36 Schwimmkilometer.

2018: Tsugaru-Straße zwischen den Inseln Honshu und Hokkaido, Japan (20 Kilometer) in 12 Stunden 55 Minuten für 52 Schwimmkilometer.

2019: Cook-Straße zwischen der Süd- und Nordinsel Neuseelands (26 Kilometer) in 8 Stunden 2 Minuten für 33 Schwimmkilometer.

Noch ausstehend: Straße von Gibraltar zwischen Marokko und Spanien (14 Kilometer).

...

Auch keinen Groll gegen sich selbst?

Wiersig : Nein, überhaupt nicht. Mich zwingt ja niemand dazu. Ich habe die Ocean’s Seven auch nie als etwas gesehen, das man der Reihe nach abhakt. Es ist eine selbst auferlegte Aufgabe, die ich meistern möchte. Ich weiß aber auch, dass man den Ozean nicht bezwingen kann, man bleibt ihm ausgeliefert. Das ist auch gut so.

Hatten Sie, als Sie 2014 durch den Ärmelkanal gekrault sind, die Ocean’s Seven schon im Blick?

Wiersig : Nein, ich hatte das nicht auf der Uhr. Ich hatte davon gehört, aber es ging nur um den Ärmelkanal, der ja auch als Olymp der Schwimmer gilt. Im Verhältnis dieser sieben Kanäle ist er natürlich mit der Einfachste, aber trotzdem bleibt das eine Riesensache, denn man schwimmt genauso puristisch wie 1875 Captain Webb – nur in Badehose und heute zum Glück auch mit Schwimmbrille.

Sie schwimmen oft in der Nacht, wenn das, was im dunklen Wasser möglicherweise auf einen wartet, für viele noch bedrohlicher wirkt. Woher nehmen Sie das Vertrauen, einfach reinzugehen und rauszuschwimmen?

Wiersig : Das habe ich mir antrainiert und schreibe auch gerade ein Buch über die Methodik. Darauf muss man sich vorbereiten, sonst würde einen das früher oder später übermannen. Profitiert habe ich davon für das ganze Leben.

Aber fängt nach 8, 10 oder 14 Stunden nicht doch irgendwann das Kopfkino an? Es gibt ja keine Ablenkung.

Wiersig : Es ist in dieser Isolation eine riesige Herausforderung, mit sich selbst gut auszukommen. Es ist ein kontinuierlicher Prozess, auch während des Schwimmens, sich selbst zu mögen und alles zuzulassen. Im Alltag reden wir uns oft irgendwas ein und beschäftigen uns mit irrationalen Spekulationen, was passiert könnte – das muss man abschalten und vollkommen im Moment bleiben. Auf keinen Fall darf man in die Opferrolle fallen. Wichtig ist, dass man da ist und den nächsten Armzug tut, weil man es genauso wollte.

An etwas Schönes zu denken hilft auch nicht?

Wiersig : Nein. Bei 13 Grad Wassertemperatur nur in Badehose und Schwimmbrille ist das Meer eine Todeszone für uns Menschen. Wie lange will man sich da einreden, dass es gar nicht so kalt ist? Zehn Minuten? Eine halbe Stunde oder eine Stunde? Ich bin jetzt acht Stunden geschwommen, das funktioniert einfach nicht. Es ist kalt, das muss man akzeptieren und sich klar machen, dass man darauf vorbereitet ist und es kann.

Zur Person

André Wiersig ist 46 Jahre alt, verheiratet und Familienvater. Der Paderborner ist in Hamburg als Vertriebsleiter eines IT-Unternehmens tätig und lebt in Hamburg und Paderborn. Seine sportliche Karriere startete er als Schwimmer beim 1. PSV, später startete er für den 1. Tri-Club in Paderborn als Triathlet. Seine Karriere als Ozeanschwimmer startete er, nachdem er im Winter auf Ibiza feststellte, dass er im kalten Wasser nicht in der Lage war, zu einer Boje zu schwimmen, die im Sommer sein Lieblingsziel ist, und gezielt darauf hin trainierte. Wiersig ist seit 2018 Meeresbotschafter der Deutschen Meeresstiftung.

...

Vor dem Ärmelkanal haben Sie nur kalt geduscht. Haben Sie das durchgezogen?

Wiersig : Drei Jahre lang habe ich das gemacht. Jetzt dusche ich zwischendurch auch mal wieder warm. Aber Abhärten ist wichtig. Ich war im Februar zum Training auf Mallorca, da hatte das Wasser auch nur 14 Grad.

Hat es denn geholfen zu wissen, dass Sie es können? Der North Channel war ja auch entsprechend kalt.

Wiersig : Es ist trotzdem ein Schock. Man gewöhnt sich nie daran. Man hört ja oft: Wenn es nicht mehr geht, hörst du halt auf. Aber bei 13 Grad Wassertemperatur geht es von der ersten Minute an nicht. Da sagt alles in deinem Körper: Hör auf! Und man weiß nie, wie lange man braucht. Dieses Mal bin ich sogar in die Dunkelheit geschwommen, was wegen der Haie in Küstennähe als mentale Zusatzherausforderung hinzukam. Wenn man in Neuseeland am Strand entlanggeht, liegen dort große halbe Fische, und man weiß, dass die nicht an Altersschwäche gestorben sind.

