Gerhard Polt und die Well-Brüder sorgen für Festzeltstimmung
Der begnadete Grantler

Paderborn (WB). Keiner spielt die Rolle des bayerischen Grantlers so wunderbar wie Gerhard Polt. Die Paderhalle bog sich am Mittwochabend vor Lachen. Daran, dass zwei Stunden lang eine Stimmung wie im Bierzelt herrschte, hatten aber auch die Well-Brüder aus’m Biermoos einen großen Anteil. Sie sind weit mehr als nur die Begleitung des Kabarett-Urgesteins.

Donnerstag, 04.04.2019, 16:00 Uhr
Gerhard Polt (rechts) mit seinem Liebling unter den Well-Brüdern, dem Stofferl. Beide verbindet die spöttische Liebe zu Bayern und dessen Eigenheiten. Foto: Dietmar Kemper

Michael, Karli und Stofferl Well hatten sich penibel auf den Auftritt in Paderborn vorbereitet. Hier regiere als Bürgermeister der »Feier-Dreier« und die Domstadt brauche eine neue Bahnhofsbrücke: »Ob die wohl noch vor dem Berliner Flughafen fertig wird?«

Loblied auf den Schweinsbraten

So viel zu Paderborn, der Rest drehte sich natürlich um Bayern. Um dessen unerschütterliches Selbstbewusstsein zum Beispiel: »Schweinsbraten für Europa, Schweinsbraten für die Welt – mit Knödeln und Weißbier sind wir bestens aufgestellt.« Und natürlich um die CSU. Die habe das Weltraumprogramm aufgelegt, um für sich einen neuen Stern zu suchen und dort überall ein Kruzifix in den Boden zu rammen, lästerten die Well-Brüder. Gleichzeitig wolle Verkehrsminister An­dreas Scheuer die »Milchstraße achtspurig ausbauen«.

Ausgezeichnete Musiker

Die Well-Brüder, die Nachfolgeformation der Biermösl Blosn, verwursten nicht nur die Klischees über Bayern unterhaltsam in ihren Liedern, sie sind auch allesamt ausgezeichnete Musiker. Bei ihnen verträgt sich Bachs Hochkultur mit bayerischer Volksmusik. Well done sozusagen! Am Ende mussten einige Zuhörer mithelfen und die für die Bühne zu langen Alphörner auf ihren Schoß nehmen.

Aufs Korn nahm Gerhard Polt den deutschen Spießbürger, fanatische Vereinsvertreter, Möchtegern-Experten und einfältige Radiomoderatorinnen. Wenn sich der 76-Jährige in seine Rollen hineinsteigert, sich zum Beispiel in einen Wutbürger verwandelt, dann bleibt kein Auge trocken und es wird deutlich, wie groß Kleinkunst sein kann.

Die Stimme und das zerknitterte Gesicht reichen

Im Gegensatz zu Martin Sonneborn braucht Polt nicht die Hilfe von Fotos lustiger Wahlplakate auf einer Videoleinwand, damit Witz aufkommt, und Polts Bewegungsradius ist so klein wie ein Bierdeckel. Ihm reicht die Stimme, mit der er urkomische Geschichten erzählt, und das zerknitterte Gesicht, mit dem er das Erzählte unterstreicht. Als Spießbürger mokiert er sich über seinen Nachbarn, der sich nicht an die Grillordnung halte und im September mehr als die genehmigten 18 Paar Bratwürstel gebrutzelt habe. Und dann noch der Beruf! »Ich habe immer gedacht, Künstler verhungern, aber der frisst am meisten!«

Grandios auch der Wutausbruch als Sprecher des Fischereivereins. Der Chiemsee verfärbe sich blutrot, weil der Kormoran sich »auf die deutsche Forelle und den deutschen Hecht stürzt«. Kormorane seien kein deutsches Geflügel – schließlich stecke darin ja das Wort Koran.

»Ich rede so vor mich hin«

Polt wurde durch Filme wie »Kehraus« und »Man spricht Deutsch« sowie durch die TV-Reihe »Fast wia im richtigen Leben« populär und mit Preisen überhäuft. Im Mai wird ihm in Meran der »Ehrenstier« des »Salzburger Stiers« für sein Lebenswerk verliehen. Was Polt von sich gibt, wirkt manchmal wirr. Der Kabarettist sagt selbst: »Ich rede so vor mich hin und hoffe, dass der Gedanke mit dem, was ich sage, einigermaßen Schritt halten kann.«

Als radebrechend französisch parlierender Weinkenner entlarvt Polt die Wichtigtuerei der angeblichen Experten, als indischer Priester, der Bayern auch durch Espressomaschinen in Frühmessen rekatholisieren will, und als Ansager eines klassischen Konzerts zeigt er sich als gekonnter Imitator. Carsten Hormes, Leiter des Kulturbüros OWL, sagte vor dem Auftritt, er sei stolz, Polt in die Region geholt zu haben. Hoffentlich gelingt ihm das wieder.

Kommentare

Andreas Damerow  wrote: 05.04.2019 23:48
Für welche Partei tritt er an?
Eine Frage zu dem Halbsatz:
"Im Gegensatz zu Martin Sonneborn braucht Polt nicht die Hilfe von Fotos lustiger Wahlplakate auf einer Videoleinwand, damit Witz aufkommt,"

Herr Polt ist ein begnadeter Humorist, keine Frage. Aber weshalb vergleichen Sie ihn mit einem Politiker? Martin Sonneborn ist ein Politiker, der mit satirischen Mitteln arbeitet und was viele Leute verwechseln: Satire kann, aber muss nicht lustig sein. Die Aufgabe von Satire soll aufklären und über die Sinnhaftigkeit nachzudenken anzuregen. Hat die Satire noch Witz, ist sie erfolgreicher. Bei Humorveranstatungen ist der Witz der Hauptbestandteil.
Ein Beispiel: Das Ende der Präsdentschaft von Herrn Wulf war nicht lustig, aber auf jedefall Realsatire.
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