Neuer Paderbornfilm erzählt die Geschichte von 1920 bis 1960
Trümmer, nichts als Trümmer

Paderborn (WB). In Paderborn stank es fürchterlich. Pferdefuhrwerke transportierten in den 1920er Jahren die Fäkalien aus der Stadt.

Freitag, 03.05.2019, 17:00 Uhr
Die Aufnahme zeigt, wie Paderborns Kernstadt mit Hilfe der Trümmerbahn und eines Baggers vom Schutt befreit wird. Foto: Stadt- und Kreisarchiv Paderborn/Theo Gockel

»Bei der Kanalisation war Paderborn völlig rückständig«, sagt der Historiker Klaus Hohmann in dem Film »Paderborn – Stadt im Wandel 1920-1960«, der am Donnerstagabend im Rathaus vorgestellt wurde. Bei dem 45-minütigen Streifen mit historischem Film- und Fotomaterial handelt es sich um eine Produktion des LWL-Medienzentrums für Westfalen und des Stadt- und Kreisarchivs Paderborn.

»Visuelles Gedächtnis des 20. Jahrhunderts«

Solche Filme seien »das visuelle Gedächtnis des 20. Jahrhunderts«, sagte der stellvertretende Vorsitzende der LWL-Landschaftsversammlung, Michael Pavlicic. Der unter der Regie von Andrea Wirtz entstandene Filme zeige die Entwicklung »vom beschaulichen Paderborn über die immensen Kriegszerstörungen bis zur radikalen Neugestaltung in den 50er Jahren«.

Infrastruktur wird kräftig ausgebaut

Trotz Gestank waren die Jahre bis zur Weltwirtschaftskrise beschaulich. Gut 32.000 Menschen lebten damals in Paderborn, als größter Arbeitgeber sicherte die Bahn 2200 Menschen Lohn und Brot. Handwerk, Landwirtschaft und Volksfeste wie Libori strukturierten das Jahr, und als ab 1930 die Kanalisation gebaut wurde, roch es auch viel besser entlang der Pader. Mit Feuerwehrhaus, Post, Sparkasse, Pesag und Wasserwerk baute die Stadt die Infrastruktur aus, Paderborn war ein Zentrum des Wollhandels, das Kaufhaus Klingenthal entstand.

Dann begann die dunkle Zeit: In der Weltwirtschaftskrise verzehnfachte sich zwischen 1930 und 1932 die Zahl der Arbeitslosen. Verzweiflung und Not spülten die Nazis an die Macht. Die versuchten vergeblich, den Einfluss des Katholizismus in Paderborn einzudämmen. Stattdessen hätten sich die Paderborner nur umso fester um ihre Kirche und ihren Erzbischof geschart, sagt Historiker Hohmann. Den Juden half das aber nicht: Die Familie Grü­nebaum musste ihr Kaufhaus am Rathausplatz weit unter Wert verkaufen, es wurde »arisiert«. 1938 brannte die Synagoge.

1000 Mal Luftalarm

Ein paar Jahre später schlug die Gewalt, die Hitler über die Welt brachte, in Form von britischen und amerikanischen Bomberstaffeln auf Paderborn zurück. Etwa 1000 Mal wurde seit 1943 Luftalarm ausgelöst, die Stadt letztlich zu 85 Prozent zerstört. »Paderborn war 1945 ein rauchender Trümmerhaufen, so gut wie nicht mehr existent«, betont Klaus Hohmann.

»Bis 1943 haben wir keinen Hunger gelitten, Brot haben wir uns von Bäckern im Umland besorgt«, erzählt Zeitzeuge Heinz Claes. Dann wurde Essen knapp. Und Gerda Böddeker, damals ein kleines Mädchen, erinnert sich an eine Untersuchung unmittelbar nach dem Krieg: »Ich war so dünn, dass der Arzt sagte, wir müssen gar nicht röntgen, wir sehen die Knochen auch so.«

Der Krieg hatte nur 450 Wohnungen verschont, bis 1949 wurden 500.000 Kubikmeter Schutt aus der Stadt befördert. Der Schwarzmarkt am Bahnhof blühte. »Kaffee kostete 400 Mark«, weiß Jost Wedekin noch.

Nach dem Krieg entstand Paderborn radikal neu. Hunderte Grundstücke wurde enteignet, um bis zu 18 Meter breite Straßen anlegen zu können. Auf Dom und Paderquellgebiet wurde ein freier Blick geschaffen.

»Wirtschaftliches Notstandsgebiet«

Weil der Industriesektor mit Ausnahme der Firma Benteler unterentwickelt war, galt Paderborn noch bis 1955 als »wirtschaftliches Notstandsgebiet«. Mit Hilfe des »Ostwestfalenplans« wurden neue Firmen angesiedelt und 3500 Jobs geschaffen. Mit Heinz Nixdorf wurde Paderborn schließlich zur Computerstadt. Die Film-DVD kostet 14,90 Euro. Sie enthält »Use Liburges«, einen Heimatfilm, der im Auftrag des Erzbistums zur 1100-Jahr-Feier des Liborifestes 1936 entstand. Zu haben ist die DVD beim Verkehrsverein.

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