Ich finde es besonders bemerkenswert, dass Sie alle sechs Strecken direkt im ersten Versuch gemeistert haben.

Wiersig : Da bin auch der Einzige. Ich bin auch der Einzige, der ohne Haiabwehrsystem schwimmt, das ein elektromagnetisches Feld aufbaut. Das entspricht nicht meiner Philosophie. Die Haie sind da zuhause. Das sind tolle Tiere. Wir denken viel zu viel. Ich hatte bisher nur tolle Begegnungen, auch wenn man sich natürlich nie daran gewöhnt.

Sie schwimmen in der Regel bedingt durch Wind, Wellen und Strömung viel mehr Kilometer, als die kürzeste Verbindung hätte. Wie orientieren Sie sich?

Wiersig : Ich habe das Begleitboot, an dem ich mich als Schwimmer orientieren kann. Aber ich weiß nie, wie lange so ein Tag geht. Das muss auch völlig egal sein. Auch wenn es nur noch drei Kilometer bis zur Küste sind, kann es noch Stunden dauern. Es ist zum Beispiel auch wichtig, mal mit wenig Atemzügen auszukommen. Das trainiere ich indem ich, wenn ich irgendwohin gehe, nur alle zwölf Schritte atme. Man muss sich daran gewöhnen, total ruhig zu bleiben – ob ich eine Zeit nicht so oft atmen kann oder einem Hai begegne.

Wie schaffen Sie das neben Beruf und Familie?

Wiersig : Man muss an sich arbeiten, die richtige Einstellung finden, eine Passion draus machen. Ich habe das, weil ich gerne Teil des Ozeans bin. Und wenn meine Familie dann dabei ist, ist es das Allergrößte.

Abgesehen von der persönlichen Challenge verbinden Sie mit dem Schwimmen auch eine Botschaft und nutzen dafür den Ruhm, den Sie sich inzwischen erworben haben. Was liegt Ihnen besonders am Herzen?

Wiersig : Dass ich für den Ozean sprechen darf. Jemand wie ich kann, wenn die Leute zuhören, etwas bewegen. Nah dran sind viele, Segler zum Beispiel. Aber kaum jemand ist ein Teil davon, so wie ich, wenn ich stundenlang da draußen schwimme. Es ist einfach ein Unterschied, ob ich im Boot sitze und Plastiktüten vorbeitreiben sehe oder nachts in eine Tüte schwimme. Ob ich von Quallen zerstochen werde, weil die Meere so überfischt sind, dass die sich unkontrolliert ausbreiten oder völlig abgetrieben werde, weil die Strömungen sich verändern – auch das ist menschengemacht.

Wenn man das so unmittelbar erfährt, wird man auch aktiv und denkt ganz anders darüber nach, wenn man sich mit einem Einwegkaffeebecher in der Hand ertappt. Dann ändert man auch was.

Unterwegs mit Extremschwimmer André Wiersig

1/30
  • Unterwegs mit Extremschwimmer André Wiersig
Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki
  • Foto: Dennis Daletzki

Jetzt steht noch Gibraltar auf der Liste, was mit 14 Kilometern für Sie als bessere Trainingseinheit durchgehen dürfte? Was ist die Herausforderung und wann soll es losgehen?

Wiersig : Los geht es schon in fünf Wochen. Gibraltar ist mit Abstand die leichteste Etappe, aber man sollte nicht den Fehler machen, das zu unterschätzen. Wir haben inzwischen den Ruf zu verteidigen, dass die »Germans« immer top durchorganisiert und vorbereitet sind und die unmöglichsten Sachen möglich machen. Deshalb werde ich nicht leichtfertig an den Start gehen. Ich ziehe das Training weiter voll durch und bringe das vernünftig zu Ende.

Was erwartet Sie, wenn das geschafft ist?

Wiersig : Das mediale Interesse steigt natürlich jetzt, aber dafür habe ich das nie getan. Ich freue mich total darauf, dass ich dann noch befreiter das Meer genießen kann. Ich war ja sehr fokussiert darauf, es zu schaffen, jetzt soll der Spaß noch mehr im Vordergrund stehen. Ich möchte zu einigen Orten zurückkehren, mich weiter für die Ozeane einsetzen und mit den tollen Menschen in Kontakt bleiben, die kennengelernt habe. Ich halte Vorträge, darf auch bald vor dem EU-Parlament sprechen und schreibe das Buch zu Ende. Das »Ich-kann-schwimmen«-Projekt, dass ich in Paderborn gestartet habe, wird jetzt auf andere Städte ausgerollt. Das macht alles viel Spaß.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6600304?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198401%2F2512560%2F
Strom aus der Nostalgie-Parkuhr
So könnte es aussehen: Ein alter Käfer, hier als E-Käfer dargestellt, „tankt“ Strom an einer Säule, die einer Parkuhr gleicht. Foto:
Nachrichten-Ticker